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Kategorie: Leben
 Ausgabe 12 - 2012 - 01.12.2012

Text:  Lioba Schneemann

Märchen lassen Kinder mit offenem Mund dasitzen. Märchen helfen Erwachsenen, ihr Leben besser zu verstehen und zu meistern. Am schönsten sind sie, wenn sie einem erzählt werden.

Es war einmal...» – viele bekannte Märchen beginnen mit diesem verheissungsvollen Satz. Oft erinnern wir uns auch noch im Erwachsenenalter gut an unsere Lieblingsmärchen oder an besonders geliebte Figuren, so wie der Schriftsteller Charles Dickens, der einst schrieb: «Rotkäppchen war meine erste Liebe. Ich wusste: Hätte ich Rotkäppchen heiraten können, wäre mir vollkommene Glückseligkeit zuteil geworden.» Zu Grimms­Zeiten waren Märchen ein fester Bestandteil der Erwachsenenunterhaltung. Märchen bestehen aus einer Fülle symbolträchtiger Bilder, schaffen Raum für Wünsche und Hoffnungen und sind Bestandteil kulturellen Wissens, auch wenn uns dies nicht bewusst ist. Und Märchen sind besser als alles andere dazu ge­eignet, Kindern zuhelfen, ihre Identität und ihren Lebenssinn zu entdecken.

Surftipps
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Märlistund.ch
Mutabor Märchenstiftung
Zauber-Wald.ch
Schweizerische Märchengesellschaft SMG

Die Heldin machts vor

«Geschichten, von denen wir gepackt wer­den, sagen etwas aus über uns, unsere Sehnsüchte, Wünsche, über menschliche Haltungen, mit denen wir uns gerne identifizieren würden, über Menschen, die wir gerne «wären», erklärt die die Buchautorin und Psychotherapeutin Verena Kast. Im Nach­denken über das Märchen denken wir auch über das Leben und über uns selber nach. «In Märchen kommt es oft zu uner­warteten Lösungen, die eine grosse Krativität des Helden, der Heldin aufzeigen. Der Zuhörer oder Leser identifiziert sich mit dem Märchenhelden und gewinnt die Hoffnung,dass Probleme lösbar sind und es immer wieder schöpferische Wandlungen gibt», sagt Kast.

Existenzielle Nöte

Ganz oben auf der Beliebtheitsskala steht das Märchen von Aschenputtel in der Version der Gebrüder Grimm. Wer findet, dass es sich hierbei lediglich um eine Geschichte eines hübschen Mädchens handelt, das ungerecht behandelt wird und am Ende über die bösen Stiefschwestern triumphiert, liegt falsch. Die Beliebtheit dieser Geschichte wurzelt keineswegs nur im Traum vom schönen Prinzen. Aschenputtel ist ein typisches Märchen, das mit rei­cher Symbolik wichtige Botschaften für das Leben vermittelt: Die Helsin kämpft gegen heftige unvermeidliche Schwierigkeiten des Lebens an.Da sie den unerwarteten und oft
ungerechten Begebenheiten standhaft begegnet und nicht davor zu­rückschreckt, überwindet sie alle Hinder­nisse und geht als Siegerin hervor. Die Mär vom Aschenputtel konfrontiert uns zudem mit existenziellen menschlichen Nöten: Die Trennung oder der frühe Tod der Mutter, der Neid der Stiefschwestern, die Qualen der Geschwisterrivalität und die Einsamkeit.«Das Mädchen hält sich in der Geschichte an jeden positiven Funken, den es erhaschen kann. Aschenputtel ist nicht einverstanden mit ihrem Dasein. Und sie geht heimlich auf den Ball. Sie weiss, dass es noch eine andere Seite in ihr gibt» erklärt Verena Kast.

«Das Motiv des Aschenputtels ist alt», schreibt der Psychoanalytiker Bruno Bettelheim in seinem Buch «Kinder brauchen Märchen». Der besonders kleine Fuss als Zeichen grosser Schönheit, Tugend und Vornehmheit und der Pantoffel aus kostbarem material seien Züge die auf einen östlichen Ursprung hinweisen würden. Auch Martin Luther spricht in seinen «Tischgesprächen» von Kain als dem gott­verlassenen Übeltäter, der Macht besitzt, während der fromme Abel gezwungen ist, sein «Aschenbrüdel» zu sein, also das «reine Nichts».

Märchen als Therapie

Märchen sind Schätze, die altes Wissen be­herbergen. Sie sprechen in Symbolen zu uns und ihre Nähe zum Traum und zu den Mythen zeigt deutlich,dass sie nicht nur Kinderkram sind. Sie können auch in der therapeutischen Arbeit erfolgreich ge­nutzt werden. Die überragende Bedeutung des Märchens für das Wachstum des Menschen liege, so betont Bruno Bettel­heim, nicht in der Belehrung über
richtige Verhaltensweisen in dieser Welt. Diese Weisheit hielten Religion, Mythen und Fa­beln bereit. Märchen seien therapeutisch, weil der Patient zu eigenen Lösungen Konflikte zu diesem Zeitpunkt in seinem Leben enthält.» Es geht bei Märchen vor allem um die inneren Vorgänge im Men­schen. Die Geschichte von Aschenputtel hat die Psychoanalytikerin Verena Kast in ihrer therapeutischen Arbeit mit Patienten oft herangezogen. «Aschenputtel zeigt zum Beispiel, dass, lange bevor der Tief­punkt einer Krise erreicht ist, schon etwas Neues wächst. So bittet Aschenputtel den Vater, er möge ihr einen ‹Reis› mitbringen. Diesen Zweig pflanzt sie auf das Grab der Mutter, und der wächst heran, während Aschenputtels Situation immer schlimmer wird.» Mit dem Wachsen  des Haselstrauches wächst auch die innere Kraft des Mädchens.

Viel öfter als an das ganze Märchen erinnern wir uns an einzelne Motive. An solche, die uns besonders gefallen oder uns besonders erschreckt haben. Darum, be­tont Kast, sei es in der Therapiearbeit oft lohnender, nicht nach dem Lieblingsmärchen aus der Kindheit zu fragen, sondern nach den Motiven, die einem in Erinne­rung geblieben sind. Diese berührten Probleme, die in der Kindheit aktuell waren und im Ansatz noch aktuell seien.

Der Schwache siegt

Aber auch ohne tiefenpsychologische Deutungen weiss jeder intuitiv, dass Märchen viel zu bieten haben, denn sie neh­men die existenziellen Probleme ernst. Man lernt von ihnen, dass es in der Welt ungerecht und grausam zugehen kann, dass Trauer und Tod zum Leben gehören. Aschenputtel zeigt auf, dasss eine  Mutter, die gestorben ist, einen heimlich mit Gaben versehen kann, die im Leben helfen. Wer gut ist, wird zuletzt gewinnen. Das Märchen vom Fischer und seiner Frau wiederum lehrt uns, dass die grenzenlose Gier nach Macht und Besitz am Ende alles zerstört. Und in der Geschichte vom Hans im Glück erfahren wir, dass ein Verlust ein Gewinn sein kann und einem eine neue Freiheit schenkt. Und Märchen wie der gestiefelte Kater, der mit List zum Erfolg kommt, zeigen uns, dass es auch der Schwächste im Leben zu etwas bringen kann. «Typisch für viele Märchen ist, dass die Heldin oder der Held Vertrauen in fremde  Kräfte hat und Hilfe von ihnen erhält. Etwa von Tieren, kleinen Männchen oder alten Mütterchen», sagt die Märchenerzählerin Katherine Baader aus Ziefen, Baselland. Sie ist selber besonders vom Froschkönig beeindruckt. «Das Königskind, das zunächst fröhlich und kindlich mit dem goldenen Ball spielt, zeigt im Kontakt mit dem ekligen Frosch ihre ganze Wut und Aggressivität. Sie schmeisstden glitschigen Frosch an die Wand, was ihm ermöglicht, zum Prinzen zu werden.»

Zentrales Motiv vom Froschkönig ist die erwachende Sexualität der Königstochter. Der Frosch ist darin wie auch in anderen Märchen das Symbol für Sexualität. Psychoanalytiker Bruno Bettelheim ist der Ansicht, dass die Geschichte Kindern etwas Wesentliches vermittelt: Sexualität kann anfangs als etwas Tierisches, Ekelhaftes erscheinen, kann sich aber, wenn man reif dafür ist, zu etwas Wunderbarem entwickeln. Das Märchen vermittle dies auf eine psychologisch gesündere Art als die moderne Aufklärung, glaubt er. Der Frosch, das eklige Tier, entwickelt sich zu gegebener Zeit zu einem charmanten Geliebten, dem Prinzen. Das Märchen lehrt uns zudem, geduldig zu sein: Es braucht eine gewisse Zeit, bis sich eine intime Beziehung in Liebe verwandelt.

Zuhören ist am schönsten

Die Kraft der Märchen entwickelt sich vor allem beim Zuhören. Katherine Baader ist wie alle Märchenerzählerinnen und Märchenerzähler davon überzeugt, dass die Geschichten ihre besondere Kraft vor allem dann entfalten, wenn sie von einer Person frei erzählt werden. «Der Kontakt zwischen mir und den Zuhörern ist sehr wichtig.» Darum rät sie Eltern, ihren Kindern Märchen zu erzählen, anstatt sie alleine mit dem CD-Player zu lassen. Sie selbst erinnert sich gut und gern an ihre Erlebnisse, die sie als Kind mit Märchen hatte. «Wenn unsere Grossmutter zu besuch kam, schlüpften wir drei Schwestern morgens zu ihr ins Bett. Beim Rotkäppchen waren wir mit Lust und Schauder zugleich erfüllt. Wenn sie sprach «Grossmutter, warum hast Du ein so entsetzlich grossen Maul?» und sie dann als Wolf antwortete: «Damit ich dich besser fressen kann!», so erschraken wir zutiefst und fühlten uns doch immer geborgen und sicher im Bett.» Katherine Baader gefällt das Spiel mit der Lebensfreude und der Magie, mit den Unheimlichkeiten, dem Humor und der listigen Art vieler Helden, die jeder versteht. Viele Reaktionen der Zuhörer und Zuhörerinnen seien berührend. Etwa, wenn Senioren in einem Altersheim sagten, sie fühlten sich dabei wieder wie als Kinder.

Im Winter, wenn es draussen grau und kalt, drinnen warm und gemütlich ist, lässt es sich besonders gut in die Märchenwelt abtauchen. Und, wie sagt ein russisches Sprichwort treffend: «Ein Wort, das von Herzen kommt, wärmt drei Winter lang.»

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