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Stille Katastrophe

Kategorie: Leben
 Ausgabe 11 - 2012 - 01.11.2012

Text:  Susanne Strässle

Die Welt braucht eine sanitäre Revolution. In Zukunft werden nicht nur Haushaltabfälle getrennt, sondern auch Kot und Urin. Das schont nicht nur die Umwelt, es soll auch Geld bringen.

Rund ein Jahr ihres Lebens verbringen Schweizerinnen und Schweizer auf der Toilette, 291 Tage die Männer, ganze 376 Tage die Frauen. Das WC ist ein Ort des Rückzugs und der Erleichterung. Für manchen wohl gar ein stiller Ort der Inspiration. Aber wie oft denken wir darüber nach, wie wir es tun, wenn wir müssen, wie es ist, wenn man muss und nirgends kann, und wie die Welt künftig damit umgehen wird, wenn immer mehr Menschen müssen?

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Mit «sanitären Perspektiven» setzt sich ein Team des ETH-Wasserforschungsinstituts EAWAG um die Wissenschaftlerin Tove Larsen auseinander. Es hat das WC der Zukunft entwickelt: eine Urin separierende Trockentoilette, die dennoch gespült werden kann und das wenige Wasser dank selbstreinigendem Membranfilter wieder aufbereitet. Aus dem Urin soll Dünger, aus den Fäkalien Energie gewonnen werden. Mit dieser Toilette gewann die Gruppe den Anerkennungspreis des Wettbewerbs «Re-Invent the Toilet». Die Aufgabe war, eine Toilette zu entwickeln, die die prekäre hygienische Lage in Slums günstig und ressourceneffizient bessert. Dereinst soll das futuristische WC aus der Schweiz an vielen Orten der Welt für Erleichterung und mehr Gesundheit sorgen. Vielleicht auch in Indien – wo die Toilettengeschichte einst ihren Anfang nahm.

Energie aus Fäkalien

Der Idee vom Geschäft mit dem «Geschäft» folgen auch die Forscher der EAWAG: Den Abtransport der getrennten Exkremente in selbst verschliessenden Behältern sollen dereinst Kleinunternehmer übernehmen und die Dünger- und Energiegewinnung weitere Arbeitsplätze schaffen. Zukunftsmusik.

Doch schon jetzt hat die «klolossale» Erfindung aus der Schweiz aber eine erfreuliche Nebenwirkung gezeitigt: Das stille Örtchen schaffte im Spätsommer den Sprung in sämtliche Medien. Scheisse machte Schlagzeilen. Schlagzeilen, die sie eigentlich tagtäglich machen müsste, leben doch 2,6 Milliarden Menschen weltweit ohne minimale sanitäre Versorgung: 40 Prozent der Weltbevölkerung sind gezwungen, ihre Notdurft irgendwo im Freien zu verrichten. Das ist nicht nur entwürdigend, es bringt auch tödliche Krankheitserreger ins Trinkwasser. In Entwicklungsländern leidet rund die Hälfte der Menschen unter Krankheiten, die durch unsauberes Wasser verursacht werden. Täglich sterben über 3000 Kinder an Durchfall. Der Welttoilettentag am 19. November erinnert an die verborgene Katastrophe.

Das Klo als Prestigeobjekt

Dass der Zusammenhang zwischen Kloake und Krankheit gross ist, zeigt beispielsweise auch die Entwicklung der Lebenserwartung in der Schweiz: In gut 100 Jahren hat sich diese von 40 auf über 80 Jahre verdoppelt, nachdem diese Kausalität Mitte des 19. Jahrhunderts erkannt wurde. Erst angesichts von Cholera und Typhus wuchs die Bereitschaft der Bürger, grosse Summen in eine moderne Stadtentwässerung zu investieren.

Hygieneaufklärung ist auch heute noch zentral: «Allein schon Händewaschen kann 50 Prozent der Erkrankungen verhindern», sagt die Entwicklungsexpertin. Umso erstaunlicher sind die Ergebnisse einer Umfrage in verschiedenen Ländern: Was ärmere Familien letztlich motiviert, in Latrinen zu investieren, ist nicht primär die Sorge um ihre Gesundheit, sondern der Wunsch nach Komfort, Privatsphäre, Sozialprestige. Auch Scham und Ekel spielen eine Rolle: In Bangladesch wurde mit öffentlichen Begehungen verschmutzter Lokalitäten und der Demonstration eingesammelter Fäkalien ein viel diskutierter Toilettenboom ausgelöst. «Ganz so weit geht Helvetas nicht», sagt Montangero. «Aber wenn in Nepal angesehene Gemeindemitglieder demonstrativ den Ort offener Defäkation reinigen, erregt das Aufsehen – und wirkt.» Leisten sich wichtige Bürger eine Latrine und werden sanitäre Kleinunternehmer gefördert, rückt das eigene «Häuschen» als «Must-have» ins Bewusstsein der Leute.

Sanitäre Zukunftsvision

Und wie steht es um die «Must-haves» in unseren Badezimmern? Liegt die Zukunft in vorgeheizten WC-Brillen, in japanischen Toiletten, die peinliche Geräusche übertönen und in deren gläsernen Spülkästen Zierfische schwimmen? Oder in mit Sensoren ausgestatteten Schüsseln, die Urinwerte an den Hausarzt übermitteln?

Toilettenerfinderin Tove Larsen winkt ab. «Der nächste grosse Schritt wird die Urinseparierung sein. Wenn man die Ressourcen günstig und energiesparend nutzen will, muss man die Exkremente von Anfang an trennen», sagt sie. «Ich glaube, das wird in 20 Jahren Standard sein.» Auf die Kanalisation wird man deshalb kaum verzichten. Die Schweiz verfügt mit 839 öffentlichen Kläranlagen und mit 59 000 Kilometern Leitungsrohren über eine Infrastruktur, die rund 100 Milliarden Franken wert ist. «Weil wir so viel Wasser haben, bezweifle ich, ob wir je zu einem Trockensystem kommen. Das würde wohl keinen Sinn machen. Ohne Urin ist die Abwasserreinigung jedoch viel einfacher, und die Gewässer werden entlastet», so Larsen. «Aus dem Urin können wertvolle Nährstoffe wie Stickstoff und Phosphor, aus den gesonderten Fäkalien Energie gewonnen werden.» Die Aufbereitung des Urins dürfte nah am Haus stattfinden, vielleicht direkt im Badezimmer. Wir sind dabei, mit einer Firma eine solche No-Mix-Toilette zu entwickeln», erzählt Larsen.

Weltweit gesehen braucht es allerdings eine Alternative zur Schwemmkanalisation, denn bis ins Jahr 2050 wird über die Hälfte der Menschheit in sehr wasserarmen Gebieten leben: Modelle wie die neue Slum-Toilette oder simplere mit (urinfreien) Sickergruben. «Genau das fasziniert mich», sagt die Wissenschaftlerin: «Dass der Ansatz der Urinseparierung zu ganz unterschiedlichen Lösungen führen kann.»

Gemein ist den Ideen, dass sie dem, was wir loswerden wollen, eine neue Wertschätzung als Rohstoff einräumen.

Foto: Helvetas Meinard Schade

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