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Kategorie: Leben
 Ausgabe 12 - 2012 - 01.12.2012

Text:  Simon Libsig

Simon Libsig ist zum Jahresende am Ende. Der Erfolgsdruck setzt dem Wortkünstler, Trickfilmmacher und Buchautor arg zu.

O k, ich gebe auf. Bitte entschuldigen Sie. Ich schaffe es nicht. Diese Kolumne sollte besser werden, als alles, was ich bisher geschrieben habe – ja klar, sonst bringt es ja nichts. Muss ja. Alles andere wäre ein Rückschritt. Sie müssen ja auch immer mehr leisten, Jahr für Jahr. Mehr Umsatz machen, mehr Gewinn, die gesteckten Ziele erreichen, was heisst erreichen, übertreffen!

Aber ich schaffe es nicht. Heute zumindest nicht. Das ist kein Witz. Das heisst: Doch, es ist ein Witz! Ein verdammter Witz! Ich ärgere mich sehr über mich. Versagen passt nicht zu mir, das verbiete ich mir, das ist inakzeptabel. Und ich sage bewusst «versagen», denn es fühlt sich so an. Da kann ich noch lange lässig mit den Schultern zucken, ein entschuldigendes Lächeln aufsetzen und von einem «schlechten Tag» sprechen oder dass ich «nicht so fit» bin, innerlich gehe ich einiges härter mit mir ins Gericht, da gebe ich mir die Höchststrafe.

Wer die Leistung nicht bringt, ist tot oder verliert zumindest ein Leben. Das beginnt beim Gummitwist und endet irgendwo in der Stratosphäre. Das ist so. Das hat mit dem Klimawandel zu tun. Wir befinden uns immer mehr in einem Hochdruckgebiet. Wer dem hohen Druck nicht standhält, dem bläst ein rauer Wind entgegen, den verdonnern wir zu hundert Tage Regenwetter, der fällt in ein Tief, das geht blitzschnell. Fühlen Sie sich auch manchmal wie benebelt?

Auf meinem Schreibtisch, um meinen Laptop herum, liegen sechsundzwanzig leere Schokoladenbonbon-Papierchen und eine leere Tüte Paprika-Chips. Geschätzte eintausend Gummibärchen, saure Fische und Lakritze-Schnecken haben in meinem Bauch ihr Grab gefunden. Ja, wenn es mir schlecht geht, dann müssen meist andere dafür büssen. Und mir geht es nicht nur schlecht, mir ist jetzt auch schlecht! Und was hat es gebracht? Richtig! Kalorien statt Allegorien. Übergewicht statt ein klüger Gedicht.

Und so dehnt sich auch dieses Gefühl des Versagens weiter aus von «ich kann nicht schreiben» über «ich bin zu dick» bis zu «hör auf über dein Gewicht zu klagen!» Das ist so grässlich oberflächlich! Das ist nicht nur für diejenigen ein Schlag ins Gesicht, die Hunger leiden, sondern auch für diejenigen, die einen grösseren Ranzen haben als du! Mein Gott! Bürgerkrieg, Finanzkrise, Arbeitslosigkeit, schreib doch da mal was drüber! Kindersoldaten, Blutdiamanten, Organhandel! Aber das kannst du nicht, mal was Relevantes, ohne Wortspiel und so.

Es ist vier Uhr nachmittags und ich überlege mir ernsthaft, eine Flasche Wein zu entkorken. Goethe hat zum Schreiben immer Wein getrunken, denke ich mir. Oder besser gesagt, Goethe hat zum Weintrinken immer auch geschrieben. In meinem Kopf stelle ich rasch eine Liste mit Literaten zusammen, die gerne zur Flasche griffen. Ich teile sie ein in die Gruppen: Bier, Wein, Schnaps. Ich führe weitere Kategorien ein: Drogen, Medikamente, Sex. Mir wird klar, dass es leichter gewesen wäre, eine Liste mit Literaten zu machen, die sich nicht ständig berauschten. Ich trage mich in der zusätzlichen Kategorie «Schokolade und Schleckzeug» ein und schimpfe mit mir. Sie können ja auch nicht einfach rumsitzen und im Kopf irgendwelche Listen machen und ans Weintrinken denken. Das liegt einfach nicht drin!

Obwohl, warum eigentlich nicht? Vielleicht sollten wir uns offiziell einen Tag pro Monat zugestehen, an dem man versagen darf, und zwar komplett, auf der ganzen Linie. Jeder darf diesen Tag dann einziehen, wenn er ihn braucht. Scheitern nach Plan. Die genaue Regelung wäre natürlich von Kanton zu Kanton verschieden. Aber vielleicht würden wir daraus sogar etwas lernen. Vielleicht würden wir gescheiter durchs Scheitern.

Zur Person
Simon Libsig kann lesen und schreiben. Mit dieser seltenen Fähigkeit gewann der Badener bereits mehrere Poetry-Slams und einen Swiss Comedy Award – und hat jetzt mit «Auf zum Mond» auch noch ein höchst unterhaltsames Kinderbuch herausgebracht. www.simon-libsig.ch

Foto: the contentend / flickr / cc

 

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