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Über das Restrisiko Jodtabletten

Kategorie: Gesundheit
 Ausgabe 05 - 2011 - 01.05.2011

Text:  Heinz Knieriemen

Für unsere Gesundheit ist Jod essenziell. Dass nach einem Atomunfall die 65-fache Menge der täglichen Zufuhrempfehlung eingenommen werden soll, ist schlicht verantwortungslos.

Nach den Vorfällen in Fukushima geht auch bei uns die Atomangst um. Immer mehr Menschen sind sensibilisiert für die Gefahren der radioaktiven Verstrahlung. Und nicht nur in Japan, sondern auch in Zürich und Basel sind in Apotheken Jodtabletten ausverkauft, mit denen sich Menschen vor dem radioaktiven Isotop Jod-131 schützen wollen.

Die Notfallschutzverordnung regelt in der Schweiz die Verteilung von Jodtabletten. Wer in der Schutzzone 2 nicht weiter als 20 Kilometer von einem Atomkraftwerk entfernt wohnt, müsste eine Packung Jodtabletten für den Notfall zu Hause haben. Diese Tabletten bieten zwar keinen Schutz vor radioaktiver Strahlung, sollen aber verhindern, dass sich über die Atmung aufgenommenes radioaktives Jod in der Schilddrüse anreichert.

Die vom Bund für die Kaliumjodid Versorgung beauftragte ATAG Wirtschaftsinformationen in Bern präzisieren: «Der Zweck der Kaliumjodidtabletten ist es, die Schilddrüse mit Jod zu überfluten, damit diese im Falle eines KKW-Unfalls mit Austritt von radioaktivem Jod nicht mehr in der Lage ist, Jod aufzunehmen. Werden an drei aufeinanderfolgenden Tagen je zwei Tabletten mit 65 mg Kaliumjodid eingenommen, ist die Schilddrüse für rund einen Monat von der Aufnahme von radioaktivem Jod geschützt.»

Sorgloser Umgang mit Jod

Selbstverständlich bezieht sich ein Schutz nicht auf andere radioaktive Nuklide wie Cäsium, Strontium und Plutonium. Und die ATAG fügt weiter an: «Die Jodaufnahme über Tabletten darf nicht mit der Menge Jod verglichen werden, die im normalen täglichen Leben auf natürliche Art aufgenommen wird.» Warum eigentlich nicht? Kaliumjodid ist ein wichtiges Spurenelement, das in viele Stoffwechselprozesse und unser Hormonsystem eingreift. Bei möglichen Reaktionen und auch Überreaktionen ist es daher unerheblich, ob Kaliumjodid dem Körper über die Nahrung, über Salz, Desinfektionsmittel oder über Tabletten zugeführt wird. Und aus dieser Sicht wird der sorglos-freizügige Umgang mit tablettiertem Jod dem unbestrittenen Gefahrenpotenzial in keiner Weise gerecht. Er widerspricht eindeutig der gebotenen Sorgfaltspflicht, auch wenn Ärztegesellschaften wie die FMH in der augenblicklichen Situation keine Einnahme von Jodtabletten empfehlen.

Betrachten wir also die empfohlenen zwei Kaliumjodid-Tabletten zu 65 mg, die an drei aufeinanderfolgenden Tagen eingenommen werden sollen, etwas genauer. Auch wenn nur 10 Prozent des Jods – wie von der ATAG behauptet – in die Schilddrüse eingelagert wird, ergeben die zwei Tabletten eine Jodmenge von 13 mg oder 13 000 μg, also das 65-fache der empfohlenen täglichen Aufnahme von 200 μg Jod.

Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (European Food Safety Authority, EFSA) hat Vitamine und Mineralstoffe hinsichtlich ihrer Sicherheit bewertet und für jeden Mikronährstoff einen sogenannten Tolerable Upper Intake Level (UL) festgesetzt. Dieser UL gibt die sichere Höchstmenge eines Mikronährstoffs wieder, die bei täglicher, lebenslanger Zufuhr aus allen Quellen keinerlei Nebenwirkungen hervorruft. Die sichere tägliche Höchstmenge für Jod liegt bei 600 μg (Scientific Committee on Food and Scientific Panel on Dietetic Products, Nutrition and Allergies; Tolerable Upper Intake Levels for Vitamins and Minerals) und entspricht somit dem dreifachen der täglichen Zufuhrempfehlungen der WHO und der Ernährungsgesellschaften. Auch diese Sicherheitsnormen werden mit der Gabe von Jodtabletten um das 20-fache massiv überschritten. Die Aufnahme solcher Jodmengen stellt für alle Menschen eine potenzielle Gefahr dar, für viele jedoch eine ernstzunehmende akute Gefahr für ihre Gesundheit.

Primum nil nocere – vor allem nicht schaden!

Der Ausdruck Jod leitet sich vom altgriechischen Wort ioeides für veilchenfarbig, violett ab; die beim Erhitzen freigesetzten Dämpfe sind charakteristisch violett. Unumstritten ist bei diesem essenziellen Spurenelement, dass der Mensch ohne Jod nicht leben kann: Die Schilddrüse braucht Jod für die Herstellung einiger lebenswichtiger Hormone, die viele Stoffwechselprozesse auslösen.

In medizinischer Fachliteratur wird jedoch nicht nur von Jodmangel als Ursache von Unterfunktionen der Schilddrüse berichtet, sondern auch von Überfunktionskranken, fachsprachlich Hyperthyreotiker (griech. hyper = über und thyreos = Schild). Jod ist also auch an einer Reihe von schwer zu behandelnden Krankheiten wie Morbus Basedow, Osteoporose, Herzrhythmusstörungen, Depressionen, Schlafstörungen, Ruhelosigkeit, Sehstörungen, Impotenz, Nierenkoliken, Haarausfall und Magersucht beteiligt.

Jod beeinflusst als Schilddrüsenhormon das Wachstum des Skeletts und die Entwicklung der Geschlechtsorgane, steuert die Oxidation, die Wärmeproduktion, den Cholesterin-Abbau, den Sauerstoffverbrauch, die Synthese freier Fettsäuren, den Kalzium- und Phosphatumsatz und wirkthemmend auf die Proteinsynthese. Es ist zudem auch noch in die Funktionen der Hypophyse, der Hirnanhangdrüse, und des Hypothalamus eingebunden, also in das Steuerungszentrum für das vegetative oder autonome Nervensystem, das sich weitgehend unserer bewussten Kontrolle entzieht. Gerade über diese fein ausbalancierten Regelkreise wissen wir noch viel zu wenig. Die geübte Praxis mit der Jodtablettenverteilung, die dazu führt, dass Menschen das 65-fache der empfohlenen täglichen Aufnahme von 200 μg zu sich nehmen und damit ihre Gesundheit gefährden, verstösst gegen das erste Gebot der Medizin: Primum nil nocere – vor allem nicht schaden.

Zur Person
Seit über 20 Jahren setzt sich Heinz Knieriemen für «natürlich» kritisch mit den Methoden und den Auswirkungen der Schulmedizin und der Laborwissenschaft auseinander. Im AT Verlag hat er mehrere Bücher herausgegeben, unter anderem über Vitamine, Mineralien und Spurenelemente oder Inhaltsstoffe in Lebensmitteln und Kosmetika.

Foto: fotolia.com

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