Artikel Gesundheit :: Natürlich Online Potenzierte Natur | Natürlich

Potenzierte Natur

Kategorie: Gesundheit
 Ausgabe 06 - 2010 - 01.06.2010

Text:  Marion Kaden

Allen Anfeindungen zum Trotz hat die Homöopathie grosse Beliebtheit und Bedeutung erlangt. Besonders hohe Akzeptanz finden die weissen Kügelchen in der Kinderheilkunde.

Keine medizinische Lehre der Neuzeit hat sich so lange gehalten wie die Homöopathie. Erst vor fünf Jahren wurde der 250. Geburtstag ihres Begründers Samuel Hahnemann begangen. Auch teilt keine medizinische Schule ihre Anhänger und Kritiker in so unvereinbare Lager. Während die Anhänger die Erfolge der sanften Wirkung der potenzierten Arzneimittel feiern, stempeln die Kritiker diese als unwissenschaftlich ab: Weil Hochpotenzen chemisch keine Wirkstoffe mehr enthalten würden, seien die berichteten Heilerfolge Scheineffekte und zum Beispiel dem Prinzip «Glaube versetzt Berge» zuzuschreiben. Und so fordern wissenschaftlich orientierte Forscher und Ärzte bis heute Wirksamkeitsbeweise für die Homöopathie in Form randomisierter Doppelblindstudien. Bei diesem Prüfverfahren wissen weder Behandler noch Patienten, ob ein echtes Präparat oder ein Scheinmedikament verabreicht wird. Homöopathisch praktizierende Ärzte und Heilpraktiker hingegen meinen, dass diese Art von Studien als Beweis untauglich sei.

Universell einsetzbar

Die Homöopathie hat im Laufe der letzten 200 Jahre einen beeindruckenden Siegeszug um die Welt angetreten. Sie wird sowohl von Europäern, Indern, Nord- und Südamerikanern verwendet. Homöopathen verstehen ihre Heilweise als universell einsetzbar, also zur Behandlung jeder Erkrankung möglich. Doch in manchen Bereichen wie der Kinderheilkunde finden homöopathische Arzneien besonders hohe Akzeptanz. Denn Kinder scheinen besonders empfindlich auf die hoch verdünnten Heilungssignale anzusprechen.

Samuel Hahnemann (1755–1843) ist der Begründer der Homöopathie. Mit seiner Lehre kommt der Arzt und Apotheker auf die ursprüngliche Aufgabe von Ärzten zurück, nämlich Kranke zu heilen, ohne sie dabei zu schädigen: «Des Arztes höchster und einziger Beruf ist, kranke Menschen gesund zu machen, was man Heilen nennt» (§ 1 des Organons). Er versuchte dies durch Entwicklung von nebenwirkungsarmen Medikamenten und einer Methodik zu erreichen, die den Menschen als Ganzes behandelt. Durch die Homöopathie hat Hahnemann aber nicht nur eine Aussenseiter-Methode geschaffen, sondern viele Impulse für die sich entwickelnde naturwissenschaftliche Medizin gegeben. Dazu gehören die streng empirische Methodologie bei der Symptombeschreibung oder Charakterisierung von Arzneistoffen oder die Monotherapie (Behandlung mit einem Medikament, das nur eine Wirksubstanz enthält).

«Eine Behandlung beginnt mit einer homöopathischen Anamnese», erklärt Beatrice Soldat, Heilpraktikerin aus Teufen, «Ich versuche mit einer ausführlichen Befragung ein vollumfängliches Bild meines Gegenübers zu erhalten.» Die Anamnese um- und erfasse vor allem auch alle «auffallenden, sonderlichen, ungewöhnlichen und eigenheitlichen Zeichen», wie Hahnemann es ausgedrückt habe. Folglich spielen neben körperlichen Beschwerden und Veränderungen (Durchfall, Hautrötungen, Juckreiz usw.) individuelle Eigenarten im seelisch-geistigen (Weinerlichkeit) oder psychosozialen Bereich (Zurückgezogenheit) eine weitaus wichtigere Rolle als bei der Schulmedizin. Auch sogenannte Modalitäten, individuelle Beschwerde-Ausprägungen, können von Belang sein – beispielsweise Frieren im warmen Zimmer, aber nicht an der frischen Luft, Beschwerdeverschlimmerung nach Kontakt mit Menschen oder Verbesserung der Symptome bei stickiger Luft.

Keine Selbstbehandlung

Nach der Anamnese beginnt für den Homöopathen die Hauptarbeit. Dem Simile- Prinzip entsprechend muss er jetzt jenes Arzneimittel suchen, dessen Arzneimittelbild dem individuellen Gesamtbild eines Patienten am ehesten entspricht. Hierzu verwendet er vor allem Repertorien, umfangreiche Symptomverzeichnisse aus den Arzneimittelbildern wichtiger Wirkstoffe. Diese bestehen entweder als Bücher oder seit einigen Jahren in Form elektronischer Datenbanken. Immer aber spielt die individuelle Erfahrung des Therapeuten eine unverzichtbare Rolle beim Abgleich von Patientensymptomatik und Arzneimittelbildern. So müssen immer und immer wieder reale Krankheitsgeschichten mit erfahrenen Tutoren besprochen und eingeschätzt werden.

Aufgrund des gigantischen Aufwandes bei der Behandlung vor allem chronischer Kranker ist die klassische Homöopathie nicht zur Selbstbehandlung geeignet. Eine solche kann ganz im Gegenteil sogar erhebliche Risiken beinhalten, weil zum Beispiel notwendige medizinische Massnahmen zu spät eingeleitet oder Symptome dauerhaft verschlimmert werden könnten. Soldat behandelt wie die meisten klassischen Homöopathen eine Vielzahl alltäglicher Erkrankungen. Ausnahmen sind notfallmedizinische Indikationen wie Herzinfarkt oder schwere Verletzungen. Auch notwendige Operationen oder medizinisch sinnvolle Massnahmen wie zum Beispiel eine Gewichtsreduktion oder Sporttherapie sind durch Homöopathie nicht zu ersetzen.

Ein Fall für die Zusatzversicherung

Soldat empfiehlt Patienten, sich einen klassischen Homöopathen zu suchen, dessen Ausbildung und Praxis durch einen der homöopathischen Berufsverbände wie etwa dem Homöopathieverband Schweiz (HVS) überprüft wurde. Aber nicht nur die Qualitätskontrolle ist ihr wichtig, sondern auch der Hinweis, dass Patienten sich bei Fragen oder Kritik an den jeweiligen Berufsverband wenden können.

Gegenwärtig werden die Kosten für ärztliche wie nichtärztliche Homöopathie-Behandlungen von den Zusatzversicherungen für Alternativ- oder Komplementärmedizin übernommen. Die Krankenkassen erstatten je nach Versicherungsvertrag rund 70 bis 90 Prozent der Behandlungskosten zurück. Patienten, die keine Zusatzversicherung abgeschlossen haben, müssen die Kosten selbst übernehmen. Bei einem konkreten Behandlungsanliegen stellen Homöopathen gerne eine ungefähre Kostenübersicht zusammen.

Literatur
• Heidi Grollmann: «Klassische Homöopathie verstehen»,Groma-Verlag 2008, Fr. 19.–
• Robert Jütte: «Samuel Hahnemann – Begründer der Homöopathie», DeutscherTaschenbuch-Verlag 2007, Fr. 23.90
• Samuel Hahnemann: «Organon der Heilkunst», Marix-Verlag 2005, Fr. 18.60
• Christoph Trapp:«Homöopathie besser verstehen – Was sie ist, wie sie wirkt, wo sie hilft», Karl-Haug-Verlag 2003, Fr. 33.50
• Klaus-Henning Gypser: «Homöopathie – Grundlagen und Praxis», Beck C.H. Verlag 1998, Fr. 16.50

Fotos: zvg, fotolia.com

Tags (Stichworte):

Kategorie: Gesundheit

Lesen: Leben im Gleichgewicht

Die Polarity-Methode stärkt das Gleichgewicht von Körper, Geist und Seele und...

Kategorie:

Kategorie: Gesundheit

Sinnlich werden

Während vieler Jahrtausende erlebten sich die Menschen als Teil der Natur. Doch...