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Wie die Mango zur Revolutionsfigur wurde

Kategorie: Leben
 Ausgabe_04_2013 - 01.04.2013

Text:  Hans Keller

Eine verrückte Geschichte! Am 4. August 1968 sorgte eine Kiste Mangofrüchte für einen Wandel in den zunehmend gewalttätigen Wirren der chinesischen Kulturrevolution, die durch rotgardistische Studentengruppen auf dem Campus der Pekinger Quinghua-Universität aus dem Ruder liefen.

Der pakistanische Aussenminister hatte Mao Zedong die Mangos als Geschenk überreicht. Dieser liess sie den Arbeitern der Propagandatrupps überbringen, die auf dem Campus zur Schlichtung der Unruhen eingesetzt wurden.

Dass Mao die Früchte nicht selbst ass, sondern sie sozusagen seinem Volk überreichte, galt schnell einmal als Symbol für seine grosse Güte. Mangos, die im Volk kaum bekannt waren, wurden dank ihrer schönen Form und der von Grün ins Rötliche und Gelbe spielenden Farbigkeit zu Symbolen für die Tugenden der Revolution. Dass Früchte und Gemüse in China symbolische Bedeutungen haben, war an sich nicht neu. Pfirsiche etwa standen für Glück und Langlebigkeit. Die Kulturrevolution hat diese Deutung auf die Mangos übertragen. Mangos aus Pappmaschee wurden plötzlich überall in chinesischen Haushalten in Glasvitrinen verehrt.

Ob Mao mit der Entstehung eines derartigen Mythos gerechnet hatte, ist nicht klar. Das Jahr 1968 jedenfalls wurde zum Mango-Jahr und der grosse Vorsitzende benutzte die Fruchtverehrung als Fingerzeig, um den von ihm selbst zwei Jahre zuvor ins Leben gerufenen Roten Garden klar zu machen, dass ihre Zeit vorbei sei. Der «Mango-Spuk» selbst war nach genau einem Jahr ebenfalls um, die Frucht verschwand wieder von der offiziellen Bildfläche. Was blieb, war die Erinnerung an ein kurioses Phänomen, das beweist, dass sich durch den effektiven Einsatz eines Fetischs die Geschicke eines ganzen Volkes lenken lassen.

Eine informative Schau im Zürcher Museum Rietberg dokumentiert den Mango-Kult auf attraktive Art und Weise. Die amerikanische Kunsttheoretikerin Alfreda Murck beschäftigte sich seit 2003 mit dem Thema und schenkte ihre einschlägige Sammlung 2011 dem Museum Rietberg – sehr zur Unterhaltung des Publikums, das sich anhand von Mangos in gediegenen Vitrinen, zahlreichen Fotos und «Mango-Merchandising» wie bedruckten Stoffen, Emailschalen und dergleichen mehr mit diesem erstaunlichen Phänomen bekannt machen kann.

Museum Rietberg, Gablerstr. 15, Zürich. Tel. 044 206 31 31, «Maos Mango – Massenkult der Kulturrevolution», bis 16. Juni 2013. www.rietberg.ch

Foto: zvg

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