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Der Überschuss vom Überfluss

Kategorie: Gesundheit, Essen
 Ausgabe 11 - 2010 - 05.11.2010

Text:  Andreas Krebs

In der Schweiz werden tonnenweise Lebensmittelüberschüsse produziert. Gassenküchen und Notunterkünfte sind dankbare Abnehmer. Doch der grösste Teil der einwandfreien Ware landet nicht auf einem Teller.

In der Schweiz werden jedes Jahr bis zu 250 000 Tonnen einwandfreie Lebensmittel von Produzenten und vom Lebensmittelhandel vernichtet. Das ist die eine Seite. Die andere: 700 000 bis 900 000 Menschen leben hierzulande an oder unter dem Existenzminimum. Die sogenannte versteckte Armut trifft insbesondere grosse Familien, Arbeitende in Niedriglohnbranchen, Alleinerziehende, Ausgesteuerte und randständige Menschen. Diese müssen an allen Ecken und Enden sparen: bei der Ernährung, der Aus- und Weiterbildung, der Vorsorge und der Freizeitgestaltung. Armut führt oft zu sozialer Isolation.

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Hope - Christliches Sozialwerk
Tischlein Deck Dich - Lebensmittelhilfe für die Schweiz
Schweizertafel
Die Tafeln - Essen, wo es hingehört

Einrichtungen wie Hope, das vom vom gleichnamigen christlichen Sozialwerk geführt wird, verbessern die Ernährungssituation der Betroffenen, indem sie qualitativ einwandfreie Lebensmittel und Waren des täglichen Bedarfs kontrolliert abgeben. Es handelt sich um Produkte, die kurz vor dem Ablaufdatum stehen, aus Überproduktionen stammen oder deren Verpackung beschädigt ist. «Tischlein deck dich» versorgt pro Woche durchschnittlich 10 500 Menschen mit Lebensmitteln, die ansonsten vernichtet würden. 2009 waren es über 2000 Tonnen oder über 10 Millionen volle Teller. Die «Schweizer Tafel» verteilt pro Jahr über 3000 Tonnen Lebensmittel an nahezu 500 soziale Institutionen wie Notunterkünfte, Hilfswerke und Gassenküchen.Der mit Abstand grösste Teil der Lebensmittelüberproduktion landet aber nicht auf dem Teller. Wieso werden so viele Lebensmittel weggeworfen? «Der Kunde will auch abends um 17 Uhr die ganze Auswahl haben. Bieten wir diese nicht, ist er schnell bei der Konkurrenz», beantwortet Nicolas Schmied, Mediensprecher bei Coop, die Frage. «Bei uns wird aber nichts vernichtet», versichert er. Bevor das Haltbarkeits- respektive Verbrauchsdatum erreicht ist, bieten Detailhändler die Ware vergünstigt an. Was übrig bleibt, können die Mitarbeiter nach Ladenschluss billig kaufen. Zudem unterstützen Coop und Migros mit jeweils rund 1000 Tonnen Lebensmittel pro Jahr «Tischlein deck dich» und die «Schweizer Tafel».

Mindesthaltbarkeits- und Verbrauchsdatum
Mit dem Mindesthaltbarkeitsdatum garantiert der Hersteller, dass die Lebensmittel bei angemessener Lagerung mindestens bis zu diesem Stichtag geniessbar bleiben. Nach Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums ist es ratsam, das Lebensmittel auf Aussehen, Geruch und Geschmack gewissenhaft zu prüfen. Das Mindesthaltbarkeitsdatum gilt nur für original verschlossene Verpackungen und bei Einhaltung der angegebenen Aufbewahrungsbedingungen. Die meisten Nahrungsmittel können weit über dieses Datum hinaus konsumiert werden.

Das Verbrauchsdatum gibt bei Frischprodukten den Zeitpunkt an, bis zu dem das Lebensmittel spätestens verzehrt werden sollte. Das Verbrauchsdatum ist vorgeschrieben für leicht verderbliche oder hygienisch kritische Lebensmittel wie zum Beispiel Frischgeflügel oder Hackfleisch. Die Dauer der Haltbarkeit wird vom Hersteller festgelegt. Dieser garantiert bis zu dem angegebenen Zeitpunkt eine einwandfreie Qualität der original verpackten Ware.

Immer häufiger, vor allem bei Discountern, findet man zudem eine dritte Angabe: «zu verkaufen bis». Diese ist nicht vom Gesetz vorgeschrieben und meist auf einige Tage vor Ablauf des Verbrauchs- respektive Haltbarkeitsdatums datiert.

Tierfutter und Biogas

Bleiben immer noch rund 10 000 Tonnen einwandfreie Lebensmittel, die Coop pro Jahr entsorgt. «Verwertet», korrigiert Schmied. Rund 1800 Tonnen Brot sowie Produktionsabfälle aus der Bäckerei werden als Tierfutter an Bauern abgegeben; der Grossteil wird kompostiert oder zu Biogas verarbeitet. «Natürlich sollten Lebensmittel gegessen werden», räumt Schmied ein. Zielkonflikte seien programmiert. «Es gibt eine ethische und eine buchhalterische Komponente», sagt er. «Lebensmittel müssen frisch verkauft werden. Wir setzen alles daran, möglichst die richtigen Mengen zu beschaffen und anfallenden ‹Betriebsabfall› so sinnvoll wie möglich zu verwerten oder entsorgen. Wir nehmen das Thema sehr ernst.» Coops Wiederverwertungsrate liege bei gegen 70 Prozent, so Schmied. Ähnliches verlautet die Migros.

Die Grossverteiler schneiden damit besser ab, als mancher Privathaushalt. Denn dort landen tadellose Lebensmittel zuhauf im Abfall oder auf dem Kompost. Ein grosser Teil deshalb, weil viele Konsumenten glauben, dass ein Produkt nicht mehr geniessbar ist, wenn das Verbrauchsoder das Haltbarkeitsdatum überschritten ist. Bei vielen Konsumenten herrsche eine regelrechte Datumshysterie, so der Berner Kantonschemiker Otmar Deflorin. Er erklärt es damit, dass die Leute sich mit Lebensmitteln nicht mehr gut auskennen. Durch den häufigen Gebrauch von Convenience Food sei der Bezug zu Lebensmitteln abhandengekommen.

So haben die Haltbarkeitsdaten einen wichtigen Stellenwert bekommen. Nicht unbedingt zu Recht, wie Deflorin erklärt. «Was mit einem Mindesthaltbarkeitsdatum versehen ist, kann auch noch gegessen werden, wenn dieses abgelaufen ist. Allenfalls gibt es eine geschmackliche Beeinträchtigung, aber sicher keine Gesundheitsgefahr.» Auch leicht verderbliche Lebensmittel – sie sind mit einem Verbrauchsdatum versehen – seien nicht «um 5 vor 12 noch gut und um 5 nach 12 plötzlich giftig», so Deflorin. Entscheidend ist, wie sie gelagert wurden. Einmal geöffnet, kann man auch nicht damit rechnen, dass die volle Frist unbeschadet erreicht wird. «Wenn Schinken, Fisch oder Milchprodukte nicht mehr gut sind, dann riecht, schmeckt oder sieht man das», sagt Deflorin. Der Mensch kann sich also auf seine Sinne verlassen. Dennoch, so der Kantonschemiker, sollten Frischprodukte bis spätestens ein, zwei Tage nach Ablauf des Verbrauchsdatums konsumiert werden, besser vorher. Er rät, kleinere Verpackungen zu kaufen. So spart man Lebensmittel und Geld.

Spekulationsgut Nahrung

«Die Weltbevölkerung verslumt», schreibt der Umweltjournalist und Agrarwissenschaftler Wilfried Bommert in seinem aufrüttelnden Buch «Kein Brot für die Welt». Die Ernährungssicherheit werde zur Frage der globalen Sicherheit, zum Ausgangspunkt von Aufständen und Flüchtlingsströmen, so Bommert. Denn obwohl weltweit genügend Nahrungsmittel produziert würden, um die ganze Menschheit zu ernähren, litten über eine Milliarde Menschen – beinahe jeder sechste Mensch – unter chronischem Hunger und alle sechs Sekunden sterbe ein Kind an Mangelernährung. Grundsätzlich, so Bommert, entstehe Hunger nicht aus einem weltweiten Mangel an Nahrungsmitteln, sondern weil die betroffenen Menschen zu arm seien, um sich Nahrung zu kaufen.

Der Schein trügt

Im Agrarbericht des Bundes beziffert er den Selbstversorgungsgrad der Schweiz seit vielen Jahren auf rund 60 Prozent und dies bei einer ständig wachsenden Bevölkerung und einem rasanten Verlust an Kulturland. «Ein Bilanztrick», schrieb vor einem Jahr Agrarökologe Andreas Bosshard unter dem Titel «Der Mythos von der Selbstversorgung» im Tages-Anzeiger. «Würden die Importe an Energie und Futter in die Bilanz einbezogen, dürfte der Selbstversorgungsgrad der Schweiz mittlerweile auf unter 25 Prozent gesunken sein», behauptet er. Damit wäre unsere Ernährungssouveränität stark gefährdet.

Es ist ungewiss, ob die Schweiz von der erwarteten Ernährungskrise hart getroffen wird. Fest steht, dass wir so nicht weiter machen können, so auch das Fazit des 50 000 Seiten starken Welternährungsberichts der Uno. Aus dem Bericht geht hervor, dass im Grunde Europa vorangehen müsse, weil hier die Sättigung, das Know-how und die Mittel vorhanden sind, um der Welt zu zeigen, wie man durch Verzicht wachse. Denn der Fortschritt müsse in einer Reduktion bestehen.

Literatur
• Gabriele Gugetzer: «Quickfinder Resteküche», Gräfe & Unzer 2009, Fr. 26.50
• Wilfried Bommert: «Kein Brot für die Welt – Die Zukunft der Welternährung», Riemann 2009, Fr. 33.90

Fotos: fotolia.com, Walter Schwager, ffr

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