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«Hört Ihr Leut, unsre Glock hat zehn geschlagen!»

Kategorie: Leben
 Ausgabe_01_2013 - 01.01.2013

Text:  Rita Torcasso

Einst sorgten Nachtwächter für Ruhe und Ordnung. Was sie alles erlebten, erfährt man auf einem historischen Rundgang.

Nachtwächter gibt es seit dem Entstehen der Städte in der Schweiz. In Zürich drehten 1336 die ersten ihre Sicherheitsrunden, als auch das Zunftwesen eingeführt wurde. Anfangs wurde die Wache Zunftmitgliedern anvertraut. Doch diese rekrutierten für wenig Geld arme Schlucker aus den umliegenden Dörfern. 1621 hält das Ratsprotokoll fest, dass «schier keyner der Burgeren syn Wacht selbst vertäte, sondern die Knecht und Hintersassen dahin schickt».

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Ab 1667 wurden die Nachtwächter von der Stadt besoldet; um die 20 Nachtwächter sorgten damals für Ruhe und Sicherheit. Zu ihren Aufgaben gehörten, Feuer zu melden, Diebe und Feinde aufzuspüren, die «Überhöckler» aus den Wirtshäusern zu vertreiben und Ruhestörer nach Hause zu schicken. Um halb neun Uhr wurden die sieben Tore der Stadt geschlossen, um neun Uhr war Sperrstunde. Wer sich nicht an Ruhe und Ordnung hielt, landete im Turm. Dort ging es rau zu und her: Fluchenden wurde die Zunge angenagelt, Lügnern der Schwurfinger abgeschlagen und Ehepaare, die sich stritten, wurden so lange in eine Zelle gesteckt, bis sie Frieden machten.

Das stehe in den «Frevelbüchern», in welchen Missetaten seit dem 14. Jahrhundert aufgezeichnet wurden, erklärt Martin Harzenmoser. Der 48-jährige Nachtwächter ist im Hauptberuf Lehrer an einer Sekundarschule. Schon während seines Geschichtsstudiums interessierte er sich für das Zunftwesen. Er gründete zusammen mit seinem Bruder die «Nachtwächterzunft», die Führungen in Schaffhausen und Zürich organisiert. Der Schaffhauser erzählt in breitem Dialekt und kommentiert: «Für ein so unbeliebtes Amt fand sich meist kein Hiesiger.» Nachtwächter war ein unehrenhafter Beruf, denn nachts zu arbeiten galt im Mittelalter als «sündiges Tun». So stand er nur gerade eine Stufe über dem Totengräber und Henker. Zu ihrem schlechten Ruf trugen die Wächter auch selber bei. In der Zürcher Nachtwächter-Verordnung von 1630 hiess es, dass «Überweinen» – zu viel Wein trinken – ein schweres Vergehen sei und Nachtwächter weder fluchen noch spielen dürfen.

Polizei ersetzte Nachtwächter

Historische Nachtwächterführungen gibt es heute in verschiedenen Schweizer Städten. Martin Harzenmoser schätzt, dass in der Schweiz an die 25 Nachtwächter tätig sind. Er möchte eine schweizerische Nachtwächter- und Türmerzunft nach europäischem Vorbild gründen. Bei der europäischen Zunft sind heute 115 Nachtwächter und 22 Türmer aus zehn Ländern dabei. (Türmer hielten im Mittelalter von Türmen aus Wache.) Um aufgenommen zu werden, macht der Zunftmeister vor Ort eine Kontrolle, ob die Führungen nach den Regeln der Zunft verlaufen – mit historisch fundierten Erzählungen und dem ordentlichen Nachtwächterruf mit Hornstoss.

Der Rundgang in Zürich führt durch versteckte und fast menschenleere Gassen. Licht gab es hier erst ab dem Jahr 1856: Mit Nachteinbruch sorgten 250 Gasanzünder dafür, dass die 3200 Laternen leuchteten. Ungefähr 30 Jahre später hingen vor dem «Haus zum Schwert», wo Mozart, Goethe und der spätere russische Kaiser Nikolaj abstiegen, die ersten elektrischen Lampen.

Immer mehr Sicherheit

In Zürich sorgten bis 1865 Nachtwächter für Sicherheit, in andern Städten bis zur Schwelle des 20. Jahrhunderts. Konkurrenziert wurden sie durch die Polizei. In Zürich gingen ab 1804 Polizeidiener gegen Rauchen auf offener Strasse, zu schnelles Fahren oder Reiten und das Beherbergen von «schlechten Dirnen» vor und kontrollierten die Wirtshäuser. Nachdem in Zürich die letzten fünf Nachtwächter ihre Arbeit verloren, war ausschliesslich die Polizei für Ruhe und Ordnung zuständig. Freiwillige Feuerwehren führten Feuerwachen. Das definitive Ende der staatlich geregelten Nachtwache erfolgte im Jahr 1907, als in Bern die private Wachgesellschaft Securitas gegründet wurde – anfangs zum Schutz des Eigentums, heute auch zur Überwachung von Veranstaltungen und Asyl-Unterkünften.

Fotos: fotolia.com, zvg

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