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Lebensgefährliche Schmerzmittel

Kategorie: Gesundheit
 Ausgabe 10 - 2011 - 01.10.2011

Text:  Heinz Knieriemen

Bei leichten Schmerzen greifen viele Menschen schnell zur Tablette. Doch einige der handelsüblichen und oft auch rezeptfrei erhältlichen Schmerzmittel können Herzinfarkte und Schlaganfälle auslösen.

Wissenschaftler vom Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Bern haben die Risiken von weitverbreiteten Schmerzmitteln untersucht und dabei 31 klinische Studien mit Angaben von fast 120 000 Patienten ausgewertet. Die Forscher trugen dabei die Nebenwirkungen von Naproxen, Ibuprofen, Diclofenac, Celecoxib, Etoricoxib, Rofecoxib und Lumiracoxib zusammen und werteten sie aus. Alle untersuchten Medikamente sind mit einem erhöhten Risiko für Herzinfarkte und Schlaganfälle verbunden, was allerdings nicht neu ist. Etwas irritiert werden Betroffene die Folgerungen der Forschergruppe zur Kenntnis nehmen, wonach die in den Studien erfassten Probleme selten waren: Sie umfassten 554 Herzinfarkte, 377 Hirnschläge und 676 Todesfälle. Immerhin: Das Wort «nur» wurde vermieden.

Rezeptfreie Gesundheitsrisiken

Das grösste Risiko bergen nach den Studien das teilweise rezeptfrei erhältliche Diclofenac und das seit letztem Jahr in der Schweiz zugelassene Etoricoxib. Diclofenac ist ein Arzneistoff, der bei Schmerzen und Entzündungen wie Rheuma, Prellungen, Zerrungen und Arthrose eingesetzt wird. Seine Wirkung beruht auf einer Hemmung der Prostaglandine, die im Körper für die Bildung von Entzündungsfaktoren verantwortlich sind. Diclofenac gehört wie Naproxen und Ibuprofen, die auch in der Studie auf Nebenwirkungen hin untersucht wurden, zu den Nichtsteroidalen Antirheumatika (NSAR). Diese Bezeichnung tragen alle Rheumamedikamente, die gegen Schmerz und Entzündung wirken, in denen aber kein Kortison (Steroid) enthalten ist. Neben der Herzinfarkt fördernden Wirkung sind Magenund Darmbeschwerden, Nierentoxizität und vor allem Schädigungen der Magenschleimhaut ausgewiesen.

Die Studie der Universität Bern muss jedoch auf die Alltagstauglichkeit für betroffene Patienten und selbst für Ärzte hinterfragt werden, weil sie bei Diclofenac wie in allen anderen Fällen Wirkstoffgruppen untersucht und nicht Einzelmedikamente, wie sie in der Apotheke erhältlich sind. Und wer weiss schon, dass bekannte und häufig verwendete Medikamente wie Effigel, Inflamac, Tonopan und Voltaren sowie Salben, Cremes und zahlreiche Generika Diclofenac als Wirkstoff enthalten.

Gift im Trinkwasser

Ein äusserst gravierendes Problem spricht die Studie gar nicht an. Diclofenac wird auch als Arzneimittel bei Rindern und Schweinen angewandt. Bei den in Abwasser und Klärschlamm regelmässig gefundenen Rückständen von Arzneimitteln handelt es sich nach Angaben deutscher Gesundheitsbehörden neben Tamiflu vor allem um Diclofenac. Etwa 90 Tonnen des Wirkstoffes werden im Jahr allein in Deutschland verbraucht, von denen etwa 63 Tonnen über den Urin von Tier und Mensch in den Wasserkreislauf gespült werden. Da die Kläranlagen darauf nicht ausgelegt sind, gelangen Medikamente
und ihre Rückstände fast ungehindert ins Trinkwasser und in Oberflächengewässer. Das bestätigt auch Bettina Hitzfeld vom Bundesamt für Umwelt, Wald und Landschaft in Bern. Sie weist in einer Studie auf Bachforellen hin, deren Immunsystem durch hohe Diclofenac-Werte geschwächt ist.

Vioxx, der Arzneimittelskandal

Nun bilden die bisher angesprochenen Nichtsteroidalen Antirheumatika wie Diclofenac, Naproxen und Ibuprofen nicht nur Risikofaktoren für die Gesundheit, sondern sind bewährte Schmerzmittel, die den Alltag vieler Menschen erträglich machen. Die vier neueren in die Studie aufgenommenen Wirkstoffgruppen Celecoxib, Etoricoxib, Rofecoxib und Lumiracoxib gehören zur Gruppe der Cox-2-Hemmer, die alle die Endung -coxib führen und das körpereigene Enzym Cyclooxygenase (Cox) hemmen. Zu dieser Gruppe gehört auch der Arzneistoff Rofecoxib, der Bestandteil eines der grössten Arzneimittelskandale der Geschichte ist. Der US-Pharmakonzern Merck hatte mit Vioxx ein Medikament auf der Basis von Rofecoxib in Verkehr gebracht, das zu einem der umsatzstärksten auf dem Markt wurde.

In einer Studie zeigte sich nach 18 Monaten eine stark erhöhte Rate an Herzinfarkten und Schlaganfällen verglichen mit Placebos. Die Studie musste aus diesem Grund vorzeitig abgebrochen werden. Am 30. September 2004 kündigte der Konzern an, Vioxx unverzüglich vom Markt zu nehmen. Merck wurde in der Folge mit einer grossen Zahl von Prozessen eingedeckt, die teilweise noch hängig sind. Heute wird nun in einer wissenschaftlichen Studie festgestellt, dass der Arzneistoff Rofecoxib, der Grundlage für Vioxx bildet, ein grosses Risiko für Herzinfarkte darstellt.

Zur Person
Seit über 20 Jahren setzt sich Heinz Knieriemen für «natürlich leben» kritisch mit den Methoden und den Auswirkungen der Schulmedizin und der Laborwissenschaft auseinander. Im AT Verlag hat er mehrere Bücher herausgegeben, unter anderem über Vitamine, Mineralien und Spurenelemente oder Inhaltsstoffe in Lebensmitteln und Kosmetika.

Foto: fotolia.com

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