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Gut verwurzelt

Kategorie: Leben
 Ausgabe_04_2013 - 01.04.2013

Text:  Susanne Hochuli

Lieb gewonnene Freiheiten werden vom Alltag zuweilen torpediert. Susanne Hochuli sucht Möglichkeiten, um auch als Regierungsrätin barfuss durchs Leben gehen zu können.

Sie mögen sich erinnern: Ich bin eine bekennende Barfussgeherin. Mit meinem Barfussgehen habe ich schon einige Kleingeister «vergöuschteret». Aber ich stehe noch immer zu meiner Aussage, die ich vor zwei Jahren in der Basler Zeitung gemacht habe: «Ich finde High Heels etwas Gutes, schon weil man damit den Überblick über die Männer hat. Aber sie machen langsam. Darum ziehe ich sie aus und gehe im Sommer barfuss, wenn ich das Gebäude wechseln muss. Ich ziehe die Schuhe aber wieder an, bevor ich ins Haus trete.»

Und jetzt, da der Frühling den Winter hoffentlich endgültig, wenigstens für dieses Jahr, bezwingen wird, tun sich für meine Füsse wieder Perspektiven auf, die im hinter uns liegenden Winter brach und steif gefroren unter dem Schnee begraben lagen.

Aber nicht nur der Winter, sondern auch das hinter mir liegende «Landamme»-Jahr war ein Hindernis für mich, barfuss durchs Leben zu gehen. Wer von Termin zu Termin hetzt, sich jeden Morgen überlegt, ob die Kleidung zu allen Verpflichtungen des Tages passt und die Schuhe der Kleidung und den Verpflichtungen angemessen sind, denkt nicht mehr oft daran, das Angepasste auszuziehen. Banal, mögen Sie denken. Ich finde nicht. Der Verzicht aufs Barfussgehen, der nicht ein bewusster Verzicht war, sondern einer, der sich in mein Leben schleichen konnte, hat mir einmal mehr gezeigt, wie schnell wir uns arrangieren, anpassen und dem scheinbar Unausweichlichen ergeben. In unserer Welt der Erwachsenen lassen wir uns ständig Möglichkeiten nehmen. Das muss nicht tragisch sein, wenn man sich bewusst ist, was mit einem passiert oder was man mit sich selber macht.

Ist man sich der Dinge bewusst, die sich nach und nach aus unserem Leben verabschieden oder sich umgekehrt hineinschleichen, kann man sie bewerten und ihnen das nötige Gewicht geben. So habe ich mir zum Beispiel im letzten Jahr nach langen Sitzungstagen die frische Luft und den Himmel über dem Kopf zurückerobert, indem ich mein Bett nach draussen gezügelt habe. Und genauso, sagte ich mir, muss es doch mit dem Boden unter meinen baren Füssen zu machen sein: Ich muss ihn neu entdecken. Ich hole mir den idealen Barfuss-Gehboden ins Haus. Aber Wiese, Waldboden, Sandstrand und Flusskiesel hielten einer vertieften Prüfung nicht stand. Dann erinnerte ich mich daran, was mir als Kind das Gefühl gab, besonders daheim und aufgehoben gewesen zu sein: Holz! Und bald war mir klar, ein dicker Holzboden muss es sein, einer, der aussieht, als seien schon viele Füsse darüber gegangen; Füsse mit und  ohne Schuhen.

Jetzt ist der Holzboden im Haus und ich fühle mich so, als hätte ich Acker, Wald, Wiese und Fluss in meine Wohnung geholt. Es ist, als wäre dieser Spruch wahr geworden: «Mängisch tröim i, i sig en Boum. E dr Ärde verworzlet ond em Hemmu. I wache uf. I ha Bode onder de Füess ond Schtärne em Hoor.» Und jetzt istes nicht mehr so schlimm, ausser Haus Angepasstes weniger oft ausziehen zu können.

Zur Person
Susanne Hochuli, erste grüne Regierungsrätin im Aargau, ist Mutter einer 18-jährigen Tochter und wohnt mit ihr, Hund und Pferden auf ihrem Bauernhof in Reitnau.


Foto: Nicholas_T / flickr / cc

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