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Arm, aber voller Ideen

Kategorie: Leben
 Ausgabe_04_2013 - 01.04.2013

Text:  Jörg Böthling

Indien machte in der letzten Zeit nur negative Schlagzeilen. Deshalb freut es uns besonders auf den nächsten Seiten die hoffnungsvolle Geschichte des engagagierten Wirtschaftsprofessors Anil Gupta zu erzählen.

Anil Gupta lehrt und forscht am Indian Institute of Management in Ahmadabad, einer der renommiertesten Universitäten des Landes. Er ist hellhäutig, schlank, hoch gewachsen und trägt einen sorgfältig gestutzten Vollbart. Der Wirtschaftsprofessor hält Vorträge in Berkeley, Cambridge oder Boston. Aber während seine Kollegen in ihren komfortablen Büros sitzen, besucht er Dörfer, die Lichtjahre von dem modernen Indien der Metropolen entfernt zu sein scheinen. Dort sucht er nach Erfindungen, Tricks und Ideen von Menschen, die mit dem Wenigsten auskommen müssen.  «Die Not macht sie sehr erfinderisch.» Anil Guptas Augen leuchten. «Den Menschen auf den Dörfern ist häufig gar nicht klar, zu was sie fähig sind.»

Wissen sammeln

«Wir leben im Informationszeitalter. Doch ihr wertvolles Wissen droht verloren zu gehen», sagt Anil Gupta. «Immer mehr Bauern verlassen sich zum Beispiel auf gekaufte Reissaat, anstatt sich weiter um die Entwicklung ihrer Sorten zu kümmern, die viel besser an die lokalen Böden und das Mikroklima angepasst sind.» Der Professor hat deshalb das Honey Bee Network gegründet. «Wir wollen wie eine Honigbiene das lokale Wissen ernten und verbreiten.» Zentraler Bestandteil ist eine frei zugängliche Datenbank mit mittlerweile über 100 000 Einträgen. Der Erfindungsreichtum dieser einfachen Menschen ist genial: Aus einem Mobiltelefon basteln sie eine Fernsteuerung für ihre Wasserpumpe, aus einem alten Fahrrad ein Düngefahrzeug oder einen Pflug. Mangobäume schützen sie mit einer Mixtur aus Dung und rotem Lehm gegen Termitenbefall. Mit einer Salbe aus Urin und lokalen Kräutern heilen sie Euterentzündungen bei Kühen.

Den Bauern auf Augenhöhe begegnen

Im nächsten Dorf empfangen Frauen in bunten Saris die Pilgerschar. Sie reichen ein milchiges Erfrischungsgetränk aus den Früchten des Tamarindenbaumes, dann Kostproben lokaler Lebensmittel: verschiedene Hirsesorten, gegorene Bambussprossen, gekochte Jackfruit-Kerne oder ein Chutney aus roten Ameisen. Letzteres wirkt entzündungshemmend. Der Professor probiert, lobt und scherzt. Schnell gewinnt er die Herzen. Beim Treffen mit den Männern schlägt die Stimmung allerdings um. Lautstark schimpfen diese über die Vernachlässigung ihrer Region. Vom Wirtschaftsboom Indiens kommt bei ihnen nur die Schattenseite an. Chhattisgarh ist reich an Eisenerzen und anderen Rohstoffen. Kolonnen von Lastwagen mit rotem Gestein rumpeln über die wenigen asphaltieren Strassen. Ganze Dörfer müssen Staudämmen, Stahlwerken oder Minen weichen.

Aus den Entdeckungen und den anschliessenden Kontakten in die Regionen, hat der Professor einige Produkte entwickelt und herstellen lassen. Sie werden in Dorfläden oder von Vertretern des Netzwerkes verkauft.

Doch wem gehören die Rechte an diesen Produkten? Auf den Packungen der Herbizide, pflanzlichen Dünger oder Tiermedikamente sind die Urheber genannt. Das können Einzelpersonen oder ganze Dörfer sein, auch aus unterschiedlichen Regionen. Wissenschaftler des Netzwerkes recherchieren das vor Ort und in der Datenbank. Vorher testen sie die Mittel im Labor. Von den Einnahmen aus den Verkäufen erhält das Netzwerk 15 Prozent, der Rest geht an die Urheber und verschiedene Stiftungen.

Taglöhner mit genialen Ideen

Am Abend lassen sich alle erschöpft vor einer Dorfschule nieder. Eine ausgebreitete Plastikplane dient gleichzeitig als Versammlungsort und Schlafplatz. Um die 30 Kilometer wandert die Gruppe jeden Tag. Der Professor macht einige Yogaübungen und schliesst kurz die Augen. Ein Stück weiter sitzt Amrut Bhai Agrawat.

Der 66-jährige hat die Shod Yatras mit ins Leben gerufen und bisher an allen Touren teilgenommen. Amrut Bhai Agrawat ist das genaue Gegenteil von dem quirligen Professor. Er spricht weder Hindi noch Englisch und hat nur vier Jahre die Schule besucht. Schon als Kind arbeitete er als Tagelöhner in der Landwirtschaft. «Die Arbeit war sehr hart und ich habe ständig darüber nachgedacht, wie man sie erleichtern kann.» Als junger Mann begann er zu tüfteln. Mit Rohren und einer Holzkiste veränderte er ein Gerät zum Säen so, dass der Wind weniger von der Aussaat wegwehen konnte. Eine nächste Erfindung half, den Boden bei der Erdnussernte aufzulockern, so dass weniger Nüsse in der Erde stecken bleiben. Bald eröffnete er eine Werkstatt. Heute betreibt sie sein Sohn. Trotz seines Rückzugs arbeitet der Kopf des Alten weiter. Seine neueste Idee, ein Stopper für einen Ziehbrunnen, er kostet nur wenige Rupien. Ein Metallplättchen an der richtigen Stelle – und die Frauen können beim Hochziehen des Wassereimers innehalten und sich ausruhen. «Ingenieure und Industriedesigner schenken so etwas keine Aufmerksamkeit», sagt Amrut Bhai Agrawat.

Weniger die Erfindungen der anderen Farmer scheinen sie zu verblüffen, als vielmehr die Wertschätzung und das Interesse. Das wird sie motivieren, an ihr eigenes Wissen zu glauben. Und das ist vielleicht das Wichtigste an den Entdeckertouren des Professors aus der fernen Grossstadt.

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