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Gute Nacht

Kategorie: Gesundheit
 Ausgabe 08 - 2010 - 01.08.2010

Text:  Sabine Hurni

Nässt ein Schulkind nachts regelmässig das Bett, kann das bei Eltern und Kind zur Belastung werden. Gespräche, Geduld und Gelassenheit entschärfen die Situation.

Wenn Philipp mit seinen Freunden draussen spielt, unterscheidet er sich nicht von ihnen. Der Neunjährige ist ein ganz normal entwickelter Junge. Und doch umgibt ihn ein Geheimnis, das ausser seinen Eltern niemand wissen darf: Er pinkelt nachts ins Bett. Meist spielt er morgens den Coolen und tut so, als lasse ihn das kalt. Doch insgeheim schämt er sich sehr dafür. Er traut sich nicht an Klassenreisen mit Übernachtungen teilzunehmen und will auch nie die Nacht bei seinem besten Freund verbringen.

Kinder, die noch im Schulalter das Bett nässen, haben oft das Gefühl, sie seien die einzigen, denen dieses Missgeschick immer wieder passiert. Weit gefehlt: Jedes zehnte Kind im Alter von sechs bis zehn Jahren nässt mindestens zweimal im Monat das Bett. In jeder ersten Klasse sind es laut Statistik durchschnittlich vier Kinder, in jeder vierten Klasse noch zwei bis drei Kinder.

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Pinkeln will gelernt sein

Was die Kinder am Tag einwandfrei unter Kontrolle haben, klappt nachts einfach nicht – oder noch nicht. Denn während der ersten Lebensjahre müssen sich Blase und Gehirn erst aufeinander abstimmen. Das geht nicht von heute auf morgen. Viel mehr ist es ein Prozess mit vielen Zwischenstationen. Zuerst muss das Kind die Kontrolle über den Blasenschliessmuskel erlernen, dann muss es merken, wann die Blase voll ist und mit einem Gang zur Toilette darauf reagieren. Als Nächstes muss es lernen, bei welchen Signalen es erwachen soll, das Hormonsystem muss funktionieren und die Muskulatur im Beckenboden muss kräftig genug sein, um grössere Mengen Urin halten zu können.

Das Wasser, das wir täglich trinken, gelangt zunächst ins Blut, wird dann in den Nieren aus dem Blut gefiltert und in die Blase geleitet. Bei einem siebenjährigen Kind fasst diese etwa 2,4 Deziliter. Nun kommt das zentrale Nervensystem zum Zug. Sobald die Blase voll ist, geben Nervenzellen den Impuls ans Gehirn, dass die Blase nun zu entleeren sei. Beim Baby passiert das sofort und spontan. Erst mit zunehmendem Alter und Reifung lernen die Kinder, den Drang zu verkneifen, bis sich die Gelegenheit zum Wasserlassen bietet. Irgendwann funktioniert dies sogar im Schlaf – das Kind wacht auf und geht zur Toilette.



Damit der Mensch den Schlaf möglichst ungestört geniessen kann, läuft die Blase nachts auf Sparflamme. Dafür verantwortlich ist das Hormon Adiuretin. Je mehr Adiuretin in der Hirnanhangdrüse gebildet wird, desto weniger Urin wird produziert.

Philipp hat dagegen eine sogenannte primäre Enuresis noctorna, bei ihm funktioniert dieses ausgeklügelte Regulationssystem nur tagsüber. Nachts erwacht er jedoch nicht durch den Harndrang. Er schläft auch dann weiter, wenn das Leintuch nass ist. Erst am Morgen kriecht er oft beschämt aus dem Bett. Seine vierjährige Schwester ist bereits trocken. Dass dies bei Philipp noch nicht der Fall ist, liegt wahrscheinlich daran, dass das zentrale Nervensystem bei ihm noch nicht vollständig ausgereift ist. Es kann aber auch sein, dass die ADH-Produktion (noch) nicht funktioniert oder dass seine Blase zu klein ist. In Schlaflabors konnten Forscher zudem beobachten, dass Bettnässerkinder oft einen ausserordentlich tiefen Schlaf haben.

Wo die Ursache für das nächtliche Wasserlassen zu suchen ist, sollten betroffene Eltern mit dem Arzt besprechen. Nur er kann beurteilen, ob eine Reifeverzögerung, eine hormonelle Fehlfunktion, ein Harnweginfekt oder ein organisches Leiden vorliegt. Bewiesen ist inzwischen, dass dem Bettnässen in den meisten Fällen kein psychisches Problem zugrunde liegt. Eine Tabuisierung kann allerdings zu einer Belastung für die ganze Familie werden.

Sich organisieren Da Kinder in der Regel ihr Bett nicht absichtlich nässen, sollten Eltern die nassen Betten morgens nüchtern zur Kenntnis nehmen. Schimpfen hilft nichts. Besser üben sich die Eltern in Gelassenheit. Ruhe bewahren und sich gut organisieren: Das lässt sich am besten bewältigen, wenn die frische Bettwäsche, eine Zeine für die nassen Sachen und ein frisches Pyjama schon bereitliegen. Eine wasserdichte Unterlage verhindert, dass die Matratze nass wird. Das Bett können grössere Kinder bereits selber anziehen. Die Kinder können auch beim Aufhängen und Zusammenfalten der Wäsche helfen. Entspannter macht es die Situation auch, wenn morgens genug Zeit zum Duschen, Bettanziehen und Wäscheversorgen bleibt.

Manche Kinder fürchten sich auch davor, nachts bei Dunkelheit aufzustehen. Ist die Toilette oder der Weg dorthin beleuchtet, fällt dies vielen Kindern leichter. Hilfreich sind zudem Windelhöschen, die das Kind selber auf der Toilette herunterziehen kann.

Solche und andere unterstützende Massnahmen, sorgen dafür, dass das Kind nicht das Gefühl bekommt, es bringe nur Stress in die Familie. Der Alltag soll sich nicht um das Bettnässen drehen – weder beim Kind, das sich dafür schämt, noch bei den Eltern, welche die Schuld oft bei sich suchen. Viel wichtiger als Vorwürfe sind die Gespräche. Wenn das Kind weiss, dass andere auch darunter leiden und es nicht alleine dasteht mit dem Problem, kann viel Druck wegfallen.

Literatur
Gabriele Grünebaum: «Elternratgeber Bettnässen», Trias-Verlag 2009, Fr. 22.50

Foto: fotolia.com, Lance Shields / flickr / cc

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