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Allmächtig

Kategorie: Gesundheit
 Ausgabe 11 - 2010 - 05.11.2010

Text:  Martin Koradi

Gegen alles ist ein Kraut gewachsen – diese Aussage ist von Vertretern der Komplementärmedizin oft zu hören. Doch stimmt das wirklich oder steckt dahinter ein Allmachtsanspruch, den man so sonst den «Göttern in Weiss» unterstellt?

Machbarkeitswahn und Allmachtsfantasien – diese Vorwürfe hört man nicht selten an die Adresse der heutigen Medizin. Wohl nicht ganz ohne Grund ist die Rede von den «Göttern in Weiss». Fraglos gibt es Exemplare der ärztlichen Zunft, denen die Möglichkeiten der modernen Medizin in den Kopf gestiegen sind. Allen Ärztinnen und Ärzten eine solche Haltung zu unterstellen, wäre allerdings Ausdruck eines simpel gestrickten Schwarz-Weiss-Denkens. Mir selber sind bei der Inanspruchnahme medizinischer Dienste durchwegs Menschen begegnet, die sich der Grenzen ihrer Kunst bewusst waren, vor allem im Bereich der Hausarzt-Medizin. Aber Wachsamkeit gegenüber grenzenlosen ärztlichen Heilungsfantasien scheint mir sinnvoll – das gilt allerdings auch für die Komplementärmedizin.

Ein unerfüllbares Versprechen

Die Rede vom ganzheitlichen Heilen – von der «Ganzheitsmedizin» – wird heute inflationär verwendet. Damit verbunden sind nämlich Ansprüche und Versprechungen, die nicht einlösbar sind. Um einen Menschen ganzheitlich zu behandeln, müsste man ihn ganzheitlich wahrnehmen – in seiner Ganzheit wahrnehmen. Das übersteigt menschliche Fähigkeiten bei Weitem, weil wir die Welt, uns selber und auch andere Menschen, immer nur sehr lückenhaft und aus einer bestimmten Perspektive wahrnehmen. Wie soll ich ganzheitlich behandeln können, wenn mir nur Fragmente meiner selbst und meines Gegenübers bekannt sind? Das Ganze – das sagte schon Goethe – ist nur für einen Gott gemacht. Und selbst wenn ich das Ganze wahrnehmen könnte, geht jeder Behandlung die Auswahl konkreter Massnahmen voraus, womit auch sie fragmentarisch bleibt.


Den Menschen ganzheitlich behandeln – das würde, wenn es denn möglich wäre, bedeuten: Alles Krankmachende in Körper, Seele und Geist heilen – und die Umwelt und die Gesellschaft noch dazu! Das ist eine mass- und grenzenlose Vorstellung mit totalitären Zügen. Eine solchermassen alles umfassende ganzheitliche Therapie wäre ausgesprochen fragwürdig.

Vorziehen würde ich stattdessen einen «kontextsensiblen Reduktionismus». Ich weiss, das ist ein Wortungetüm, schwer wie ein Vierzigtönner-Camion. Der Reduktionismus anerkennt, dass Menschen eben Menschen sind und darum nicht alles, nicht das Ganze behandeln können. Eine Reduktion, eine Beschränkung ist unumgänglich. Der Begriff «kontextsensibel» drückt ein Bewusstsein dafür aus, dass rund um mein beschränktes therapeutisches Handeln noch mehr Einflüsse und Faktoren vorhanden sind, um die ich wissen sollte.

Ist jede Krankeit heilbar?

«Wir behandeln die Ursachen, die Schulmedizin nur Symptome!» Dieser in der Naturheilkunde oft gehörte Kampfspruch verkennt die Komplexität von Gesundheit und Krankheit fundamental. Wer kennt denn wirklich die Ursache – den letzten Grund einer Krankheit, wo doch jede (scheinbare) Ursache wieder mehrere Ursachen hat. Wer solche Sprüche klopft, bedient sich deshalb oft eines Tricks: Er legt einfach dogmatisch einen willkürlich ausgewählten Faktor als Ursache fest und setzt dort mit einer mehr oder weniger plausiblen Behandlung an. «Du hast ein Schulterproblem links? Aha, ein Vaterproblem …» Die endgültige Ursache entzieht sich uns wohl in den meisten Fällen. Auch hier wieder – wie bei der Ganzheitlichkeit – eine ziemlich ungesunde Unbescheidenheit.

Eine weiterer Kampfspruch: «Die Gesetze der Natur bieten immer eine Lösung.» Diese Aussage machte eine Naturärztin an den Tumortagen in Winterthur in einem Saal mit Krebskranken. Eine absolute Aussage. Heilung ist immer möglich, du musst dich nur nach den Gesetzen der Natur richten. Wer krank bleibt, hat also die Gesetze der Natur missachtet. Was damit gemeint ist, bleibt ungesagt. Zudem wird ausgeblendet, dass ein Tumor auch zur Natur gehört und ihren Gesetzen gehorcht, sodass ein grosser Teil der Anwesenden im Saal einfach sterben würde, wenn der Natur ihr Lauf gelassen würde.

Allmacht versus Ohnmacht

Anstatt uns in absolute Heilungsfantasien zu flüchten, ist es viel lebensfreundlicher, wenn wir die fundamentale Verletzlichkeit der menschlichen Existenz anerkennen. Das schafft eine tragfähigere Basis für solidarische gegenseitige Unterstützung in Situationen, in denen die grundlegende Zerbrechlichkeit des menschlichen Lebens an den Tag tritt.

Der Autor
Martin Koradi ist diplomierter Drogist und seit 1983 Dozent für Phytotherapie mit eigener Schule. Er leitet Heilpflanzen-Exkursionen und engagiert sich durch Ausbildung von Pflegefachleuten für die Integration von Heilpflanzen-Anwendungen in Pflegeheimen, Spitex und Kliniken. In seiner Tätigkeit verbindet er die Erkenntnisse der Philosophie mit jenen der Naturheilkunde. Mehr unter www.phytotherapie-seminare.ch und www.heilpflanzen-info.ch

Fotos: fotolia.com, Bildagentur Waldhäusl

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