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Wir sind Tiere!

Kategorie: Leben
 Ausgabe 03 - 2012 - 01.03.2012

Text:  Simon Libsig

Simon Libsig sieht das mit der «Krone der Schöpfung» ein bisschen anders. Nach seiner persönlichen Evolutionstheorie hat das Tierische in uns noch immer die Oberhand.

Getarnt unter H&M-Klamotten, versteckt hinter riesigen Sonnenbrillen, die Ohren gespitzt zur Musik aus unseren iPods liegen wir auf der Lauer und pirschen uns an. Wir sind Tiere. Gehetzt, immer auf dem Sprung, galoppieren wir Mäusen und Kröten nach und versuchen ein möglichst grosses Netz zu spinnen. Wir sind Tiere.

Wir sind Baulöwen und Finanzhaie oder nur ganz kleine Fische. Wir sind saureich oder mausarm. Wir fühlen uns wie die Made im Speck oder hundeelend. Wir sind Wasserraten, die sich in der Sonne aalen oder begossene Pudel im Regen. Wir sind unrasierte Stachelschweine oder Schmusekatzen. Wir sind lämmleinzahm oder Elefanten im Porzellanladen.

Wir sind Tiere – aber natürlich halten wir uns nicht dafür. Nein, wir halten uns für etwas anderes, wir halten uns für überlegen. Ok, Spaceschuttle, Düsenjet, das Rad, die Glühbirne, der Buchdruck, der Computer, das iPhone ... nicht schlecht, Herr Specht! Wir haben wirklich Erstaunliches geleistet für einen Haufen Tiere! Manche von uns sind wirklich schlau wie ein Fuchs. Es gibt Leseratten und Bücherwürmer, und ein paar Einzelne sind vielleicht wirklich so weise wie die Eulen. Und dennoch sind wir nichts anderes als Tiere. Wir errichten die Pyramiden und am nächsten Tag errichten wir Auschwitz. Wir sind Tiere.

Wir spinnen. Wir haben eine komplette Meise. Wir sind vom Affen gebissen. Mit uns gehen die Pferde durch. Wir vögeln und wir erdrosseln uns.

Wir sind Tiere. Wir doch nicht! Die andern, ja, das stimmt, das sind Hornochsen. Das sind Schnepfen. Die haben ein Spatzenhirn: «Du Schafskopf! Du Pottsau! Du Gorilla Blauarsch!» Wir sind Tiere und wir behandeln andere wie Vieh. Wir teilen sie ein in Gruppen: Das sind die Faultiere. Das sind die Stinktiere. Das sind die diebischen Elstern. Und allesamt sind sie schwarze Schafe. Wir meckern und wir fletschen die Zähne. Wir hamstern. Wir sind Heuschrecken an der Börse. Wir saugen einander aus wie Blutegel und den Löwenanteil wollen wir immer für uns: «Pfoten weg !» Wir verteidigen unsere Beute. Wir ziehen einander das Fell über die Ohren und folgen irgendeinem Leithammel, einem Wolf im Schafspelz wie Lemminge in den Abgrund. Wir sind Tiere.

Wir brauchen das Rudel, die Herde, denn im Grunde ist jeder von uns ein einsamer Wolf, ein aus dem Nest gestürztes Vögelchen, das
«tweet, tweet, tweet» nach Anschluss sucht. Wir treffen uns am Samstagabend an der Tränke, am Wasserloch, und zwitschern einen und kippen uns einen hinter die Kiemen. Wir sind Schluckspechte und Schnapsdrosseln und sobald DJ Affengeil den richtigen Beat bringt, tanzen wir wie Tanzbären im Zirkus. Wir plustern uns auf und gockeln herum. Wir sind eitle Pfauen mit Hahnenkamm und Ziegenbärtchen. Wir machen einen auf wilden Hengst und auf Platzhirsch. Mit unseren Adleraugen sperbern wir über die Tanzfläche und stürzen uns wie brünstige Zuchtbullen schwanzwedelnd auf alles, was bei drei nicht auf den Bäumen ist: Miezen, Bienen, Schnecken, Chicks, Mäuschen, Stuten, junge Küken oder Brillenschlangen mit Löwenmähnen und Rehaugen. Wir sind Tiere.

Wir sind rattig. Wir rammeln und karnickeln. Wir kratzen uns und beissen und schnurren. Wir kriegen Gänsehaut und fauchen uns an. Wir kriegen Schmetterlinge im Bauch und dann den Katzenjammer. Wir sind Tiere. Wir wollen etwas anderes sein. Aber das sind wir nicht. Wir sind Tiere! Und glauben Sie mir – uns alle hat der Storch gebracht.

Zur Person
Simon Libsig kann lesen und schreiben. Mit dieser für Tiere untypischen Fähigkeit gewann der Badener bereits mehrere Poetry Slams und einen Swiss Comedy Award. www.simon-libsig.ch

Fotos: tiegeltuf / flickr / cc,  michael.berlin / flickr / cc, wolfpix / flickr / cc

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