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Geschminkte Häuser

Kategorie: Leben
 Ausgabe 06 - 2012 - 01.06.2012

Text:  Isabelle Meier

Sgraffiti gehören zum Engadin wie der Schellenursli: Weil die kunstvollen Ritzzeichnungen an den Häusern auch Hinweis auf Wohlstand waren,wurden sie aus Angst vor Dieben teilweise übermalt. Heute werden sie restauriert und selbst Neubauten werden mit der alten Technik verziert.

Guarda und Ardez im Unterengadin sind wahre Freilichtmuseen: kaum eine Hausfassade, die nicht mit Verzierungen, Wappen oder Inschriften versehen ist. Am Hausgiebel entlang schlängelt sich ein Wellenband, über den Fenstern prangen Rosetten, das Eingangstor ist mit kunstvollen Ornamenten umrahmt und manchmal finden sich nebst Steinböcken sogar Delfine, Meerjungfrauen oder Feuer speiende Drachen an der Hauswand.

Schaut man genauer hin, erkennt man: Die Verzierungen wurden nicht mit einem Pinsel aufgemalt, sondern in den Verputz gekratzt. Die oberste Verputzschicht wurde dabei weggekratzt, so dass die darunterliegende, dunklere Schicht zum Vorschein kommt.

Diese Kratzkunst nennt man Sgraffito. Der Begriff stammt vom Wort «sgraffiare» ab, das auf Italienisch «kratzen» bedeutet. Mit den kunstvollen Verzierungen soll die Struktur eines Hauses betont werden: «Das Sgraffito ist mehr als nur Dekoration», erklärt der Restaurator Oskar Emmenegger aus Zizers in der Fachzeitschrift «Applica». «Mit einem Sgraffito kann die Architektur unterstützt werden, oder die Baustruktur wird aufgelöst und mit einem neuen Motiv überzogen, das eine reichere oder gar andere Architektur vortäuscht», so Emmenegger. Sgraffiti sind also eine Art Schminke fürs Haus. Wie Augen und Lippen dank Mascara und Lippenstift mehr Ausdruck bekommen sollen, heben Sgraffiti Fenster, Eingangstor, Dachgiebel und Hausecken hervor oder verändern sie optisch. Mit einem Sgraffito wird ein ähnliches Ziel verfolgt wie mit den «Trompel’oeils» (französisch tromper «täuschen» und l’oeil «das Auge»). Trompe-l’oeils werden Wand- und Deckenmalereien genannt, die mit perspektivischen Mitteln eine scheinbare Vergrösserung der jeweiligen Architektur erzeugen.

Ursprünglich aus Italien

Die ersten Sgraffiti gehen ins 16. Jahrhundert zurück. Sie haben ihren Ursprung nicht im Engadin, auch wenn sie so typisch sind wie die berühmte Nusstorte. Die Technik entstand während der Renaissance in Florenz und Rom und verbreitete sich in ganz Italien. Über das Bergell wanderte die Kunst auch in die Schweiz, wo sie vor allem im Engadin, aber auch versprengt im Misox, Lugnez, Valsertal und Schams, im Hinterrhein-Gebiet angewandt wurde. Aber auch im Tessin und in der Innerschweiz finden sich vereinzelt alte Sgraffiti aus dem 16. und 17. Jahrhundert.

Im Zuge des Neo-Stils im 19. Jahrhundert blühte das Kunsthandwerk nochmals richtig auf. Architekten wie Gottfried Semper liessen ihre Bauten durch Sgraffito-Künstler verschönern und in der Luzerner Altstadt entstanden durch Seraphin Weingartner mehrere reich verzierte Sgraffito-Fassaden. Die dritte Phase war ab den 1940er Jahren. «In dieser Zeit hat man angefangen, alte Sgraffiti zu restaurieren. Im Zuge der Restaurierung wurden auch viele neue Sgraffiti erstellt», sagt der Bündner Denkmalpfleger Marcus Casutt.

Über all die Jahrhunderte kaum verändert hat sich die Technik. Josin Neuhäusler aus Susch im Unterengadin kennt sich damit aus. Seit einigen Jahren bietet er Sgraffito-Kurse an. Touristen, Schüler, Malerlehrlinge oder Rentner lernen bei Neuhäusler, dessen Grossvater bereits die Fassaden mit Sgraffiti verzierte, die richtige Technik. «Wichtig ist, dass man immer alfresco, also nass in nass arbeitet», erklärt er. Dazu wird eine noch feuchte Putzschicht mit einer weissen Kalkschicht übertüncht. Anschliessend werden mit Messern, Stiften und Nägeln Ornamente herausgekratzt, wodurch der darunter liegende dunklere Grundputz freigelegt wird. Dann lässt man das Ganze trocknen. Durch diese Technik sind die Sgraffiti praktisch unzerstörbar. «Sgraffiti bleiben oft Jahrhunderte bestehen», erzählt Neuhäusler, «ausserdem ist ein Sgraffito immer ein Einzelstück, es gibt keine zwei gleichen.»

Typische Sgraffito-Motive

Die ersten Sgraffiti aus dem 16. Jahrhundert bestanden oft aus schwalbenschwanzförmigen Zinnen, die echte Zinnen auf Toren und Fenstern nachahmten. Aus dieser Zeit stammen auch viele geometrische Motive wie Zickzacklinien und Dreiecke. Später kamen klassische Renaissance-Ornamente hinzu: Nachbildungen von Architekturelementen wie Eckquader, Gesimse, Säulen und Fensterverdachungen. Aus Italien kopiert wurden auch Figuren wie Fische, Delfine, Drachen und Meerjungfrauen. Typisch ist auch der «laufende Hund»: Das Doppelwellenband sieht man an zahlreichen Engadiner Häusern. Mit diesem Muster ist oft das Eingangstor eingefasst. Die Doppelwelle steht für das Leben, die Lebenslinie, das Werden und Vergehen. Auch die Rosette sieht man häufig: Ganze Rosetten oder Halbrosetten sind meist über den Fenstern eingeritzt. Die Rosette ist eine Urform des Sonnenrades und symbolisiert Sonne, Fruchtbarkeit und schöpferische Kraft. Auch Wappen mit Jahreszahlen sind häufig. Es sind dies meist Familienwappen der Hausbesitzer, die durch das Baujahr des Hauses ergänzt wurden.

Zerstört durch Renovation

Obwohl die Verzierungen Wind und Wetter trotzen, sind viele alte Sgraffiti verschwunden. «Das Sgraffito ist gefährdet wie keine andere Dekoration», schreibt der ehemalige Bündner Denkmalpfleger Alfred Wyss im Buch «Sgraffito». «Die Hälfte der 1970 noch vorhandenen Originale sind im Laufe von fünf Jahren verschwunden.» Es war weniger die Naturgewalt, als vielmehr die Menschenhand, die den schönen Ritzmotiven zugesetzt haben. Viele Verzierungen wurden beim Renovieren nämlich einfach übertüncht. Manchmal war auch Angst im Spiel: Besonders reich verzierte Häuser waren ein Zeichen für einen hohen Status, sprich Wohlstand. «Manchmal wurden die Sgraffiti sogar übermalt», erzählt Josin Neuhäusler.

Fotos: Andrea Badrutt, Urs Oskar Keller, Swiss-image.ch/Robert Bösch, zvg

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