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Kategorie: Gesundheit
 Ausgabe 02 - 2012 - 01.02.2012

Text:  Rita Torcasso

Eine Hausgeburt ist entgegen den Behauptungen einer hoch aufgerüsteten Gebärindustrie für eine gesunde Mutter so sicher wie die Spitalgeburt.

In der Schweiz kamen im letzten Jahr von rund 80 000 Neugeborenen nur 589 zu Hause und knapp 1200 in Geburtshäusern mithilfe von Hebammen zur Welt. Die Hebamme Susanna Diemling übernimmt etwa 20 Hausgeburten im Jahr. «Ideal ist es, wenn sich Eltern, sobald sie die Schwangerschaft bemerken, bei mir anmelden», sagt sie. Zusammen wird das Für und Wider einer Hausgeburt besprochen. «Zu den Voraussetzungen gehört neben der Gesundheit auch, dass die Mutter Vertrauen in ihren Körper hat und sich auf die Geburt einlassen will», so die Hebamme. Und natürlich sei es schön, wenn der Vater die Entscheidung mittrage, doch das ergebe sich im Laufe der Schwangerschaft meist von allein. «Es entsteht ein Vertrauensverhältnis mit der Familie», sagt Diemling. Nach der 20. Schwangerschaftswoche wird eine Ultraschall-Untersuchung bei einem Arzt gemacht, denn: «Eine Hausgeburt ist grundsätzlich dann ausgeschlossen, wenn das Kind in Querlage liegt oder sich eine Frühgeburt abzeichnet – und auch Zwillinge werden nicht zu Hause entbunden», erklärt sie.

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Hausgeburten weisen gegenüber Spitalgeburten mehrere Vorteile auf: So müssen zu Hause nur wenige Geburten eingeleitet werden, es werden keine starken Schmerzmittel eingesetzt und natürlich auch keine Periduralanästhesie gemacht. Ausserdem besteht im eigenen Haushalt ein deutlich geringeres Infektionsrisiko als im Spital. Das bestätigt auch der Hausarzt Reiner Bernath. Er untersuchte im Kanton Solothurn die Daten von 300 Hausgeburten zwischen 1999 und 2010. Am auffallendsten dabei war, dass nur sechs Prozent der Gebärenden einen Kaiserschnitt benötigten, in der ganzen Schweiz lag der Anteil 2007 bei normalem Geburtsverlauf bei 26 Prozent. «Der Grund ist das gelebte Konzept der abwartenden Geburtshilfe», meint dazu Bernath, «die meisterliche Zurückhaltung der Hebamme, solange es Mutter und Kind gut geht.» Und: Die Kinder kamen, verglichen mit dem Schweizer Durchschnitt aller Geburten, zu Hause vier Tage später zur Welt und waren 113 Gramm schwerer.

Studie Hausgeburten
Der Arzt Reiner Bernath hat zwischen 1999 und 2010 im Kanton Solothurn die Daten von 300 Hausgeburten ausgewertet und mit den Resultaten von Spitalgeburten verglichen. Die vollständige Studie mit allen Resultaten finden Sie hier:
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Aus diesen Gründen empfiehlt der Arzt Schwangeren, die zu ihm in die Praxis kommen, die Hausgeburt. Sie sei sicherer als im Spital. Dabei beruft er sich auf eine neue kanadische Studie, die normal verlaufende Hausgeburten und «Arztgeburten» in einer Klinik verglich; zu Hause starben drei, im Spital sechs von tausend Kindern. Bernath bedauert, dass die Geburt heute praktisch Sache der Gynäkologen sei. «Das führt zu vielen medizinischen Massnahmen, die gar nicht nötig wären», sagt er. So wird heute ein Drittel der Frauen im Spital mit Kaiserschnitt entbunden. Laut einer Schätzung des Bundesamts für Statistik von 2004 werden 11 Prozent dieser Kaiserschnitte auf Wunsch der Mutter, also ohne medizinische Indikation, durchgeführt.

So sicher wie im Spital

Obwohl bei 85 Prozent der Frauen physisch gesehen nichts gegen eine Hausgeburt sprechen würde, entscheiden sich schliesslich nur wenige Eltern für diese Option. Als Hauptgrund gegen die Hausgeburt wird immer wieder die Sicherheit genannt. Für die Schweiz gibt es bisher nur eine umfassende Nationalfondsstudie von 1993. Sie wies schon damals aus, dass Hausgeburten nicht gefährlicher als jene im Spital waren. In Europa weist einzig Holland einen hohen Anteil von einem Drittel Hausgeburten aus. «Dahinter steht eine lange Tradition», erklärt Doris Güttinger, Geschäftsführerin des Schweizerischen Hebammenverbandes. Seit jeher werde die Geburt dort als ein natürlicher Lebensvorgang betrachtet. Die Statistik zeigt, dass Holland dieselbe Kindersterblichkeitsrate wie die Schweiz aufweist.

Auch bei uns kamen bis Mitte letzten Jahrhunderts die meisten Kinder zu Hause mithilfe der weisen Frauen, wie Hebammen auch genannt wurden, zur Welt; ins Spital ging man ausschliesslich, wenn sich Komplikationen abzeichneten. «Heute weisen Ärzte kaum mehr auf die Möglichkeit der Hausgeburt hin», sagt Doris Güttinger. Der Hebammenverband setzt sich deshalb für mehr Informationen ein. «Viele Frauen wissen gar nicht, dass eine Hebamme eine normale Geburt allein leiten und alle Schwangerschaftskontrollen, ausser Ultraschalluntersuchungen, selbstständig durchführen kann.» Der anspruchsvolle Beruf erfordert eine vierjährige Hochschulausbildung und freiberufliche Hebammen benötigen eine Berufsausübungsbewilligung des Kantons.

Hebamme Susanna Diemling hat in ihrer langjährigen Praxis fast 600 Hausgeburten begleitet. Sie sagt: «In dieser Zeit sind im Spital Zusatzleistungen entstanden, die den Müttern vorgaukeln sollen, dass die Geburt dank der Technologie absolut sicher ist.» Doch die Geburt bleibe ein Naturereignis. Dennoch hat die Hebamme Helena Wettstein wie alle anderen Mütter auch, die sie betreut, im nächstgelegenen Spital angemeldet. «So sind wir für alle Fälle gewappnet und bei einer Verlegung wäre das Personal bereits informiert», erklärt Diemling, doch während all ihrer Berufsjahre sei das nur wenige Male passiert. «Aus Erfahrung weiss ich bereits, bevor die Geburt beginnt, ob eine Verlegung angezeigt ist», sagt sie.

Buchtipps
• Christine Trompka: «Hausgeburt und Gebären im Geburtshaus», Fidibus Verlag 2011, Fr. 28.50
• Martina Eirich: «Luxus Privatgeburt – Gespräche mit Müttern», Edition Riedenberg 2009, Fr. 40.90

Fotos: fotolia.com, esther michel

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