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Religion der Rebellion

Kategorie: Leben
 Ausgabe 06 - 2012 - 01.06.2012

Text:  Gundula Madeleine Tegtmeyer

Schwarze Magie und Aberglaube lauten gängige Klischees über Voodoo. Tatsächlich aber ist der afrikanische Kult eine komplexe Religion mit unterschiedlichen Ausformungen und einem politischen Hintergrund.

Das westafrikanische Benin, das ehemalige Dahomey, gilt als die Wiege des Voodoo, einer animistischen Religion, wie man sie bei Jäger- und Sammlerkulturen kennt. Die nach Amerika verschleppten Menschen teilten die Vorstellung, dass die Natur und die Naturkräfte von Göttern und Geistern beseelt sind. 400 +1 Götter heisst es im Voodoo. Gemeint ist damit, dass der Götter-Pantheon jederzeit nach Bedarf erweitert werden kann.

In Anbetracht dieses Pragmatismus und der Flexibilität mag es erstaunen, dass Voodoo, streng genommen, auch nur einen Schöpfergott, Bondye, kennt. Für die Religionswissenschaftlerin Astrid Reuter scheinen die Menschen, die als Sklaven nach Amerika gelangten, mit der Vorstellung eines «höchsten» Wesens vertraut gewesen zu sein, einer Gottheit als Schöpfer des Universums und alles Lebenden. Die Ethnologin bezieht sich auf sprachwissenschaftliche Befunde und archäologische Fundstücke, die ihrer Meinung nach Rückschlüsse auf die Glaubensvorstellungen der Menschen zulassen. Nach dem Schöpfungswerk soll sich diese höchste Gottheit aus der Welt zurückgezogen haben. Dies würde erklären, warum es für die höchste Voodoo-Gottheit nie einen eigenen Kult gegeben zu haben scheint, sich seine Manifestation aber in den Göttern Mawu und Lissa findet, die das weibliche und männliche Prinzip verkörpern. Mawu und Lissa zeugten, so erzählt es eine Überlieferung, 14 Kinder mit übernatürlichen Kräften, deren Nachkommenschaft wiederum ein gewaltiges Voodoo-Pantheon bildet, ähnlich dem der Griechen. Alle Voodoo- Götter sind letztendlich jedoch nur Verkörperungen des einen Schöpfergottes. Die dahomeanischen Fon, eine ethnische Gruppe in Benin und im Südwesten Nigerias, nennen diesen Götter- Pantheon in ihrer Sprache «vodun» sprich wodun, was «das, was man nicht ergründen kann» bedeutet. Es kann auch als «die Kraft ...» und «Gott» oder «Geist» übersetzt werden.

Vermittler zwischen Menschen und Gott

Unter dem sprachlichen Einfluss der französischen Kolonialherren wurde auf Haiti Vodou die Bezeichnung für die gesamte Religion und später die bekannte amerikanisierte Schreibweise Voodoo. Die Vodoo- Gottheiten dienen als Vermittler zwischen den Menschen und der höchsten Gottheit, senden göttliche Botschaften an die Menschen, überbringen aber auch deren Wünsche und Gebete. Vorstellungen wie diese finden sich auch in der Heiligenverehrung des auf Haiti praktizierten Volkskatholizismus, der kaum noch etwas gemein hat mit der römischen Orthodoxie.

Denn auch der iberoamerikanische Katholizismus bot den Gläubigen eine grosse Heiligenschar und war überzeugt von der magischen Wirksamkeit rituellen Handelns. Dies erklärt, warum der iberische Volkskatholizismus den Sklaven mehr Anknüpfungspunkte für ihre eigenen Traditionen bot, als der in Nordamerika verbreitete eher rationalistische Protestantismus. Ein gutes anschauliches Beispiel ist Leghba, der, nach dem höchsten Schöpfergott, als wichtigste Gottheit im Voodoo gilt. Er ist der Hüter der Tore und Mittler zwischen den Menschen und Geistern. Sein katholisches Pendant ist der heilige Petrus.

Das grosse haitianische Schisma, wie die Trennung der haitianischen Kirche von Rom von 1804 bis zum Konkordat 1860 bezeichnet wird, hat die Entwicklungsdynamik des Voodoo massgeblich beeinflusst. Katholische Priester waren zwar weiterhin im Land, wurden aber von Rom weder ausgebildet noch kontrolliert. Sie sollen den Vorstellungen der Afrikaner mit Nachsicht begegnet sein, auch hinsichtlich der Vermengung der katholischen Liturgie mit afrikanischen Ritualen.

Diese Epoche des Schisma hat ihre Spuren im Voodoo bis heute hinterlassen. Besonders anschaulich ist dies in der Figur des Pré’t Savann, dem Buschpriester. Er ist während der Voodoo-Zeremonie für die katholisch inspirierten Elemente zuständig, wie etwa das Vortragen christlicher Gebete oder Litaneien. Der Voodoo kennt kein zentrales Heiligtum. Auch ist ihm ein verzeihender Gott, wie im Christentum, fremd, genauso die christlichen Vorstellungen vom Jüngsten Tag, Paradies und von der Hölle. Die Religion ist unmittelbar auf das Diesseits ausgerichtet. Folglich müssen sich Voodoo- Anhänger im Hier und Jetzt für ihr Handeln vor ihren Göttern verantworten. Um die zürnenden Götter milde zu stimmen, nehmen die Anhänger während einer Voodoo-Zeremonie direkt Kontakt mit den Göttern auf. Unterstützt werden sie dabei von einem Trommelorchester, das den jeweiligen individuellen Trommelschlag für die Gottheit oder den Geist, der gerufen werden soll, kennt. Auch die Ahnen können zu Botschaftern zwischen den noch Lebenden und den Göttern werden. Sie werden in speziellen Zeremonien geehrt, bei denen der Geist des Vorfahrens in den Körper des Tänzers fährt. Ahnenkult und Verehrung sind auch dem Christentum nicht fremd.

Die Trance-Zeremonien

«Die Trance ist im Voodoo die intensivste Form der direkten Kontaktaufnahme», erklärt Gabriele Lademann-Priemer, «wobei es entgegen vieler Vorurteile trotz allem geordnet zugeht. Priester leiten die Zeremonien und achten streng darauf, dass weder Kinder noch alte Menschen in Trance fallen. Es wäre zu belastend für ihre Körper und den Organismus.»

Die Theologin weiss, wovon sie spricht. Wiederholt hat sie Feldforschungen in Südafrika sowie in Benin betrieben. Die Voodoo-Expertin erklärt: «Voodoo ist mehr als eine Religion, Voodoo ist viel lebensumfassender. In Benin ist Voodoo in erster Linie ein Heilungskult, der versucht das Gleichgewicht in der Gesellschaft, zwischen den Menschen und den Göttern und im Menschen selbst herzustellen.» Auf Schwarze Magie angesprochen entgegnet sie: «Wir machen es uns zu einfach, wenn wir auf alles, was aus Afrika stammt und okkultistisch anmutet, den Begriff Voodoo etikettieren. Da müssen wir differenzierter werden.» Sie räumt aber ein, dass es auch im Voodoo Menschen gäbe, die sich der Schwarzen Magie bedienen, dies aber nicht dem eigentlichen Wesen des Voodoo entspräche. Hexerei würde auch unter den meisten Afrikanern abgelehnt werden.

Und die Tieropfer? «Oft fokussieren Berichterstattungen zu sehr auf die Hühneropfer, statt sich auf das wirklich Wesentliche der Zeremonie zu konzentrieren.» Mit anderen Worten: Unkenntnis der Sache fördert Vorurteile oder zumindest Fehlinterpretationen. Den Loas, den Göttern, werden meist unblutige Opfergaben wie Früchte, Blumen und Getränken dargebracht. Dem Tieropfer kommt eine besondere Bedeutung zu. Beim Hühneropfer muss es ein ausgewachsenes Tier sein, dass der Besitzer vom Ei an aufgezogen hat. Nach Voodoo-Überzeugung nimmt der Loa die Seele des Tieres auf – das Fleisch dürfen die Menschen nach der Zeremonie verzehren. Auch hier finden sich – wenn auch erst auf den zweiten Blick – Analogien zwischen katholischer Kirche und Voodoo. So spielt während der Eucharistie die Verwandlung von Brot und Wein in Menschenfleisch und Menschenblut Jesu Christi eine zentrale Rolle. In Gedenken an seinen Tod am Kreuz ist es Tradition, Lämmer zu Ostern zu schlachten.

Die Welt in einer Kürbisschale

In der Vorstellungswelt des Voodoo ähnelt das Universum einer Kalebasse, einem aus einem getrockneten Kürbis gefertigten Gefäss, in dem Himmel und Erde seine Hälften bilden. Es gibt kein Oben und kein Unten, keine Trennung zwischen Leben und Tod, Menschlichem und Nichtmenschlichem. Nichts verschwindet, was existiert oder jemals existiert hat. Stirbt ein Mensch eines unnatürlichen Todes, etwa bei einem Autounfall, dann hält ein Priester eine Zeremonie ab, um die Seele des Verunglückten symbolisch «einzusammeln». Geschieht dies nicht, findet die Seele ihren Weg nicht nach Kutome, in das Reich der Toten, und ist verdammt dazu, keine Ruhe zu finden. Stattdessen wird sie nachts herumspuken. Auch an der Unglücksstelle würde es immer wieder zu Unfällen kommen. «Dazu muss man verstehen, dass in der Vorstellungswelt des Voodoo der Mensch mehrere Seelenanteile hat», erklärt die Theologin Lademan-Priemer. Demnach ist ein Teil mit dem Körper fest verbunden; stirbt der Mensch, stirbt auch dieser Seelenanteil. Ein anderer Seelenanteil ist dazu verdammt, wie im Falle eines Unfalltodes, herumzuirren. Daher sind das «Einsammeln» und die rituell vorgeschriebene Bestattung so ausserordentlich wichtig, damit auch dieser Seelenanteil seinen Frieden finden kann. Ein weiterer Seelenanteil steht direkt mit dem Himmel in Verbindung und ist auch der Schutzgeist des Menschen.

Und was hat es mit den Zombies auf sich, die seelenlosen herumirrenden Untoten, die Angst und Schrecken unter den Lebenden verbreiten? «Das war gezielter Rassismus der weissen US-Amerikaner», lautet kurz und knapp die Erklärung der Voodoo-Expertin. 1915 bis 1934 geriet Haiti unter US-amerikanische Besatzung. Der Voodoo wurde von den neuen Herren als Satanskult verunglimpft und unterdrückt. Während dieser Zeit hielten auch die Zombies Einzug ins Filmgeschäft.

Die katholische Kirche hat ihren ursprünglichen harten Kurs gegen den Voodoo seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962–65) korrigiert. Die Pfingstkirchen hingegen verfolgen weiterhin ihren harten Kurs gegen den Voodoo. Verwunderlich, denn gerade bei ihnen zeigen sich Parallelen zum Voodoo, wie etwa die Trance-Zustände, in denen sich den Pfingstlern der Heilige Geist zeigt. Seit 1987 sind Voodoo-Praktiken auf Haiti nicht mehr strafbar. Der afrikanische Kult wird von Experten durchaus in den Rang einer Weltreligion gehoben. Die Zahlenangaben der Anhänger schwanken stark, zwischen 20 und 60 Millionen sollen es sein. Ob Voodoo nun eine Weltreligion ist, darüber mögen sich die Geister streiten. Aber eines steht fest: Voodoo ist vor allem eine besondere Art zu leben.

Fotos: Mauritius Images, Redux Pictures, Anzenberger/eyevine

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