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Gut gemacht, Schatz!

Kategorie: Leben
 Ausgabe_02_2013 - 01.02.2013

Text:  Fabrice Müller

In der Küche tobt der Geschlechterkampf. Statt die Messer zu wetzen, sollten Männer ihre Gewürze neu ordnen, Frauen etwas experimentierfreudiger sein und beide etwas weniger Ratschläge erteilen.

Der Teig muss eine halbe Stunde zugedeckt ruhen, bis er zu Nudeln nach Hausmannsart verarbeitet werden kann. Unterdessen schälen flinke Männerhände Rüebli, schneiden Zwiebeln und rüsten Chinakohlköpfe. Urs ist Mitglied des Männerkochklubs Kulinarienvögel und ist traditionsgemäss für das Dessert zuständig. Er freundet sich schon einmal mit dem Rezept für die Fricktaler-Rolle an. Wenig später landen bereits die ersten Eier in der Schüssel, wo sie fachmännisch verquirlt werden. Rahm und Butter stehen bereit.

Heute Abend gibts im aargauischen Stein rührgebratenes Pouletfleisch mit Gemüse, selbstgemachte Nudeln und zum Dessert Urs’ Fricktaler-Rolle. Verschiedenste kulinarische Höhenflüge zauberten die Männer vom Kochklub in den letzten Jahren auf den Tisch: von der Entenbrust über den Rehrücken bis zur verführerischen Apfeljalousie. «Wir kochen, was wir zu Hause eher selten machen würden», erzählt Hobbykoch Gery, der sich in der fröhlichen Kochgilde als Flambier-Spezialist einen Namen gemacht hat. Kochzwänge gibt es keine. Jeder kann seinen persönlichen Vorlieben und Stärken freien Lauf lassen. Das gemeinsame Kochen bietet die Gelegenheit Neues auszuprobieren. «Diese lockere Atmosphäre ist für mich eine Oase der Erholung. Hier kann ich abschalten und ohne Zeitdruck ein paar lustige Stunden verbringen», beschreibt Gery den Reiz des Kochabends unter seinesgleichen.

Mit wässrigem Mund

Der Geschlechterunterschied macht sich bereits vor dem Einsatz am Tatort bemerkbar: Jede gute Hausfrau ist stolz darauf, dass in ihrer Speisekammer niemals Mehl, Salz und Zucker fehlen und dass im Kühlschrank immer Milch, Butter, Joghurt und Mineralwasser vorrätig sind. In Männerhaushalten hingegen fehlt öfters einmal die Milch oder der Zucker zum Kaffee. Die Zuständigkeit für den Lebensmitteleinkauf wird stark durch die Rollenverteilung zwischen den Geschlechtern geprägt. Insgesamt übernehmen gemäss einer Marktforschungsstudie von GfK Deutschland zu 65,4 Prozent die Frauen und zu 28,6 Prozent die Männer allein den Einkauf. Männer sind dafür bekannt, dass sie Alltägliches zielgerichtet einkaufen, um das Geschäft möglichst schnell wieder verlassen zu können. Begibt sich der Mann jedoch auf die Suche nach besonderen Zutaten für ein Festessen, bei dem ihm Lob und Anerkennung winken, lässt er sich gerne auch vom einen oder anderen Feinkostgeschäft inspirieren. Man(n) ist also mit wachem Sinn und wässrigem Mund unterwegs, um nicht das Notwendige, sondern das Überflüssige zu erspähen.

Im Gegenzug haben Frauen eine höhere Wahrnehmungsgeschwindigkeit, können besser zusammenpassende Objekte erkennen und auch rascher manuelle Präzisionsaufgaben erledigen – zum Beispiel beim Dekorieren einer Torte mit Herzchen, Schleifchen und Blumen aus Marzipan. Das liegt den Männern weniger, umso mehr jedoch das Experimentieren mit Lebensmitteln. Dabei wagen sie sich auch mal an abenteuerliche Gerichte heran. Wer kann bei einer thailändischen Zitronengrassuppe schon so genau sagen, ob sie auch wirklich comme il faut ist?

Bitte keine guten Tipps

Für Zündstoff in der Küche sorgt die Kommunikation: Stehen Mann und Frau gemeinsam in der Küche, neigen Männer nicht selten dazu, in die Chefrolle zu schlüpfen und ihre Partnerinnen am Herd mit Ratschlägen zu beglücken («Also ich würde jetzt schon mal …»). Frauen dagegen wollen am liebsten alles ausdiskutieren. Bei Männern tritt laut der amerikanischen Linguistin Deborah Tannen häufig ein Frühwarnsystem in Kraft, sobald sie sich von Frauen bevormundet fühlen. Vorschläge von Frauen, die mit «Wollen wir
nicht (… das Fleisch garen statt grillieren …)» oder «Lasst uns (…doch auf die fettige Rahmsauce verzichten …)» eingeleitet werden, werden von Männern häufig als Befehl aufgefasst; sie fühlen sich in ihrer Freiheit und Unabhängigkeit eingeschränkt. So kann es gut sein, dass einem Mann die Lust am Kochen schnell vergeht und er das Weite sucht – und sein Glück dann vielleicht im Männerkochklub findet.

Routine versus Risikobereitschaft

Weil immer mehr Männer die Lust am Kochen entdecken oder – aus welchen Gründen auch immer – selbst die Kochlöffel schwingen, gibt es heute kaum noch eine Kochschule, die nicht spezielle Kochkurse für das starke Geschlecht im Programm führt. Urs Eggermann, Kursleiter bei der Eggis Kochschule in der Region Olten, hat sich auf Kochkurse für Männer spezialisiert. «Männer haben beim Kochen oft kein Zeitgefühl», sagt Urs Eggermann. Wenn es ums Vorbereiten der Speisen geht, komme dem weiblichen Geschlecht die meist höhere Routine in der Küche zugute.

Männer bräuchten mehr Zeit und klare Anweisungen, bis sie auf Touren kommen. Dafür machen sie die mangelnde Routine mit mehr Risikobereitschaft und Fantasie wieder wett, auch wenn es meist chaotischer zu- und hergehe. In der Kursküche kämen Männer unter sich als Team besser zu recht, als wenn Frauen mit dabei sind, stellt er fest. Anders jedoch beim Abwaschen: «Bei den Frauen funktioniert der Abwasch einwandfrei, den Männern pressiert es dann meistens nicht so», erzählt Urs Eggermann.

Frauen hätten ein deutliches Problem mit dem Zustand der Küche, nachdem ihre Partner gekocht haben, denn meist müssen sie (also die Frauen) die Küche wieder säubern, heisst es in der Studie «Gender Cooking – geschlechtsspezifi sches Kochverhalten bei Paaren» des österreichischen Gallup-Instituts. Frauen finden meist noch etwas, das nachgewischt werden kann oder eine Pfanne, die nicht ganz sauber ist. Und was lernen wir nun daraus? Dass Mann und Frau mit etwas gegenseitiger Toleranz in der Küche zum unschlagbaren Dreamteam werden können.

Literaturtipps
• Thorsten Saleina: «Für Helden am Herd», Verlag Coppenrath, 2012
• Veronika Trubel/Christian Wrenkh, Stefanie Clemen: «Vom Kochen und vom Lieben» Ueberreuter Verlag, 2009

Foto: fotolia.com, dev null / flickr / cc

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