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Wohin des Weges?

Kategorie: Gesundheit
 Ausgabe 09 - 2011 - 01.09.2011

Text:  Isabelle Meier

Zwischen 40 und 50 Jahren erreicht unsere Befindlichkeit ein absolutes Tief: Die Midlife-Crisis trifft fast alle. Flüchten hilft wenig, die Krise auszustehen und nach vorne zu schauen, schon eher.

Die gute Nachricht vorweg: Sie geht vorbei. Die schlechte Nachricht: Sie trifft fast alle. Das zumindest besagt eine Studie über die Midlife-Crisis, die 2008 im Fachmagazin «Social Science and Medicine» erschienen ist. Die Wissenschaftler David Blanchflower aus den USA und Andrew Oswald aus England werteten die Daten von mehr als zwei Millionen Menschen aus 80 Nationen aus. Resultat: Niemals sind die Unzufriedenheit und das Risiko für Depressionen grösser als zwischen 40 und 50 – egal ob ledig, verheiratet, arm, reich, männlich oder weiblich. Mit etwa 44 Jahren erreicht die Stimmung weltweit den absoluten Tiefpunkt.

Die Metamorphose beginnt

Die Zeit zwischen 40 und 55 ist eine «biografische Übergangsphase mit hohem Krisenpotenzial», sagt Pasqualina Perrig-Chiello, Psychologie- Professorin an der Universität Bern. Sie hat diese Lebensphase erforscht und ein Buch darüber geschrieben: «In der Lebensmitte. Die Entdeckung des mittleren Lebensalters.» Das Krisenpotenzial hat verschiedene Gründe: Beruflich ist man in diesem Alter oft in der Tretmühle, die Partnerschaft zeigt Abnützungserscheinungen, hinzu kommen häufig eine hohe Verantwortung und Stress bei der Arbeit wie auch im familiären Umfeld. Und nicht zuletzt treten körperliche Veränderungen auf: «Die Metamorphose beginnt», so Perrig-Chiello. Erste graue Haare, Falten, Fettansatz, die Libido sinkt.

Da ist es bis zur Midlife-Crisis nicht weit. Aber was ist sie eigentlich, die viel zitierte Krise in der Lebensmitte? Der Begriff wurde 1965 vom kanadischen Psychoanalytiker Elliott Jaques geprägt, um eine Phase von Selbstzweifel zu beschreiben, die einige in der Mitte ihres Lebens überkommt. Auslöser können sein: die Menopause, der Tod der Eltern, der Auszug der Kinder oder das Bewusstwerden, dass man die Spitze der Karriere erreicht hat, so Elliot Jaques. Oder auch schlicht die schmerzliche Tatsache, dass die Jugend vorbei ist und das Alter naht.

Klar, die Krise trifft nicht alle. Die Psychologin Perrig-Chiello stellte in ihren Arbeiten fest, dass Menschen, die mit Veränderungen gut umgehen können, weniger von der Midlife-Crisis betroffen sind. Sehr gewissenhafte Menschen hingegen, die alles richtig machen wollen, sind eher betroffen. Auch Männer trifft es stärker. Frauen gehen ins Wellness-Weekend, vertrauen sich Freundinnen, Geschwistern oder Psychologen an und federn die grosse Krise damit gewissermassen ab. «Bei Männern führt die Midlife-Crisis eher zu einem radikalen Schritt als bei Frauen», erklärt die Psychologin. Sie beginnen beispielsweise eine Affäre. Sie verlassen ihre Frau. Sie kündigen Knall auf Fall den Job. Das hat vor allem damit zu tun, dass sie weniger über Probleme reden und die Krise dann wie ein Vulkan ausbricht. «Es ist noch immer so, dass Männer stark sein müssen und ihre Probleme eher verdrängen.»

Der Körper ist gefordert

Dass es körperlich abwärtsgeht, ist für Hans Zeier, emeritierter Biologie-Professor an der ETH Zürich, der Grund, warum sich Männer schwerer tun mit den mittleren Jahren. In seinem Buch «Männer über 50» behandelt er vor allem die körperlichen Veränderungen in der Lebensmitte. «Männer mögen Schwäche nicht», sagt er. Ab etwa 40 nehmen die Kräfte in einem schleichenden Prozess ab, der Sexualtrieb ebenfalls. «Das trifft den Mann im Selbstwert.» Also verleugnet der Mann diesen Prozess häufig. Oft beobachtet Zeier, dass sich Männer mit einer Überreaktion wehren: Sie kaufen sich ein Rennvelo und trainieren täglich – teilweise fast bis zum Umfallen. Oder sie wehren sich gegen den abnehmenden Sexualtrieb mit einer jungen Partnerin.

Sich den Fragen stellen

Die Midlife-Crisis muss nicht immer in einem radikalen Bruch enden. Pasqualina Perrig-Chiello rät zur Auseinandersetzung mit sich selbst: «Man soll sich den Gedanken stellen, wenn sie kommen und sie nicht verleugnen.» Damit werden Veränderungen angestossen: Plötzlich wird die lang ersehnte berufliche Umschulung in Angriff genommen. Oder man kommt sich in der Beziehung wieder näher, weil die Krise einen dazu zwingt, endlich über Konflikte zu sprechen. Wichtig sei es auch, sich Zeit zu nehmen für sich selber, so Perrig. «In dieser Lebensphase ist man meistens sehr eingebunden und hat wenig Zeit für sich. Doch genau das wäre wichtig.»

Klar ist: Die Midlife-Crisis geht vorbei, meist ganz von alleine. Die Stimmungskurve nimmt nämlich einen u-förmigen Verlauf. Mit 70 sind die Menschen – falls gesund – wieder genauso glücklich wie mit 20, so das Ergebnis der eingangs erwähnten Studie. Zugegeben, ein schwacher Trost, wenn man mit Mitte 40 gerade in der tiefsten Krise steckt. Pasqualina Perrig- Chiello sieht aber günstigere Perspektiven: Für eine Mehrheit gehe es schon ab 55 wieder aufwärts. Denn: «Die Lebenserfahrung macht weise und gelassen. Egal was passiert, die Stimmung fällt nicht mehr so leicht in den Keller.»

Buchtipps
• Pasqualina Perrig-Chiello, Fridolin Walcher: «In der Lebensmitte. Die Entdeckung des mittleren Lebensalters», Verlag Neue Zürcher Zeitung, 2011, Fr. 49.90
• Hans Zeier: «Männer über fünfzig, körperliche Veränderungen, Chance für die zweite Lebenshälfte», Verlag Hans Huber, 2002, Fr. 29.90

Fotos: thorstenindra.com, alimdi.net/Michael Weber

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