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Das auslaufende Gentech-Moratorium

Kategorie: Leben
 Ausgabe 03 - 2012 - 01.03.2012

Text:  Heinz Knieriemen

Mit Blick auf die Landwirtschaft mit genmanipuliertem Getreide: es ist dringend nötig ist, die richtigen Fragen zu stellen und Massnahmen zu treffen.

Die vehement einsetzende Diskussion über die Zukunft der gentechnischen Freisetzungsversuche verheisst nichts Gutes, da ganz offensichtlich die Natur und das bewirtschaftete Ackerland immer noch als Manipulationsmasse betrachtet werden. Da mischt sich etwa Franz Bigler, Leiter der Abteilung Biosicherheit der bundeseigenen Forschungsanstalt Agroscope Reckenholz-Tänikon, in die laufenden Auseinandersetzungen mit dem Wunsch nach mehr Offenheit ein. Man müsse beim Abwägen der unterschiedlichen Technologien die Frage stellen: «Ist es besser, die Böden durch Insektizide und Herbizide zu belasten oder auf schädlingsresistente Genpflanzen zu setzen?» Er kommt als Chef eines Bundesinstituts nicht auf die Idee, jene in ihrem Vorbildcharakter zu loben, die schon heute mit Bedacht beides vermeiden und im Einklang mit der Natur leben und arbeiten.

Den Realitäten näher kommt da schon der Präsident der Ethikkommission, Klaus Peter Rippe, der feststellt: «Um Technologien vergleichen zu können, muss man wissen, wie gross jeweils das Risiko ist. Bei der Gentechnik wissen wir das nicht.» Wissen wir das wirklich nicht? Wir müssen nur einen Blick dahin werfen, wo die Gentechnik in der Landwirtschaft den Durchbruch geschafft hat.

Die richtigen Fragen stellen

In der aktuellen Diskussion zur Aufhebung des Moratoriums wird den richtigen und wichtigen Fragen mit System ausgewichen. Für wen sollen gentechnisch veränderte Getreide, Obst und Kartoffeln in der Schweiz angebaut werden? Sollen damit unser tägliches Brot, unsere Polenta, Sojamilch, der Obstanbau oder der Kartoffelstock aufgewertet werden? Oder werden vielmehr die Probleme des Überflusses, wie sie in den Industrieländern vorherrschen und das Gesundheitswesen prägen, nur noch verschärft und Drittweltländer in Abhängigkeit gebracht und überschwemmt mit dem, was auf unseren Feldern ausgetüftelt wird?

Genmanipulierter Mais, sogenannter Bt-Mais, produziert in allen Stängeln und Blattzellen das Insektengift Bacillus thuringiensis (Bt), das die Larven des Maiszünslers abtötet. Ein weiteres Gen vermittelt der Maispflanze Herbizidresistenz,  was Rundumschläge gegen unerwünschte Begleitkräuter ermöglicht. Im Biolandbau stellt der Maiszünsler kaum ein Problem dar, weil im Maisfeld auf den Begleitkräutern die Nützlinge überleben, die ihn in Schach halten.

Nach 15 Jahren kommerziellen Anbaus von Genmais in den USA und anderen Ländern ist ausführlich dokumentiert, dass Genmais nicht die Erträge steigert, sondern sie in vielen Fällen sinken lässt, und dass dafür die regional dem Klima und den Bodenverhältnissen angepassten Maissorten verloren gehen. Zudem führt das Saatgut von Chemiemultis zu unerwünschten Abhängigkeiten, da es an Lizenzverträge und -gebühren gebunden ist und nicht mehr eigenes Saatgut von den Feldern verwendet werden kann.

Bedrohte Maisvielfalt

Mexiko, das Ursprungsland des Maisanbaus, wird durch eine Vielzahl von Freisetzungsversuchen des Chemiekonzerns Monsanto bedrängt. Obwohl in dem mittelamerikanischen Land ein Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen verboten ist, zeigen mehrere Studien, dass bereits viele einheimische alte Maissorten gentechnisch kontaminiert sind. Die Kontamination kann nur von importiertem Gentechmais aus den USA stammen, weshalb das Parlament nun ein striktes Importverbot verlangt.

In der Getreidezucht gibt die Gentechnik vor, einen entscheidenden Beitrag zu leisten, um den Hunger in der Welt zu besiegen. Doch welche sozialen und kulturellen Folgen sind zu erwarten, wenn die Felder in Indien und Afrika nach einem Siegeszug der Gentechnik einst so aussehen wie der amerikanische Mittelwesten, wie eine einzige riesige Getreidekammer? Und wer gibt den Menschen dann noch Arbeit und Würde? George Orwell hat in seinem visionären Roman «1984» die Verheissungen einer schönen neuen Welt mit «Doppeltplusgut» umschrieben. Eine solche «Doppeltplusgut-Gesellschaft» im Zeichen der Gentechnik muss verhindert werden.

Zur Person
Seit über 20 Jahren setzt sich Heinz Knieriemen für «natürlich» kritisch mit den Methoden und den Auswirkungen der Schulmedizin und der Laborwissenschaft auseinander. Im AT Verlag hat er mehrere Bücher herausgegeben, unter anderem über Vitamine, Mineralien und Spurenelemente oder Inhaltsstoffe in Lebensmitteln und Kosmetika.

Fotos: fotolia.com,  pizzodisevo (therapy - terapia - Therapie) / flickr / cc

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