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Der Morgendominator

Kategorie: Leben
 Ausgabe_05_2013 - 01.05.2013

Text:  Thomas Widmer

Thomas Widmer steht bereits um fünf Uhr in der Früh auf – er spielt Schach, macht Pilates und sorgt mit E-Mails für Ärger. Das geht gut, bis er eines Morgens den Nachbar trifft.

Ich fliege in einem Wasserflugzeug über eine weite Wasserfläche. Eine Lagune oder ein Bayou. Schlingpflanzen. Flamingos. Alligatoren. Und nun lege ich mein Flugzeug in eine Kurve und ...

Di-di-dididi, di-di-dididi, di-di-dididi, di-di-dididi ...

Der Wecker! Fünf Uhr. Ich schwinge mich aus dem Bett. Widmer-der-tollkühne-Florida-Pilot ist nun Widmer-der-wilde-Frühaufsteher.

Jeden Morgen dasselbe Programm. Badezimmer. Dann den Kaffee aufgesetzt und die Zeitung geholt. Und dann Zeitung und Kaffeetasse auf einem Tablett neben das Sofa platziert. Und dann nicht etwa die Zeitung aufgeschlagen. Nein, jetzt nehme ich den Laptop zur Hand. Ich spiele Schach, jeden Morgen, im Internet, wo stets einer für eine Zehn-Minuten-Partie zu haben ist.

Gegen sechs Knieturnen und Pilates für den Rücken. Schliesslich doch die Zeitung. Und dann bereit machen fürs Büro und ab auf den Zug. Oder aber bereit machen für den Zuhause-Schreibtisch und ab an denselben.

Warum ich praktisch jeden Morgen so früh auf den Beinen bin – dazu fällt mir so manche Erklärung ein. Erstens: Das Aufstehen geht mir wie von selber. Es klappt sogar ohne Wecker. Zweitens: Der frühe Morgen gehört mir und nur mir. Nun gut, da ist der Fluglärm über Zollikerberg ab sechs. Ansonsten: niemand wach. Gegenüber im Flachblock ist alles dunkel. Keines der Autos auf dem nahen Parkplatz hat Licht. Auch die Rentnerin mit dem Terrier, der gern an mir hochspringt und mir die Hosen beschmutzt, taucht erst später auf. Um sieben, wenn ich unterwegs ins Büro bin.

Irgendwie ist diese Absenz von Menschen ein gutes Gefühl. Und so könnte man drittens spekulieren, dass der Frühaufsteher ein Menschen-Nichtmöger ist. Bei mir stimmt das nicht, denke ich. Eher motiviert mich die Unabgenutztheit des Tages. Seine Frische. Seine vielen Möglichkeiten. Mona allerdings hat mir kürzlich eröffnet, dass meine Frühaufsteherei durchaus elitär bedingt sei. Sie sei Herabschauen auf die Späteraufsteher. Aktive Verachtung jener Leute, die um halb acht die Lider aufzwingen und keine Ahnung haben, wie ihr zweiter Vorname lautet und welches ihr Geburtsjahr ist.

Hat was, Mona, ich gebs zu. Es ist mir ein Vergnügen, morgens um halb sechs schon im Schach gewonnen zu haben, dank einem perfiden Dameneinschlag auf G7. Morgens um sieben schon Blogeinträge abgesetzt zu haben. Morgens um halb acht schon mehrere E-Mails geschrieben zu haben. Am besten geschäftliche, die zum Beispiel Druck auf irgendjemanden machen, endlich den versprochenen Artikel abzuliefern. Ja, ich bin ein terroristischer Frühaufsteher!
Ein Morgendominator.

Umso schlimmer, was mir letzte Woche passiert ist. Ich bin um Viertel nach fünf unterwegs zum Briefkasten. Und während ich nun wieder meiner Wohnung zustrebe, öffnet sich die Tür der Nachbarswohnung, und mein neuer Nachbar, der Doktor med., kommt heraus. Er trägt ein Joggingoutfit, grüsst mich gutgelaunt, rennt von dannen, während ich erst die Grussantwort formuliere. Und mir dämmert: Widmer, du bist noch gar nicht richtig wach. Und dein Nachbar ist ein Früheraufsteher als du.

Zur Person
Thomas Widmer (50) ist Reporter und Wanderkolumnist beim «Tages-Anzeiger».



Foto: eflon / flickr / cc

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