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Liebe Mobiliar...

Kategorie: Leben
 Ausgabe 09 - 2012 - 01.09.2012

Text:  Simon Libsig

Simon Libsig hadert mit seinem Chef, und doch hält er zu ihm – bis ihm eines Tages doch der Kragen platzt. Wortreich fordert er Schadenersatz.

«Mein Chef hat einen gröberen Dachschaden. Wirklich, der hat einen Ecken ab. Vermutlich war bei ihm schon länger eine Schraube locker. Nun scheint er nicht mehr ganz dicht zu sein. Dem regnet’s ins Hirn. Da rieselt’s einfach so durch. Erst wurde ihm sein letzter Nerv geraubt, wie er behauptet, wohl ein Entreissdiebstahl, dann riss sein Geduldsfaden, eine Sicherung brannte durch und schliesslich krachte es ganz gewaltig im Gebälk. Man hätte zu lange mit dem Feuer gespielt, meinte er, dann ist er explodiert, ging voll an die Decke. Und die hatte noch Neuwert.

Liebe Mobiliar, das war kein Sturm im Wasserglas. Da ist mehr als nur ein Fass übergelaufen. Da hagelte es Kritik ohne Ende. Da zerbrach eine ganze Welt. Kein Stein liegt mehr auf dem anderen. Einzelne Mitarbeiter, insbesondere ich, wurden nicht nur durch den Schmutz gezogen, nein, liebe Mobiliar, aus uns wurde auch noch Kleinholz gemacht. Wahrlich, es wurde viel Porzellan zerschlagen. Seither hat mein Chef nicht mehr alle Tassen im Schrank. Und einen Sprung in der Schüssel hat er auch.

Liebe Mobiliar, wir Mitarbeiter, insbesondere ich, sahen uns tagtäglich mit einer Mailflut biblischen Ausmasses konfrontiert, wir wurden regelrecht überschwemmt mit Anfragen. Es ist doch nur natürlich, dass es da zu Abnutzungserscheinungen kommt, das ist doch kein Elementarereignis, manchmal ist einfach Sand im Getriebe und der Motor springt nicht an. Aber dass man da gleich, wie mein Chef, mit einer Prämienverbilligung droht, mal ehrlich, der hat doch einen Totalschaden, aber Vollkasko! Nehmen sie meinen persönlichen Hausrat: So einer gehört doch von der Police eingebuchtet, da plädiere ich privat für Haftpflicht!

Liebe Mobiliar, seit ich für meinen Chef arbeite, hatte ich noch nie eine grosse Beule im Portemonnaie. Den grössten Teil hat er doch immer für sich im Selbstbehalt. Ich kriegte keinen Monatslohn, ich kriegte immer nur Taggeld. Klar hege ich Aggressionen gegen meinen Chef, aber ich könnte nicht mal einem Blümchen oder einem Tier etwas zuleide tun, ich könnte weder Park- noch Marderschaden. Ich schwöre, ich schreibe ihm einen Schutzbrief, er ist jederzeit voll in Deckung. Für manches, was er mir beibrachte, bin ich sogar froh und deshalb erhebe ich mein Carglass und sage: ‹Non, je ne Regress rien!›

Dennoch möchte ich hier einen Versicherungsfall geltend machen:

Liebe Mobiliar, infolge einer Fehleinschätzung meines Arbeitgebers liegt mein Leben in Trümmern, es ist ein einziger, grosser Scherbenhaufen. Ich bin völlig abgebrannt und mein Selbstwertgefühl ist arg angekratzt. Das Wasser steht mir bis zum Hals. Der Schaden beläuft sich auf 72 000 Franken Jahressalär.

Vielen Dank, und einen schönen Erlebensfall, Simon Libsig.»

Zur Person
Simon Libsig kann lesen und schreiben. Mit dieser für Tiere untypischen Fähigkeit gewann der Badener bereits mehrere Poetry Slams und einen Swiss Comedy Award. www.simon-libsig.ch


Foto: barockschloss / flickr / cc

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