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Sturm im Kopf

Kategorie: Gesundheit
 Ausgabe 11 - 2010 - 05.11.2010

Text:  Marion Kaden

Wenn die alte Narbe juckt, der Kopf schmerzt oder sich der Schlaf nicht einstellen will, ist vielleicht das Wetter schuld. Wissenschaftler bestreiten das – aber rund die Hälfte der Menschen fühlt sich gesundheitlich vom Wetter beeinflusst.

Das Wetter übt mit seinen jahreszeitlich bestimmten Rhythmen seit Urzeiten Einfluss auf Menschen aus. Normalerweise stellen sie sich ohne Schwierigkeiten auf die entsprechenden Wetterlagen oder -änderungen ein, ohne diese besonders wahrzunehmen. Nur Wetterfühlige eben nicht. Das grösste Problem der erhöhten Sensibilität: Wetterfühlige können höchst unspezifische Beschwerden auf körperlicher oder seelischer Ebene entwickeln. Zum Beispiel Grossvaters Knie: Schmerzt es wieder, weiss die Familie zuverlässig, dass das Wetter umschlägt. Andere, häufig genannte körperliche Anzeiger sind Kopfschmerzen, Abgeschlagenheit oder Müdigkeit. Rund die Hälfte aller Menschen gibt an, dass das Wetter in seinen unterschiedlichen Ausprägungen einen Einfluss auf sie ausübt. Entsprechend überfüllt sind die Wartezimmer von Ärzten oft bei Föhn, Bise, Sturm oder extremen Kaltfronten. Aber: «Wetterfühligkeit ist eine komplexe Angelegenheit. Sie ist eine Reaktion, jedoch keine Krankheit», stellt Thomas Herren von MeteoSchweiz, Zürich, eindeutig klar.

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Zweifelnde Wissenschaft

Unter dem Begriff Wetterfühligkeit verstehen Wissenschaftler Einschränkungen des Wohlbefindens oder das Auftreten von Krankheitssymptomen, die mit Wettervorgängen in Verbindung gebracht werden können. «Gegenwärtig wird davon ausgegangen, dass Wetterfühligkeit Ausdruck eines geschwächten Organismus ist, der bei atmosphärischen Veränderungen Anpassungsschwierigkeiten hat», sagt Herren, «doch tatsächlich wissen wir nicht, wie alles zusammenhängt».

Denn obwohl relativ viele Menschen von diesem Phänomen betroffen sind, wird heute kaum auf diesem Gebiet geforscht. Viele Arbeiten stammen aus dem deutschen Sprachraum und aus den Siebzigerjahren. Es gab immer wieder Versuche, messbare Elemente wie beispielsweise Blutdruck, Sterblichkeitsrate, Zunahme von Schmerzen bei chronischen Erkrankungen oder psychische Probleme mit Luftdruck, Feuchtigkeit und Windstärke in Verbindung zu bringen. Einige Untersuchungen zeigten zwar einen statistischen Zusammenhang, der ursächliche Zusammenhang blieb aber weitgehend ungeklärt. Möglicherweise wird deshalb der Wetterfühligkeit wissenschaftlich keine grosse Bedeutung beigemessen.

Naturheilkunde hilft bei Wetterfühligkeit
Wetterfühlige müssen nicht unnötig leiden. Viele natürliche Mittel helfen, die unangenehmen Symptome zum Verschwinden zu bringen.
• Gelenkschmerzen: 1 Kilogramm Heublumen (Semina graminis) in 5 Liter kaltem Wasser ansetzen, eine halbe Stunde lang kochen, absieben und dem warmen Vollbad zusetzen. Fertiger Heublumen-Badeextrakt ist auch möglich.
• Chronische Gelenkschmerzen: Einnahme standardisierter Weidenrindenextrakte wie Assalix wirken naturgemässer als chemisch hergestellte Acetylsalicylsäure (ASS).
• Angstzustände und Schlaflosigkeit: Tee aus Hopfenzapfen (Humulus lupulus): 1 bis 2 Teelöffel Hopfenzapfen werden mit 150 Milliliter heissem Wasser überbrüht. Abgedeckt stehen gelassen, danach absieben. 2- bis 3-mal täglich und vor dem Schlafengehen trinken.
• Akute Schlaflosigkeit: Baldrian-Badeextrakt für ein abendliches Vollbad.
• Kopfschmerzen: Echtes, ätherisches Pfefferminzöl direkt über den schmerzenden Stellen an Kopf oder Stirn verreiben. Darauf achten, dass kein Öl in die Augen gelangt. Mehrmals täglich auftragen. Achtung: nicht für Kleinkinder geeignet.
• Abgeschlagenheit, Gereiztheit: Melisse (Melissa officinalis) hat sich in zahlreichen Untersuchungen als wirksam bei Wetterfühligkeits-Beschwerden erwiesen. Anwendungsbeispiel: 1 Teelöffel Melissengeist in einem kleinen Glas Wasser verdünnen. 3-mal täglich.

Leidende Betroffene

Ganz anders beurteilen dies jedoch Betroffene: Sie fühlen sich oftmals mit ihren Beschwerden nicht ernst genommen. «Doch diese Menschen leiden wirklich», sagt Herren. Ihm wurde dies bewusst, als er als Wetter-Experte zu einer Telefon-Serviceaktion berufen wurde. Betroffene klagten über die unterschiedlichsten Symptome. «Die Problematik ist umfassend und beinhaltet mehr als nur eindeutig medizinische Aspekte wie Migräne oder die Zunahme von Schmerzen bei chronischen Gelenkproblemen», erklärt Herren. Er hörte von Klagen über Konzentrationsstörungen bei Kindern in der Schule oder die Zunahme stressiger Auseinandersetzungen zwischen Arbeitskollegen. Manche Menschen fühlten sich auch so stark beeinträchtigt, dass sie überhaupt nicht mehr zur Arbeit gehen konnten.

Leben mit dem Wetter

«Der psychologische Einfluss sollte nicht unterschätzt werden», warnt Herren. «Allgemein bekannt ist beispielsweise, dass Menschen nach der Ankündigung eines Föhns im Radio bald darauf Kopfschmerzen bekommen können.» Bei der Bewertung dieser Phänomene hält sich der Meteorologe jedoch zurück. «Dazu ist das Problem zu unerforscht», sagt er. Doch eine Betroffene der besagten Telefonaktion ist ihm lebhaft in Erinnerung geblieben, denn sie teilte Herren eine wichtige Erfahrung mit. Mit der Anerkennung der Beschwerden und der Einsicht, dass sie ohnehin nichts ausrichten könne, veränderte sich etwas Entscheidendes: Ihre Beschwerden erschienen ihr seither nur noch halb so schlimm. Und am Schluss des Gesprächs erklärte sie noch, dass wohl auch der Kampf gegen die Symptome unnötige Energie verbraucht habe. Das lässt Herren zu folgender pragmatischer Erkenntnis kommen. «Dem Wetter können wir nicht entfliehen – aber wir können lernen, mit ihm zu leben.»

Literatur
Franziska Bischof-Jäggi «Hamsterrad im goldenen Käfig», Knapp Verlag 2010, Fr. 29.80

Foto: fotolia.com

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