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Es wird eng

Kategorie: Leben
 Ausgabe_02_2013 - 01.02.2013

Text:  Martin Arnold

Immer mehr Menschen beanspruchen immer mehr Platz für sich – und das mit Folgen: Die Pendlerströme wachsen, der Energieverbrauch steigt und unser Land wird zubetoniert. Das neue Raumplanungsgesetz könnte das ändern.

Der Professor für die Geschichte des Städtebaus an der ETH Zürich, Magnago Lampugnani, setzt sich für einen vorsichtigen Umgang mit der Ressource Landschaft ein. Um sie zu schonen, rät er zu einem intelligenten Ausbau des öffentlichen Verkehrs: «Ich bin ein grosser Anhänger des öffentlichen Verkehrs, aber man fördert damit auch die dezentrale Besiedlung», sagt er. Und um genau das zu verhindern, fordert er auch die Kostenwahrheit. «Wenn jeder Einfamilienhaus-Erbauer auch die Strasse mitbezahlen müsste, die zu ihm führt, hätten wir schnell weniger Bautätigkeit.»

Doch wie konnte es überhaupt so weit kommen? Lampugnani: «Sehr viele Menschen verwirklichten und verwirklichen immer noch einen scheinbar individuellen, in Wahrheit aber kollektiv verankerten Traum: den Traum vom Einfamilienhaus.» Die Realisierung dieses Traumes führe zu einem grossen und unkoordinierten Landverschleiss. Es dominierten nur persönliche, ökonomische und politische Kriterien, nicht aber die Sorge um das Landschaftsbild. Gefördert werde diese Entwicklung zudem durch die hochgehaltene Gemeindeautonomie, die eine übergreifende Raumplanung praktisch verunmögliche. Dazu kommt dann noch – quasi als Turboeffekt – der Steuerwettbewerb. Er mache ländliche Regionen zu Boomzonen, obwohl ihre Infrastruktur vom Zuwachs oft überfordert werde.

Der geborene Römer Lampugnani, der in Rom und Stuttgart Architektur studierte und neben einer breiten Lehrtätigkeit auch ein Architekturbüro in Mailand leitet, sagt: «Ich plädiere dafür, die Siedlungsräume zu verdichten und so ausgefranste Städte und Dörfer zu wieder klar erkennbaren Zentren werden zu lassen. So wird zum Beispiel in der Regel viel zu weit weg von der Strasse gebaut», meint er. Dabei könnte der Wunsch nach Privatheit in den nach hinten ausgerichteten Räumen verwirklicht werden, während die Gemeinschaftsräume – Lärmschutz ist mit den heutigen technischen Möglichkeiten kein Problem mehr – auf der Strassenseite liegen sollten.

Mobilität ist zu billig

Das zweite grosse Problem neben dem Platzbedarf stellt für die Raumplanung die Mobilität dar. Das beginnt bereits bei der Kostendeckung, die heute nicht mehr gewährleistet ist. Laut Lampugnani führt das zu politischen Forderungen, denn Experten gehen von einer zu billigen Mobilität der Schweiz aus. Und das mit Folgen: Bei den derzeitigen Preisen lasse sich die ständig notwendige Erneuerung der Infrastruktur nicht mehr finanzieren, sagt der Professor. In Wahrheit müssten die Billett- und Benzinpreise doppelt so hoch sein. Um verlotternde Strassen und entgleisende Züge zu verhindern, müssten deshalb neue Wege zur Finanzierung der Infrastruktur gefunden werden, denn der sinkende Treibstoffverbrauch der Autos lässt die Steuereinnahmen aus dem Benzin schrumpfen.

Diese Prognosen deuten auf noch mehr Pendelverkehr hin. Eine neue Studie der Kaladidos Fachhochschule belegt: Pendeln macht zwar nicht zwingend unglücklich, weil eine befriedigende Wohnsituation oder ein Traumjob bei den meisten Befragten ein grösseres Gewicht haben, als Unannehmlichkeiten auf dem Arbeitsweg. Deutlich kam bei der Studie aber auch heraus: Je grösser die Pendeldistanz wird, desto stärker wächst die Unzufriedenheit. Negativ zu Buche schlagen Gedränge im Zug, auf der Strasse und im Bahnhof, verspätete Züge, der Mangel an Sitzplätzen, Unfälle, Pannen und Staus. Dabei macht es allerdings einen Unterschied, ob man 45 Minuten in der Stadt oder über das Land pendelt.

Pendeln auf Kosten der Lebenszeit

Pendler verlieren auf dem Weg zur Arbeit und zurück nach Hause auch viel Lebenszeit. Darunter leiden nicht nur sie, darunter leidet auch die Gesellschaft. Studienleiter Christian Fichter: «Bei persönlichen Befragungen erfuhren wir, dass viele Pendler ihre Freundschaften kaum pflegen können, dass sie weniger Sport treiben oder kulturelle Anlässe besuchen und dass das gesellschaftliche Engagement zu kurz kommt.» Letzteres bekommen auch politische Gremien und Vereine zu spüren, die mit Nachwuchsproblemen kämpfen. Die Bereitschaft, wegen einer neuen Stelle den Wohnort zu wechseln, nimmt seit 30 Jahren ab. 60 Prozent der Erwerbstätigen in der Schweiz arbeiten inzwischen laut einer Erhebung des Bundesamts für Statistik ausserhalb des Wohnortes.

Das Volk entscheidet

Am kommenden 3. März entscheiden die Stimmberechtigten über das neue Raumplanungsgesetz. Im Falle einer Ablehnung überlegen sich die Naturschutzorganisationen, die Landschaftsinitiative zu reaktivieren, die bereits 2008 mit über 110 000 Unterschriften eingereicht wurde. Doch das vom Bundesrat vorgelegte Raumplanungsgesetz erfüllt bereits viele Forderungen. Rico Kessler, Leiter der Abteilung Politik und internationale Arbeit bei Pro Natura hofft, dass mit einer Annahme nicht nur die Zersiedlung, sondern auch Pendlerströme gebremst werden könnten. «Das Gesetz führt zu verdichtetem Bauen – und damit auch zu einem sparsameren Umgang mit der Energie.»

Fotos: zvg, swiss-image.ch/Regis Colombo

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