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Kinderleicht

Kategorie: Gesundheit
 Ausgabe 01 - 2011 - 01.01.2011

Text:  Isabelle Meier

Feldenkrais soll helfen, Bewegungen so natürlich und organisch auszuführen wie ein Kind. Die Methode kann nicht nur Schmerzen beheben, sondern wirkt auch positiv auf die Psyche.

Feldenkrais geht auf den jüdischen Physiker Moshé Feldenkrais (1904 bis 1984) zurück, der sie vor über 50 Jahren zur Behandlung von chronischen Verspannungen und Schmerzen entwickelte. Nach einer Knieverletzung machten ihm die Ärzte wenig Hoffnung, je wieder ohne Schmerzen gehen zu können. Feldenkrais gab sich aber nicht geschlagen. Er begann, sein Bewegungsverhalten zu erforschen und zog dabei Evolutions- und Verhaltensforschung, Medizin, Kognitionsforschung, Psychologie, Pädagogik, Anthropologie und Systemtheorie zu Hilfe.

Der Kern der Feldenkrais-Methode ist es, Bewegungsabläufe wieder so zu lernen wie ein Baby. Dieses lernt, indem es die Informationen aus seinen Muskeln, Gelenken und Organen mit den Informationen aus der Umwelt vergleicht. Liegt eine Rassel ausserhalb seiner Reichweite, versucht es, dorthin zu gelangen. Dazu probiert es verschiedene Bewegungen aus und wiederholt die Erfolgreichste wieder und wieder, bis sie sich im Zentralnervensystem festgesetzt hat. Feldenkrais’ Theorie: Wer in der gewohnten Bewegungsart eingeschränkt ist – zum Beispiel durch eine Krankheit – kann durch dieses kindliche Lernen eine Alternative finden, eine Bewegung, die nicht schmerzt. Er glaubte zudem, man müsse eine Bewegungsabfolge, zum Beispiel Zähneputzen, in möglichst vielen Varianten ausführen, um eine Verbesserung der Gelenkigkeit zu erreichen. Ausserdem müsse die Bewegung bewusst erfolgen und dürfe niemals gedankenlos abgespult werden. Deshalb wird sie ganz langsam ausgeführt.

Schmerzfrei bewegen

Das klingt etwas theoretisch. Doch es funktioniert. Dieser Eindruck entsteht jedenfalls, wenn man mit Feldenkrais-Praktizierenden spricht. «Durch Feldenkrais habe ich meine Beweglichkeit wieder erlangt», sagt etwa Petra Kluge aus Dättwil. Nach Yoga und Qigong hat sie vor neun Jahren Feldenkrais entdeckt. Ihre Gelenkprobleme verursachten starke Schmerzen bei vielen Bewegungen. «Heute kann ich wieder wandern gehen», sagt die 60-Jährige. «Beim Feldenkrais macht man eine Bewegung nur so weit, wie es ohne Schmerzen geht. Sobald es wehtut, führt man die Bewegung in der Vorstellung weiter», erklärt sie. Könne man beispielsweise nur den rechten Arm ohne Schmerzen ausstrecken, so strecke man ihn links nur in Gedanken aus. «Ich konnte mit dem Auto kaum mehr rückwärtsfahren, weil ich dabei so starke Schmerzen hatte. Jetzt geht das wieder», sagt sie.

Für Verbandspräsidentin Verena Rytz ist klar: «Feldenkrais kann eine Krankheit nicht heilen. Wir sind keine Ärzte.» Feldenkrais solle vielmehr helfen, besser mit einer Krankheit umgehen zu können, indem die verbliebenen Möglichkeiten besser ausgeschöpft würden. Die Methode bringe auch nicht immer den gewünschten Effekt: Eine Kursteilnehmerin etwa habe nach acht Lektionen realisiert, dass sie ihr Knie trotzdem operieren lassen müsse.

So wird Feldenkrais praktiziert
Zum Beispiel Funktionale Integration: In Einzellektionen liegt man auf einer breiten Liege und wird vom Therapeuten sanft bewegt. Der Lehrer geht auf spezifische Schmerzen oder Bewegungseinschränkungen ein. Gruppen-Lektionen kosten zwischen 18 und 30 Franken, Einzellektionen zwischen 90 und 160 Franken. Sie dauern 45 bis 60 Minuten. Der Feldenkrais-Verband zählt 466 Mitglieder in der Schweiz, Tendenz steigend: Die Mitgliederzahl hat sich in den letzten zwölf Jahren mehr als verdoppelt. Die Lektionen werden aus der Zusatzversicherung der Krankenkasse bezahlt. Mehr Infos unter www.feldenkrais.ch

Wirkt auch auf die Psyche

Feldenkrais wird nicht nur von Menschen mit einer Bewegungseinschränkung praktiziert. Es gibt auch spezifische Feldenkrais-Trainer für Profisportler, Schauspieler und Musiker. Bei ihnen soll unter anderem eine ungünstige Haltung vermieden werden, eine Bewegung mit weniger Kraftaufwand ausgeübt oder allgemein die Leistungsfähigkeit gesteigert werden. Einige Feldenkrais-Therapeuten sind auf Kleinkinder mit Bewegungsproblemen spezialisiert. Eine Lehrerin behandelte zum Beispiel ein 14 Monate altes Kind nach einem Sturz aus dem Fenster. Das Kind war anfangs halbseitig gelähmt und lernte mit Feldenkrais-Übungen gewisse Bewegungen wieder.

Auch auf die Psyche soll Feldenkrais einen positiven Einfluss haben. Moshé Feldenkrais ging davon aus, dass man durch Veränderung des körperlichen Verhaltens auch die Persönlichkeit verändern kann. Der Feldenkrais-Verband schreibt in seiner Broschüre, dass Feldenkrais die Selbstbewusstheit vertieft, dass Ziele wirksamer erreicht werden können, dass man besser auf sich hören lernt. Auch Lampenfieber und Stress sollen verringert werden.

Feldenkrais ist keine Psychotherapie, darin sind sie sich beide einig, aber eine Methode, um sich selbst besser wahrzunehmen. «Plötzlich fällt einem auf, dass man vor dem Computer zu tief sitzt; oder man nimmt ein Buch anders aus dem Regal oder steht ganz einfach anders im Raum, mit beiden Füssen fest auf dem Boden», sagt Verena Rytz. Sie ist überzeugt, dass diese Veränderungen
sich auch auf das Verhalten auswirken: «Man spürt, dass man aus mehr besteht, als man denkt.»

Literatur
• Angelika Peters, Irene Sieben: «Das grosse Feldenkrais-Buch», Irisiana 2008, Fr. 33.90
• Moshé Feldenkrais: «Bewusstheit durch Bewegung», Suhrkamp-Verlag 2008, Fr. 15.50
• Moshé Feldenkrais: «Die Feldenkraismethode in Aktion», Jungfermann 2006, Fr. 33.50

Fotos: Medicalpicture, fotolia.com

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