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Die letzte Pipeline

Kategorie: Leben
 Ausgabe 07 - 2012 - 01.07.2012

Text:  Andreas Krebs

Immer mehr Städte proben den Abschied vom Erdöl. Die sogenannten Transition Towns gründen auf einer Basisbewegung, die auf die Kraft von positiven Visionen setzt – und die auf lustvolle Art zum Handeln einlädt.

Es gibt eine globale Bewegung, welche die Kraft hat, die Menschen zu vernetzen und so ihren Worten und Taten mehr Gewicht zu verleihen: die Transition- oder Energiewendebewegung. Sie kommt ohne Hierarchie und Ideologie aus. Und sie verängstigt nicht mit Verboten und Negativszenarien, sondern entwirft im Gegenteil ein positives Bild der Zukunft. Bald dürften auch in der Schweiz die ersten offiziellen Transition Towns entstehen. Gemeint sind damit Städte, die im Wandel hin zu einer zukunftsfähigen Lebensweise sind. Das Besondere: Dieser Wandel geht von den Bewohnern selbst aus. Das wichtigste Ziel ist die Relokalisierung von Energieversorgung, Wirtschaft und Nahrungsmittelproduktion.

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«Die Zeit ist reif. Wenn dein Haus brennt, solltest du einen Weg nach draussen finden», erklärt der 43-jährige Umweltaktivist und Autor Rob Hopkins das Grundprinzip der Transition-Aktivisten. Der Engländer und Gründer der Transition-Bewegung begann 2004, sich mit dem in den 1950er-Jahren erstmals diskutierten Problem «Peak Oil» auseinanderzusetzen, dem absehbaren globalen Ölfördermaximum. Ihm wurde klar: «Mit dem Ende des billigen Öls wird sich das Leben radikal ändern, ob wir wollen oder nicht.» Anstatt nun ein Weltuntergangsszenario zu propagieren, begreift er die Entwicklungen als Chance, durch die Umstellung auf eine sanftere, Ressourcen schonendere und mehr auf ein Miteinander aufbauende Zivilgesellschaft die Lebensqualität zu erhöhen. Dabei muss der Einzelne nicht die globale Lösung parat haben. «Es genügt völlig, wenn Sie beginnen, mit ihrem Leben, ihren Lieben und ihrer Heimat verantwortungsvoll und zukunftsfähig umzugehen.»

Die Abhängigkeit vom Öl ist laut Hopkins die entscheidende Schwachstelle der Globalisierung. Dagegen helfe allein die Stärkung der Resilienz. Resilienz meint die Fähigkeit von lokalen, sozialen und ökologischen Systemen, äussere Störungen fast unbeschadet zu überstehen. Dazu bedarf es einer gesunden und stabilen Souveränität in den Bereichen des täglichen Lebens wie Ernährung, Energie, Erziehung, Verkehr, Bildung, Bauen und Wirtschaft. Von den Politikern und globalen Wirtschaftsakteuren könne die Lösung nicht kommen, meint Hopkins. «Sie haben die Probleme ja verursacht.» Der Impuls für eine weitreichende Veränderung unserer Lebensweise könne nur von innerhalb der Gesellschaft kommen. Die Energiewende muss demnach von Gemeinden oder Stadtteilen ausgehen, zu denen die Bürger einen direkten Bezug haben. Aus dieser Einsicht heraus gründete Hopkins 2006 in seiner Heimatstadt Totnes die erste Transition Town.

Die vier Kernpunkte der Transition-Bewegung
1 Ein zukünftiges Leben mit weniger verfügbarer Energie ist unvermeidlich; es ist besser, jetzt zu planen, als später von den Tatsachen überrascht zu werden.
2 Unsere vom Erdöl abhängige Gesellschaft ist noch lange nicht agil und flexibel genug, um beispielsweise mit Energieschocks fertig zu werden.
3 Wir müssen selbst und jetzt handeln.
4 Unter Verwendung des kollektiven Potenzials unserer Gemeinde oder Region können wir einen Lebensstil gestalten, der bereichernder, befriedigender und mehr mit den Mitmenschen verbunden ist, als dies bei den meisten heutigen Lebensstilen der Fall ist.

Der Wandel beginnt ...

Die Transition-Bewegung setzt dabei auf die Verbindung von Kopf (Verstand), Herz (Bewusstsein) und Hand (Handlung). Aktivisten in Totnes pflanzen zum Beispiel Nussbäume auf öffentlichen Plätzen und verbessern so Bodenqualität, Mikroklima und Artenvielfalt. Zudem liefert jeder der Bäume ab dem 15. bis über das 100. Lebensjahr hinaus im Durchschnitt jährlich um die 24 Kilogramm gesunde, nährreiche Früchte.

Die Aktivisten überprüfen Betriebe auf ihre Erdölabhängigkeit; ein Instrument, um das Interesse der Firmen an der Bewegung zu wecken, geht es doch dabei um das wirtschaftliche Überleben. Sie kooperieren mit Landwirten und bepflanzen Brachflächen und Gemeinschaftsgärten mit Gemüse. Sie bauen Komposttoiletten, die ohne kostbares Wasser funktionieren und wertvollen Kompost liefern. Sie drucken Totnes Pounds, damit das Geld vermehrt in der Region bleibt. Sie bereichern den Nahverkehr mit indischen Motor-Rikschas, die mit Abfall-Öl aus lokalen Restaurants fahren. Der Verbrauch: ein Liter auf 80 Kilometer. Sie finden Dutzende Hebel, etwas anders zu machen als üblich – alles kleine Schritte, um das grosse Öko-Dilemma zu überwinden. Dabei werden das Wissen, die Ideen und die Kreativität eines Jeden genutzt auf der Suche nach einem besseren Leben. Wichtig ist, dass die Projekte begeistern und einfach zu wiederholen sind.

... und kann verunsichern
Die sanften Revoluzzer leben vor, dass eine Philosophie des Weniger gelingen kann – und eher Lust als Last bedeutet. «Ohne all die Abhängigkeiten könnte das Leben fantastisch sein», sagt Hopkins. «Wir könnten mehr Zeit füreinander haben, wir wären entspannter, wir würden weniger Schulden haben, sauberere Luft und Flüsse, und wir hätten mehr Zeit zum Spielen und zum Feiern des Lebens.» Verzicht – das kann Spass machen. Aber auch Angst, wie jede Veränderung. In Totnes beschäftigt sich eine «Herz- und Seele»-Gruppe mit den Nebenwirkungen des Wandels: Als Lobby für eine innere Revolution, ohne die die äussere nicht gelingen kann, befasst sie sich mit der Psychologie der Veränderung. Die Gruppe unterstützt und stärkt diejenigen, die sich von Ausmass und Folgen der gegenwärtigen Probleme überwältigt fühlen und denen es schwerfällt, sinnvolle Veränderungen in ihrem Leben vorzunehmen.

Neues Miteinander
Kann eine Basisbewegung, die in erster Linie von Privatpersonen ausgeht, wirklich etwas ändern? Die Hoffnung, dass tatsächlich ein Wandel stattfindet, scheint berechtigt. Radikal, zugleich sanft, konstruktiv und experimentierfreudig – für viele Menschen ist die Mischung und vor allem die Kraft der positiven Vision bestechend. Bereits gibt es mehr als 400 offizielle Transition-Initiativen in über 40 Ländern und mehrere Tausend Dörfer, Städte, Gemeinden und Regionen, die darüber nachdenken, eine zu gründen. Und alle können von allen lernen – dem Internet sei Dank.

Geld behindert uns

Das Transition-Modell ist flexibel und offen genug, um nicht nur Menschen in New York und Kapstadt, sondern auch in Zürich und Genf zu begeistern; dabei bietet es genügend Gemeinsamkeiten, die Menschen global im Denken zu verbinden. Wesentlich für das Funktionieren ist aber, dass vor Ort gehandelt wird. Es soll in Kooperation mit existierenden Initiativen und Gruppen geplant und gehandelt werden. Jene, die schon Erfahrungen haben, geben ihre Erkenntnisse in Trainings-Workshops an Neulinge weiter. So weicht das Gefühl, den grossen Problemen unserer Zeit ohnmächtig gegenüberzustehen. Denn, so Rob Hopkins, die Wandlung zur nachhaltigen Stadt lässt sich nur im Zusammenwirken einer Vielzahl von Akteuren bewältigen. Dabei ist die Politik ebenso gefordert wie Investoren, Stadtplaner, Architekten und die Öffentlichkeit. «Wir alle sind aufgefordert, gemeinsam positive Visionen zu entwickeln, die so stark und inspirierend sind, dass die Motivation, diese zu realisieren, grösser ist, als die Bequemlichkeit, im aktuellen Verhalten zu verharren.»

Fotos: Chris Arend, Alaska Stock, zvg, Alamy

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