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Mein letzter Tag

Kategorie: Leben
 Ausgabe 11 - 2012 - 01.11.2012

Text:  Thomas Widmer

Thomas Widmer beleuchtet ein Dilemma, das wir alle kennen: Darf man eine Abmachung absagen, weil es etwas Besseres, Schöneres zu erleben gäbe?

Irina ist die Frau eines wirklich guten Freundes. Du magst sie. Es ist nicht irgendein Geburtstag, es ist ihr fünfzigster. Und seit Wochen freust du dich, an diesem Herbstsonntag alle anderen Leute aus deiner Berner Zeit wiederzusehen, die auch am Fest sein werden. Angemeldet hast du dich vor Wochen schon. Hingehen, denkst du, du musst hingehen.

Anderseits bist du seit Tagen gestresst, du hattest viel zu tun. Sogar am Samstag musstest du arbeiten. Und der Montag und der Dienstag werden auch wieder streng werden. Bleibt einzig der Sonntag, an dem du dich erholen kannst. Passend dazu baut sich seit Tagen die Hochdruckzone des Jahres auf. Dies wird das Wochenende der Wochenenden, Widmer! Der perfekte Wandertag. Du musst raus. Du brauchst Ruhe, du brauchst Natur. Also: Du musst Irina absagen!

Soweit mein Dilemma. Jede Faser meines Körpers sehnt sich einzeln nach den Bergen, nach einer kleinen Wanderung, einem guten Essen, nach viel Sonne vor allem – das Gegenteil ist ein Geburtstagsfest in einer Wohnung. Selbst wenn dort gute Freunde sind und die Wohnung eine Gartenterrasse hat.

Du willst aber doch kein Sozialverweigerer sein. Wenn du nicht zu dem Geburtstag gehst, enttäuschst du Irina und andere Leute mit ihr. Und während du das denkst, meldet sich in deinem Kopf schon wieder das Stimmchen der Selbstverwirklichung und flötet fies: Stell dir bloss die grässlich vielen Leute im Zug von Zürich nach Bern vor. Und stell dir vor, wie du bei Irina in der Wohnung am Buffet stehst und smalltalkst, während in den Bergen die allerherrlichste Stille herrscht.

Am Samstagabend trage ich das Dilemma im Restaurant einigen Freunden vor; last minute, sozusagen. Wir diskutieren. Allerdings ist das Ergebnis nicht eindeutig. Felix findet, angemeldet sei angemeldet und ich solle nicht so apokalyptisch tun, es kämen noch viele schöne Herbsttage. Susanne findet, ich solle schwänzen, aber mit einer Notlüge; ich könnte Irina doch sagen, ein Ressortkollege sei krank geworden und ich hätte kurzfristig dessen Sonntagsdienst auf der Redaktion übernehmen müssen.

Schliesslich Petra: Sie plädiert für Nicht-Hingehen, aber auch für radikale Ehrlichkeit. Sie gewinnt. Ihr Argument leuchtet mir vielleicht auch deshalb ein, weil kürzlich eine liebe Freundin von mir noch jung an Krebs jämmerlich gestorben ist. Petra sagt : «Stell dir einfach vor, morgen sei der letzte Tag deines Lebens. Stell dir das vor, und dann entscheide: Was willst du an diesem Tag wirklich?»

Genau nach diesem Kriterium habe ich schliesslich am frühen Sonntagmorgen entschieden. Ich fuhr nicht an Irinas Geburtstag in Bern. Stattdessen gings in die Innerschweiz, auf den Wildbeobachtungspfad von Emmetten zum Niederbauen: herrliche Bergsicht, tief unten der blaue Vierwaldstättersee und am Schluss Älplermagronen im Niederbauen-Bergstation-Restaurant.

Ist das nun ein Happy End ? Natürlich nicht. Ich habe gehandelt, als sei es mein letzter Tag. Doch am Montagmorgen wachte ich auf und lebte noch. Das schlechte Gewissen plagte mich. Trotzdem finde ich Petras Prinzip gut und will es öfter anwenden: «Stell dir vor, morgen sei der letzte Tag deines Lebens. Und dann entscheide: Was willst du wirklich?»

Foto: vasile23 / flickr / cc

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