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Gefahr

Kategorie: Leben
 Ausgabe 05 - 2012 - 01.05.2012

Text:  Martin Arnold

Bei immer mehr Menschen entwickelt sich der Nervenkitzel zu einem Lebenselixier. Sie wollen ihre Grenzen kennen lernen – und bezahlen dafür manchmal mit dem Tod. Weshalb das Risiko trotzdem ewig lockt.

«Die zunehmende Bequemlichkeit im heutigen Leben führt nicht zu mehr Glück. Im Gegenteil: Im Zoo müssen die Tiere ihr Futter wieder suchen. Sie brauchen eine Herausforderung, sonst werden sie depressiv», sagt Karin Frick, Forschungsleiterin am Gottlieb Duttweiler Institut (GDI), und leitet zur menschlichen Gesellschaft über. «Die Forschung geht vom Grundprinzip aus, dass auf jeden Trend ein Gegentrend folgt. Wenn wir eine Gesellschaft entwickeln, in der das Leben immer stärker reguliert und gesichert wird, reagieren die Menschen darauf mit der Steigerung des Risikos.» Für Frick ist deshalb das Convenience-Leben, in dem alles schon halb fertig und bequem serviert wird, vieler Menschen problematisch. Es befeuert den Hang, Risiken einzugehen.

Der sogenannte Rebound-Effekt trübt die Zahlen so mancher Unfallstatistik. Er erklärt das Phänomen, dass Menschen dort, wo mehr Sicherheit gewonnen wird, diese mit höherer Risikobereitschaft wieder kompensieren. Vor 40 Jahren starben auf den Schweizer Strassen mehr Menschen als heute. Damals gab es allerdings auch keine Sicherheitsgurten, Nackenstützen, Airbags und monströse Knautschzonen wie das beispielsweise gerade auch bei Frauen beim sehr beliebten SUV (Sport Utility Vehicle) der Fall ist. Der Zugewinn an Sicherheit wird da rasch einmal mit einer waghalsigen Fahrweise kompensiert. Auch Velohelme förderten die Risikobereitschaft. Heute sind sie alleine schon deshalb dringend nötig, weil seit ihrer Einführung immer halsbrecherischer gefahren wird. Ein solches Aufrüsten hat auch auf den Skipisten stattgefunden. Die Skier werden immer schneller und die Schutzausrüstung immer besser, kombiniert mit Unerfahrenheit und Waghalsigkeit kann das rasch sehr gefährlich werden.

Menschen wollen Risiken

Scheinbar fast im Monatsrhythmus treten neue Sportarten auf. Zuerst wird eine Sportart von einigen Tüftlern und Pröblern mit dem entsprechenden Material entwickelt. Sie findet Anhänger, die Industrie wird aufmerksam und produziert die entsprechenden Produkte für den Massenmarkt. Das ist auch bei den extrem stabilen Downhill-Rädern, wie Profi Wildhaber eines fährt, geschehen. Heute ist so manch ein Ferienort in den Bergen völlig überfordert, wenn zunehmend mehr Hobbybiker rücksichtslos die Wanderwege hinabrasen und ihr Abenteuer mit einer Helmkamera gleich auch noch filmen. Später wird das Ganze dann im Internet auf Youtube gestellt.

Süchtig nach dem Glücksgefühl

Die schwindenden Möglichkeiten, sinnvolle Risiken einzugehen, sind in unserer Gesellschaft zu einem Problem geworden. Fast könnte man von einem Zeitalter der Langeweile reden, aus denen Menschen ausbrechen, um der Monotonie des Alltags und einem Leben mit zu viel Sicherheit zu entgehen. Der Erwerb neuer Fähigkeiten, das Überwinden von Angst und das Kennenlernen der eigenen Grenzen sind eben auch positive Selbsterfahrungen. Mit jeder neuen gelungenen Leistung empfindet der Risikosuchende Freude und Glück. Wenn sich das Glücksgefühl nach dem wiederholten Erleben einer riskanten Handlung nicht mehr einstellt, muss das Risiko erhöht werden.

Eine sportliche Leistung, die einmal erreicht oder gar überschritten wird, kann nicht mehr als Limit dienen. Deshalb muss immer wieder ein neues subjektives Ziel gefunden werden, um sich lebendig zu fühlen und eine Herausforderung mit der gleichen Intensität wie zuvor zu erleben. Die Psychologie kennt in diesem Zusammenhang den Begriff Flow, der auch als positive Sucht umschrieben wird. Demnach werden Sportler süchtig nach dem Glücksgefühl, das sich während und nach einer grossen, mit einem Risiko verbundenen Leistung einstellt. Sie gehen ganz in ihrer Tätigkeit auf und vergessen Raum und Zeit. Wird ihnen dieses Gefühl vorenthalten, reagieren sie mit Müdigkeit, Nervosität, Kopfschmerzen und depressiven Stimmungen – kurz mit Entzugserscheinungen.

Leistung mit Statusgewinn

Untersuchungen zeigen, dass Menschen, die in ernsten, disziplinierten Familien aufwachsen, bei denen hart gearbeitet und bestraft wird, später eher Risiken meiden. Das Gegenteil gilt für Menschen, die in Familien aufwachsen, wo man die Dinge leicht nimmt. Sie suchen Herausforderungen und Risiken. Früher waren solche Typen Forscher und Entdecker.

Viele Wege führen zum Flow

Wer sein Leben nicht in Gefahr bringen will, muss dennoch nicht auf den Flow verzichten. Das Gefühl, mit einer Tätigkeit zu verschmelzen und Raum und Zeit zu vergessen, stellt sich auch bei weniger extremen Sportarten ein. Und Tanzen erzeugt genauso den gewünschten Flow wie guter Sex, ein ausgezeichnetes Konzert, ein Spitzenwein oder ein vorzügliches Essen.

Foto: Markus Greber

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