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Überlebt

Kategorie: Leben
 Ausgabe_01_2013 - 01.01.2013

Text:  Susanne Hochuli

Der Weltuntergang hat nicht stattgefunden. Für Susanne Hochuli ist das ein guter Grund, sich ernsthaft Gedanken darüber zu machen, was nun angepackt werden soll – und darf.

Ja, es gibt Sie noch. Sie sitzen irgendwo und lesen meine Kolumne. Das ist bemerkenswert. Schliesslich hätte am 21. Dezember des vergangenen Jahres die Welt untergehen sollen. Gut, wir wissen nun, dass das nicht passiert ist, und einigermassen Interessierten ist auch bekannt, dass nur der Maya-Kalender an diesem Tag endete – und nicht die Welt. Ich finde, die Mayas haben das gut gemacht. Würde ich etwas enden lassen, dann auch am kürzesten Tag des Jahres, der uns 15 bis 17 Stunden Dunkelheit beschert. Da lohnt es sich ja kaum, aufzustehen, geschweige denn etwas Neues anzufangen. Also lassen wir die Dinge besser enden.

Ich habe mir im letzten Jahr keine Sorgen wegen des durch Esoteriker angekündigten Weltuntergangs gemacht, sondern ich wusste, dass ich am kürzesten Tag des Jahres aus der Zeitung ein Fetzchen Papier herausreissen würde; jenes, auf dem der Zeitpunkt des Sonnenauf- und -untergangs festgehalten wird, und dieses Papier würde ich wie jedes Jahr an die Wand pinnen, um dann regelmässig überprüfen zu können, um wie viele Minuten die Tage länger werden. Nur gemessene und nicht gefühlte Minuten. Was auf dem Papier steht, fühlt sich gelebt ganz anders an, weil man sich sehnt nach Vermisstem, sich vorstellt, wie es werden wird, sich freut, weil es noch besser wurde, als vorgestellt. Und das passiert nicht auf einem an die Wand gepinnten Stück Papier, das geschieht im Leben. Genauso wie der Weltuntergang, der uns erspart geblieben ist, im Leben passiert.

Im letzten Jahr ist für viele Menschen die Welt untergegangen. Für die Eltern, deren Kind in der 23. Schwangerschaftswoche zum Engel wurde. Für die Freundin, an Brustkrebs erkrankt, die nach vielen Chemotherapien keinen Lebenswillen mehr spürte und meinte, wie erschreckend es sei, wenn man wünscht, sich aufzulösen. Für den Autofahrer, der unachtsam war und den kleinen Jungen überfuhr. Für den 19-Jährigen, der, schwer depressiv, bei seinem Austritt aus der psychiatrischen Klinik alle im Glauben liess, er hätte es geschafft, stattdessen aber sein Leben und die Welt seiner Familie untergehen liess.

«So schwere Kost zum Jahresanfang?», fragen Sie sich. Sind es nicht vielmehr Lebensbruchstücke, die eine Leichtigkeit in unser Sein bringen können, weil sie uns darüber nachdenken lassen, wann unsere Welt im letzten Jahr untergegangen ist? Ich jedenfalls blicke zurück und finde für mich nicht einen vorübergehenden Weltuntergang. Kleine Beben und Erdspalten gewiss, aber keinen einzigen Tag, an dem es sich nicht gelohnt hätte, etwas Neues anzufangen. Und nun, da die Tage bereits wieder länger und heller werden, überlege ich mir noch viel mehr, was sich lohnt, angepackt zu werden, was sich lohnt, begonnen zu werden, auch wenn man nicht weiss, ob es beendet werden kann. Ich stelle mir vor, was ich in diesem Jahr tun werde, damit ich mir, sollte die Welt doch noch untergehen, sagen kann: «Ich habe getan, was ich tun wollte und was getan werden musste.»

Zur Person
Susanne Hochuli, erste grüne Regierungsrätin im Aargau, ist Mutter einer 18-jährigen Tochter und wohnt auf ihrem Biobauernhof in Reitnau, der vom besten Bauern der Welt bewirtschaftet wird.



Foto: TheAlieness GiselaGiardino²³/flickr/cc

 

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