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Kommunikation total

Kategorie: Leben
 Ausgabe_01_2013 - 01.01.2013

Text:  Andreas Krebs

Smartphones und Tablet-PCs machen das Leben schneller, komplexer – und einsamer. Das Gehirn wandelt sich mit dem digitalen Druck, es wird unfrei und dumpf. Ein Plädoyer für einen besonnen Umgang mit neuen Medien.

Erinnern Sie sich noch an das sphärische, gurgelnde Geräusch beim Einwählen mit einem Modem? Man checkte E-Mails, loggte sich danach aus und machte dann wieder etwas anderes. Seit wir via Smartphone und Tablet- PC ständig mit dem Internet verbunden sind, haben wir uns weitgehend vom analogen Leben verabschiedet, und das rasend schnell. Viele von uns verbringen mehr Zeit vor Bildschirmen als mit der Familie und mit Freunden. Wir schenken dem Handy mehr Aufmerksamkeit als den Menschen, die uns umgeben. Wir reden auch nicht mehr miteinander. Wir nehmen die Umwelt und unser direktes Gegenüber kaum wahr. Stattdessen tippen, chatten, mailen und gamen wir. Facebook-Freunde, Chat-Partner, Avatare (selbst kreierte, künstliche Figuren) – wir haben ständig einen Grund, online zu sein. Gesimst wird selbst bei Beerdigungen. Und beim Autofahren, obwohl jeder weiss, dass das gefährlich ist.

Reden? Nein danke!

«Mit der ständigen Erreichbarkeit geht die Angst einher, einmal nicht erreichbar zu sein – eine Art Panik», schreibt die Kulturwissenschaftlerin Sherry Turkle in ihrem Buch «Verloren unter 100 Freunden. Wie wir in der digitalen Welt seelisch verkümmern». Turkle hat die Auswirkungen der Digitalkultur schon untersucht, als die meisten Menschen noch mit der Schreibmaschine getippt haben. Sie galt lange als grosse Freundin jeder neuen Technologie – mittlerweile kritisiert die Wissenschaftlerin die Vereinsamung, die permanentes Starren auf das Smartphone mit sich bringe.

Vereinsamung? Nicht nur Teenager versenden und empfangen mehrere Hundert Nachrichten – pro Tag. Genau das sei Teil des Problems, meint Turkle. «Die Möglichkeit, nie allein sein zu müssen, verändert unsere Psyche. In dem Augenblick, in dem man allein ist, beginnt man sich zu ängstigen und greift nach dem Handy. Alleinsein ist zu einem Problem geworden, das behoben werden muss.» Wenn wir aber unser Leben weitgehend in Echtzeit übermitteln, so Turkle, kompromittieren wir unsere Fähigkeit zur Selbstreflexion.

Sehnsucht nach Verbundenheit

Wohlgemerkt, Computer und das Internet sind fantastische Erfindungen. Man erledigt Korrespondenz müheloser, findet im Web zahllose Bildungsangebote und seriöse Informationen; man kann bequem einkaufen und spannende Spiele spielen. Und man bleibt dank sozialer Netzwerke und E-Mail leichter in Kontakt mit Freunden und Angehörigen, selbst wenn diese physisch weit weg sind. Facebook und Co. ermöglichen es, mit einer grossen Zahl von Menschen gleichzeitig in einer gefühlten Verbindung zu stehen. Und die Sehnsucht nach Verbundenheit – die hat wohl jeder Mensch. Online-Erfahrungen können beim Erwachsenwerden helfen, schreibt selbst Kritikerin Turkle. «In der Virtualität entwickeln manche Fähigkeiten, die sie in der Realität nutzen können.» Viele bauen sich einen Avatar, der sexy, elegant und selbstbewusst ist – die Verkörperung einer Art von Ideal-Ich, das mit einem selbst oft wenig gemein hat. Doch diese Fantasievorstellungen sind nicht der Kern des Problems. Vielmehr geht es um den Stellenwert, der der virtuellen Welt eingeräumt wird. Oder, um Paracelsus zu bemühen: «Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift; allein die Dosis machts, dass ein Ding kein Gift sei.» Denn wenn wir immer online und erreichbar sind, immer bei der Arbeit, immer am Kommunizieren, dann verpassen wir das eigentliche Leben.

Auf immer und ewig

Die Wissenschaftlerin Turkle rät: «Wir sollten uns wieder an die Vorzüge des Alleinseins, der Langsamkeit und des Lebens im Augenblick erinnern. Um Alleinsein zu erfahren, muss man fähig sein, in eine Beziehung zu sich selbst zu treten; ansonsten ist man einfach nur einsam.» Kommt hinzu, dass gerade Kinder und Jugendliche oft sorglos mit privaten Informationen umgehen. Mit kostenlosen Kinderschutzprogrammen ist es zwar möglich, den Account eines Kindes so einzurichten, dass die Nutzungsdauer minutengenau festgelegt werden und jugendgefährdende Seiten nicht angeklickt werden können. Aber, und das ist vielen nicht bewusst: Das Internet vergisst nichts. Alles, was wir jemals auf Facebook geschrieben oder auf Google gesucht haben, hinterlässt unauslöschliche Datenspuren. Für Computer-Pionier Gordon Bell korrespondiert ein solches «Lebensarchiv» mit dem menschlichen Wunsch nach Unsterblichkeit, der uralten Sehnsucht, dem Tod ein Schnippchen zu schlagen. Und Mark Zuckerberg, Erfinder und CEO von Facebook, sagt: «Privatsphäre ist irrelevant.» Das Ziel von Facebook ist offenbar, den Menschen völlig durchsichtig und berechenbar zu machen. Doch so wird er letztlich belanglos. Denn irgendwann werden wir von jedem alles wissen, aber niemanden mehr wirklich kennen, geschweige denn verstehen.

Klicken wir uns das Hirn weg?

Spitzers Buch «Digitale Demenz. Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen.» ist gewiss polemisch und effekthascherisch provokativ geschrieben. Aber was der Forscher uns da präsentiert – mit zig wissenschaftlichen Studien untermauert –, sollten wir schon ernst nehmen. Unser Gehirn degeneriert, wenn wir seine Aufgaben ständig delegieren, so Spitzer. «Was wir früher mit dem Kopf gemacht haben, wird heute von Computern, Smartphones, Organizern und Navis erledigt. Das Outsourcing von Hirntätigkeit führt zu einem schleichenden Gedächtnisverlust: Nervenzellen sterben ab, nachwachsende Zellen überleben nicht, weil sie nicht genutzt werden. Besonders dramatisch zeige sich dieser Prozess bei Kindern. Lese- und Aufmerksamkeitsstörungen, Schlafstörungen und Depressionen, Übergewicht und Gewaltbereitschaft seien die Folgen.

Neurologen und Pädagogen sind sich weitgehend einig, dass die beste Investition in die Kinder Zeit und Zuwendung sind und nicht die Überversorgung mit elektronischem Spielzeug. Damit sich der Mensch gesund entwickeln kann, muss er Dinge sehen, riechen, anfassen können und sich möglichst dabei bewegen. Das gilt übrigens auch für Erwachsene. Wir alle sollten öfters einmal die Geräte ausschalten und raus in die Natur – woher wir kommen, wohin wir gehören.

Foto: fotolia.com

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