Artikel Leben :: Natürlich Online Tierische Freunde | Natürlich

Tierische Freunde

Kategorie: Leben
 Ausgabe 12 - 2012 - 01.12.2012

Text:  Tertia Hager

Weshalb halten wir uns eigentlich Haustiere? Anthrozoologen erforschen die Beziehung zwischen Mensch und Tier – und diese ist für alle Beteiligten komplizierter als man meint.

Schwarze, eng zusammenliegende, leicht dümmliche Knopfaugen, lustige Ohren, ein Lächeln im Gesicht und ein flauschiges Äusseres: Das schwarzweisse Tier – vermutlich ein Schaf – grinst einen an und löst unweigerlich ein «Jöh-Gefühl» aus. Man schliesst es sofort ins Herz, man muss es einfach anfassen, man möchte es knuddeln. Doch das Plüschtier der Marke «Cookies & Cream» soll kein Kindergesicht zum Strahlen bringen, sondern einen Hundeschwanz zum Wedeln. Und das Schaf ist nicht allein: Geschätzte 30 verschiedene Tiere und rund ebenso viele weitere Spielzeuge findet der Hundefreund in der Qualipet-Filiale beim Zürcher Limmatplatz für seinen Liebling. 14'200 Produkte zählt das Sortiment des grössten Schweizer Anbieters für Heimtierbedarf. Und laufend gibt es Neuigkeiten: «Neu haben wir einen Katzenbaum aus Naturholz. Statt der langweiligen Plüschmulden, hat dieser dann Sitzgelegenheiten aus Schaffell-Imitat. Das kommt gut an», sagt Rolf Boffa, Geschäftsführer und Gründer von Qualipet. 

Katzenpudding und Hundeschuhe

Wie im Spielwarengeschäft ist die Präsentation der Verkaufsartikel eher nebensächlich. Es sind die schiere Menge und die immense Auswahl, die die Kundschaft – zu 80 Prozent Frauen – sofort in Beschlag nehmen. Herzige Katzenhalsbänder mit Glöcklein und aufgedruckten Pfötchen, Fressnäpfe für Katz und Hund in allen erdenklichen Farben und Formen, Spezialfutter und Leckerbissen für jeden Katzen-und Hundetyp, Shampoos mit Teebaumöl und «no tears», damit es unter der Dusche keine grossen Hundetränen gibt, versunkene Schiffwracks aus Plastik fürs Aquarium und Schuhe mit Antislip-Geländesohle für empfindliche Hundepfoten.

Dinge, die vor allem das Herz des Haustierhalters berühren. Was weiss die Katze, dass der Katzenpudding für Fr. 2.50 etwas Besonderes sein soll. Was kümmerts den Hund, dass auf dem Gummiball «Grinz» ein Gebiss aufgedruckt ist und sich der Mensch tierisch amüsiert, wenn aus der Schnauze des Vierbeiners das Gebiss eines Zweibeiners grinst. Fast 700 Millionen Franken gaben die Schweizer 2009 für die Pflege und die Ernährung ihrer Haustiere aus. In jedem zweiten Schweizer Haushalt lebt ein Haustier und dieses wird längst nicht mehr nur mit Futter und Streicheleinheiten verwöhnt, sondern – weil es sich die Wohlstandsgesellschaft leisten kann und viele Tiere immer mehr zu gleichwertigen Familienmitgliedern werden – auch mit ausgesuchtem Spielzeug, modischen Halsbändern oder luxuriösen Schlafgelegenheiten.

So viel Aufmerksamkeit bedeutet indes nicht automatisch auch mehr Tierwohl. «Das, was wir als Liebe zum Tier empfinden, führt nicht zwingend dazu, dass man es so behandelt, wie es seiner Natur entspricht», schreibt Antoine F. Goetschel in seinem Buch «Tiere klagen an». Dass sich der Mensch anmasst zu wissen, was für seine Katze oder seinen Hund das Beste ist, hat für Goetschel hauptsächlich damit zu tun, dass er bei aller Liebe im tiefsten Innern doch davon überzeugt ist, als Höherrangiger über das Schicksal der Tiere bestimmen zu können.

Was heisst artgerecht?

Experten wie Antoine F. Goetschel, Hanno Würbel (Professor für Tierschutz in Bern) und der christliche Tierschützer und Theologe Anton Rotzetter sind sich einig: Jedes Tier soll möglichst so gehalten werden, dass es seinen natürlichen Verhaltensweisen beibehalten kann. Doch was bedeutet artgerecht für unsere Haustiere? Ist es artgerecht, den Hund zum Hundefriseur zu schicken? Ist es artgerecht, eine Katze ausschliesslich in der Wohnung zu halten? «Der Begriff artgerecht wird von allen Seiten gebraucht und missbraucht», sagt Goetschel, der sich seit 25 Jahren mit dem Thema Tierschutz beschäftigt. Der ehemalige Tieranwalt plädiert dafür, das Tier Tier sein zu lassen. «Bringt man den Hund zum Friseur und lässt ihm einen Schnitt verpassen, damit der danach möglichst süss aussieht, ist das seinem Wesen nicht angemessen.» Bei Rassen, die aufgrund ihrer Züchtung nicht ohne regelmässige Fellpflege und einen Haarschnitt herumkommen, ist der Gang zum Hundefriseur hingegen Pflicht.

Was die Wohnungshaltung von Katzen betrifft, findet er persönlich, dass das Unberechenbare zu den Tieren gehöre und man ihnen die Freiheit draussen herumzustreichen geben sollte. «In Fachkreisen ist man aber der Ansicht, dass Katzen unter bestimmten Bedingungen als Hauskatzen gehalten werden können», sagt Goetschel. «Das bedingt jedoch Abwechslungsreichtum und viel Aufmerksamkeit.»

Kein Tierbesitzer würde behaupten, dass er sein Tier einzig und allein zu seiner Unterhaltung, gegen die Einsamkeit und um sein Verlangen nach Nähe, Liebe und Treue zu stillen, besitzt. Die Anthrozoologie, die noch junge Wissenschaft über die Beziehung zwischen Mensch und Tier, hält gleich eine ganze Auswahl von Erklärungen dafür bereit, ehrenwertere und niederere. Sie reichen von: «den Kindern Werte wie Güte und Verantwortungsbewusstsein beibringen» über «Ersatz für Freunde» bis «Haustiere erlauben es der Mittelschicht so zu tun, als wäre sie reich». Abschliessend beantworten könne man die Frage nach dem Warum nicht, schreibt der amerikanische Psychologe und Anthrozoologe Hal Herzog in seinem Buch «Wir streicheln und wir essen sie».

Missverstandenes Haustier
Meerschweinchen gehören in der Schweiz zu den beliebtesten Haustieren. Zwar verbietet das Tierschutzgesetz heute die Einzelhaltung der Herdentiere. Doch die Tatsache, dass die herzigen Tierchen mit den kurzen Beinen Fluchttiere sind, ist kaum bekannt. Nähert sich dem Tier von oben eine Hand, reagiert es instinktiv: es flüchtet, weil ein dunkler Schatten in freier Wildbahn gleichbedeutend mit dem Anflug eines Raubvogels ist. Auch die Angewohnheit der Nager, sich flach und lang zu machen, wenn sie gestreichelt werden, bedeutet nicht, dass sie diese Zärtlichkeiten geniessen. Im Gegenteil: Das Meerschweinchen will damit den vermeintlichen Angreifer täuschen. Es stellt sich tot.

Bitte keine Ratschläge

Klar ist jedoch, dass sich die Beziehung zum Haus- und zum Nutztier im Verlauf der Zeit immer wieder verändert hat und Menschen die Nähe zum Tier aus den verschiedensten Gründen suchen. «Der Mensch ist das einzige Tier, das nur zu seinem Vergnügen Mitglieder anderer Gattungen hält», glaubt Herzog. Hatte der Hund früher vor allem die Funktion eines Wächters für Haus und Hof, so ist er heute Familienmitglied, Schosshund, Partnerersatz und je nach Rasse und aktuellem Trend auch Statussymbol. Laut Herzog geben in den USA 70 Prozent der Tierhalter an, dass sie ihren Lieblingen hin und wieder erlauben, in ihrem Bett zu schlafen. Rund zwei Drittel kaufen für ihre Tiere Weihnachtsgeschenke.

Dass Tiere, insbesondere Hunde, von ihren Besitzern heute als den Menschen gleichwertig betrachtet und auch so behandelt werden, zeigt sich gut an der Empfindsamkeit ihrer Halter, wenn es um Kritik geht. So wenig wie man Eltern ungefragt einen Ratschlag zur Erziehung des Nachwuchses geben sollte, so wenig empfiehlt es sich, dem Hund der Nachbarin mit süsser Stimme zu sagen: «Ach, bist du ein doofer Hund», wenn er das im Garten versteckte Häppchen zum wiederholten Male nicht findet. Da wird kein Spass verstanden.

Bedingungslose Liebe

So gross die Identifikation mit und die Liebe zum Tier auch sind, letztlich muss es sich stets nach unseren Wünschen, unserem Lebensrhythmus und unseren Überzeugungen richten. Der Hund eines Obdachlosen liegt stundenlang im Kies des Stadtparks, während jener der wohlhabenden Dame mit Frauchen im Doga, dem Yoga-Kurs für Hunde und Halter, ist. Und wenn die Besitzerin beschliesst, auf rein vegetarische Ernährung umzuzustellen, kann das durchaus auch den Hund treffen. Bob Dylan sagte einst: «Wenn Hunde sprechen könnten, würde es keinen Spass mehr machen, einen zu haben.»

Erwartet werden bedingungslose Liebe und Treue des Haustieres. Und mancher Hunde- oder Katzenhalter ist überzeugt davon, dass nur ein Tier dazu fähig ist, wie Anthrozoologe Hal Herzog in einer Studie herausfand. Wer schon einmal Katzen gehalten hat, weiss, dass es allenfalls umgekehrt ist. Sie liebt den Menschen, wenn er ihr die Büchse öffnet und sie schnurrt zufrieden, wenn sie auf seinen Schoss springt und nach Streicheleinheiten verlangt. Oft genügt sie sich aber einfach selbst. Und dann gibt es auch Momente, wo der Schmusekater seine hässliche Seite zeigt. Bringt «Tigerli» Mäuse, Vögel und im schlimmsten Fall gar das Meerschweinchen aus Nachbarsgarten heim, tut es zwar nur das, was in seiner Natur ist – der Mensch verabscheut das tierische Treiben aber trotzdem aus tiefstem Herzen.

«Die Natur hat ihre eigenen Abläufe. Dort greift auch die Ethik nicht», erklärt Antoine F. Goetschel. Kann man nicht akzeptieren, dass der Schmusekater hin und wieder zur jagenden Bestie wird, ist man vielleicht eben doch kein richtiger Katzenfreund. Der Tierschützer rät: «Der Fokus liegt beim Wohl der Tiere und nicht bei unserem Wohlgefühl.» . 

Tags (Stichworte):

Kategorie: Leben

Lügen nach Bedarf

Der Mensch ist von Natur aus ehrlich.

Kategorie:

Kategorie: Leben

Ausstellung: Im Supermarkt der Möglichkeiten

Nuss oder Vanille oder Milch?