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Das kranke Gesundheitswesen

Kategorie: Gesundheit
 Ausgabe 12 - 2010 - 01.12.2010

Text:  Heinz Knieriemen

Eine neue Medizin der Sanftheit, Verträglichkeit und Bescheidenheit tut not. Selbstvertrauen und Selbstheilungskräfte der Menschen sind zu stärken, nicht die heutige Reparaturmedizin.

Unser Gesundheitswesen ist krank und reformbedürftig. Doch statt einen Heilungsprozess einzuleiten, werden Individualität, Vielfalt und zukunftsorientierte Sichtweisen behindert und unterdrückt. Die weiteren Schritte Richtung Expertenmedizin entfremden die Menschen gegenüber ihrem Krankheitsbild, führen zu einem unheilvollen Verlust an volksmedizinischem Basiswissen und selbstverantwortlichem Handeln. Gesetzgeber und Gesundheitsbehörden sitzen weiterhin dem Mythos der Allkompetenz der herrschenden medizinischen Lehre auf. Diese ist dabei, sich zu Tode zu siegen, da sie nicht mehr zu bezahlen ist. Die Situation wird vielen schmerzhaft bewusst, da durch die politische Orientierungslosigkeit und falsche Prioritäten die sozialen Konflikte verschärft werden.

Falsche Prioritäten

Mir ist zufällig eine Tageszeitung vom November 1991 in die Hände geraten. Ein kurzes Zitat aus einem Leitartikel: «Die Spitalkosten steigen, die Arztkosten steigen, die Versicherungskosten steigen – bald kann auch der Mittelstand die Prämien nicht mehr zahlen. Das Solidaritätsprinzip ist völlig aus dem Lot geraten. Einen Weg aus der Katastrophe suchen gleich zwei hängige Initiativen sowie eine Gesetzesrevision und Bundesrat Cotti mit einem Notprogramm.» Seit Cotti ist nun während annähernd zehn Jahren weitergewurstelt worden – und die Gesundheitskosten stiegen ungebremst weiter, Notprogramme hin oder her.

Eine Familie oder ein gewerbliches Unternehmen müssen sich zwingend Gedanken machen, wenn ihre Ausgaben Jahr für Jahr das Drei- bis Achtfache der allgemeinen Teuerung übersteigen. Doch für unser Gesundheitswesen, das immer mehr zu einem Krankheitsverwaltungssystem verkommt, führt solches nicht zu einem grundsätzlichen Nachdenken über Weg und Ziel – es bleibt bei Deklamationen und Absichtserklärungen.

Übel an der Wurzel behandeln

Wenn unser Krankheitswesen gesunden soll, geht es nicht um einige kosmetische Korrekturen und Änderungen von Rahmenbedingungen, sondern um ein neues Denken, das Verantwortung nicht nur delegiert. Unser Körper ist ein Frühwarnsystem für die lebensfeindlichen, gesundheitsschädigenden Zumutungen unserer Zeit, unseres Denkens und Handelns. Und die Kompetenz des Körpers, selbst schwerste Krankheiten und Verletzungen auszuheilen, wird immer noch unterschätzt. In der Regel werden diese Selbstheilungskräfte blockiert und behindert, weil wir uns passiv den Experten ausliefern, wenn eine Reparatur angesagt ist.

Nach diesem Prinzip, Reaktionen des Körpers und des Geistes zu unterdrücken und gegen diese mit suppressiven, symptomunterdrückenden Pharmaka anzukämpfen, werden heute ganze Arzneimittelgruppen bezeichnet: Antipyretika, Antiphlogistika, Antimykotika, Antazida, Antihistaminika, Antibiotika, Antidepressiva usw. Schon im 19. Jahrhundert warnte der bekannte amerikanische Homöopath James Tyler Kent davor, dass sich die konventionelle Medizin weniger um die Ursachen als um die Resultate der Krankheiten kümmert. Nach Kent muss die Medizin die Wurzel des Übels behandeln und nicht den Defekt als die Folge pathogener Einflüsse und Entwicklungen.

In der heutigen medizinischen Praxis ist der Patient kaum einmal Partner des Arztes auf dem Weg zur Heilung, sondern Objekt von Diagnostik und Therapie. Schäden werden durch chemische oder physikalische Eingriffe von aussen behoben – ein System, das letztlich darauf aufgebaut ist und nur funktioniert, wenn der Mensch ein ständig reparaturbedürftiges Wesen bleibt. Diese passive Patientenrolle (patiens = duldend, erleidend), die prophylaktische, gesund erhaltende Möglichkeiten gering schätzt, folgt einerseits dem Ansatz der Schulmedizin, es kommt andererseits aber auch der weitverbreiteten Bequemlichkeit konsumorientierter Menschen entgegen.

Neue Bescheidenheit

Eine Medizin mit Zukunftsperspektiven setzt auf Sanftheit, Verträglichkeit und Bescheidenheit. Sie stärkt das Selbstvertrauen und die Selbstheilungskräfte, sie arbeitet sozial, verantwortungsbewusst und mit einem hohen Mass an Nächstenliebe, die Vorrang vor der Profitoptimierung hat. Von dieser Maxime, von einer Kultur der Stille, der Sorgfalt, des Masses und der Selbstverantwortung wie auch der sinnlichen Lust entfernen wir uns immer mehr. Die Praxis der Heilkunde, aber auch der Erfahrungsmedizin wird von der derzeitigen Situation in Forschung, Lehre, Kassensystem und Politik behindert.

Wenn unser Krankheitswesen gesunden soll, müssen sich die Strukturen grundsätzlich ändern. Dazu gehört, dass in dem offenen System einer umfassenden und ausgewogenen Heilkunde der persönliche Einsatz des Arztes oder Therapeuten im direkten Kontakt mit Hilfesuchenden höher bewertet wird. Der Schwerpunkt muss sich von der Klinik und Reparaturmedizin hin zur präventiven Medizin verschieben, die Beschwerden, Störungen und Krankheiten zu verhindern sucht oder dann so frühzeitig erkennt und mit allen therapeutischen Möglichkeiten behandelt, bevor sie ins chronische Stadium übertreten.

Zur Person
Seit über 20 Jahren setzt sich Heinz Knieriemen für «natürlich leben» kritisch mit den Methoden und den Auswirkungen der Schulmedizin und der Laborwissenschaft auseinander. Im AT Verlag hat er mehrere Bücher herausgegeben, unter anderem über Vitamine, Mineralien und Spurenelemente oder Inhaltsstoffe in Lebensmitteln und Kosmetika.

Fotos: CarbonNYC / flickr / cc, tuev_sued / flickr / cc

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