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Kategorie: Leben
 Ausgabe_05_2013 - 01.05.2013

Text:  Regula Heinzelmann

Es wird viel über die Jugend geschimpft und geklagt. Sie sei destruktiv, konsumorientiert und planlos, heisst es. Warum sind die Kids, wie sie sind? Und was für eine Rolle haben die Erwachsenen heute eigentlich?

Kids – kommt aus dem Englischen und steht auch für Rehkitze oder Bambis. Einerseits verwenden wir das neudeutsche Wort für die niedlichen Kleinen, andererseits auch für die unbequemen und problematischen Jugendlichen, deren Pubertätsphase heute immer früher beginnt. Die beiden Autoren Werner Siegert und Ingrid Schumacher ärgern sich wie viele andere Erwachsene auch über die junge, zuweilen destruktive Generation. Doch statt nur die Faust zu machen und alle Kids in einen Topf zu werfen, versuchten sie, ein differenziertes Bild der heutigen Jugend zu zeichnen. In ihrem Buch «Supermacht Kids» unterscheiden die beiden drei verschiedene Typen: Da gibt es die Ü-Kids. Sie stehen für die überforderten Jugendlichen, deren Eltern oft kaum fähig sind, sie zu erziehen. Diese gibt es in allen sozialen Verhältnissen, auch im Wohlstand. «Diese tyrannisierenden Kids werden von den Ansprüchen, die eine Gesellschaft an Heranwachsende stellt, total überfordert. Sie scheitern oft schon an den einfachsten Anforderungen.» Ü-Kids tauchen sehr oft in Schwärmen auf, ihre destruktive Macht beruht auf der Menge. Die F-Kids hingegen sind die Future-Kids. «Diese Kids sind mit hohem Eifer, Zielstrebigkeit, Fleiss und hoher Intelligenz an ihrer und darüber hinaus an der Zukunft der Zivilisation, ja, man kann durchaus sagen, der Menschheit interessiert.» Im Extremfall sind es sogenannte Nerds, also Computerfreaks und hochintelligente, in sich gekehrte Spezialisten. Und dann gibt es noch die W-Kids: Das sind angepasste Wohlstandskids, die irgendwo in der Mitte zwischen den Ü- und den F-Kids hin- und herpendeln. Ihnen werden viele Wünsche von der Familie erfüllt und sie bleiben anlehnungsbedürftig und gern lange im Hotel Mama. «W-Kids können, wenn sie in schlechte Gesellschaft geraten – oft über Drogenparties –, zu Ü-Kids mutieren; haben natürlich auch jede Chance, sich F-Kids anzuschliessen», so die Autoren.

Grenzen statt falsche Toleranz

Viele Ü-Kids lernen rasch, dass der Vater Staat mit seinen vielfältigen Institutionen niemanden verkommen lässt. «Je fauler, ungezogener und aufsässiger ein solches Kind, ein solcher Jugendlicher ist, desto stärker kümmern sich viele Einrichtungen um ihn.» Haben sich die Ü-Kids bereits strafbar gemacht, werden sie traktiert mit speziellen Massnahmen auf Kosten der Steuerzahlenden.

Oft sei Vandalismus im Grunde ein Schrei nach Liebe, meint Werner Siegert: «Zerstörung nicht zu kriminalisieren, ist aber ein Zeichen von Ignoranz.» Statt für Nachgiebigkeit plädiert Siegert für Grenzen. Wer Zerstörungen begeht, soll diese, wenn möglich, selbst beseitigen oder mindestens eine Wiedergutmachung leisten. Weiter muss man den Jugendlichen positive Ziele vor Augen führen: «Unsere Aufmerksamkeit ist gefordert, die Ü-Kids dort abzuholen, wo wir sie nicht haben wollen, und ihnen ein attraktiveres Angebot zu machen.»

Früher war es anders. Warum?

Als Werner Siegert (geboren 1930) und Ingrid Schumacher (geboren 1932) jung waren, gab es in der Erziehung feststehende Werte, wie Höflichkeit, Ehrlichkeit, Fleiss, Hilfsbereitschaft, die kaum infrage gestellt wurden. Später herrschte Krieg. Man hatte Todesangst, wenn man während der Bombenangriffe im Luftschutzkeller sass, und fühlte sich ausgeliefert. Aber wenn der Angriff vorbei war, griff man zu, versorgte Verletzte, löschte Brände und nahm Leute auf, die ihre Wohnung verloren hatten. Und man lernte zu teilen, was man noch besass.

Solche Erlebnisse schaffen ein Zusammengehörigkeitsgefühl, das nach Werner Siegerts Ansicht der heutigen Jugend fehlt. Heute sind deren Probleme diffuser. Die alten Werte gingen verloren oder wurden mindestens relativiert. Ein wichtiges Problem ist, dass die Welt sich schneller verändert als jemals zuvor und dies sowohl Eltern und Kinder überfordert.

Stephan Schleiss, Vorsteher der Direktion für Bildung und Kultur des Kantons Zug, ortet das Problem unter anderem auch bei den Erwachsenen. Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Erziehung seien reife Erwachsene. «Andernfalls hält uns die Jugend den Spiegel vor. Das hässliche Gesicht, das wir dann sehen, ist nicht das der Jugend, sondern unser eigenes.»

Im Umgang mit der Jugend – oder mit den Menschen an sich – sind laut Stephan Schleiss vier Felder zentral: «Vertrauen schenken, Ziele setzen, Spannungen aushalten und Beziehungen pflegen. Die Pflege dieser vier Felder bedarf einer reifen Persönlichkeit, während kindische Eltern oder Lehrpersonen an dieser Herausforderung scheitern. Erwachsene, die selber Jugendliche sein wollen, oder auch Erwachsene, die über alle anderen, aber nicht über sich selber lachen können – für solche und ähnliche Kindsköpfe hat die Jugend ein feines Sensorium.»

Das Buch
«Supermacht Kids», Amalthea Signum Verlag, Wien /München, 174 Seiten

Fotos: gettyimages.com, zvg

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