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Tradtionelle Tibetische Medizin

Kategorie: Gesundheit

Text:  Eva Rosenfelder

Traditionelle Tibetische Medizin (TTM) ist über 2000 Jahre alt – und aktueller denn je. Einblick in ein uns gar nicht so fremdes Heilsystem.

unsplash.com/bundo kim

Warum nur tun wir uns ein «stress-gepiesaktes» Leben an? Der Preis für den sogenannten Fortschritt – ein bisschen mehr Bequemlichkeit und immer noch mehr Technik – ist hoch. Stress bis hin zum Burn-out hinterlässt schmerzhafte Spuren an Körper und Seele, ja an der ganzen Gesellschaft und zerstört das eigentliche Menschsein. Doch wie finden wir aus der Sackgasse heraus? Wie können wir in dieser tosenden Welt zur Ruhe finden und Kraft schöpfen?

Viele traditionelle Heilmethoden lernen seit Jahrtausenden vom universellen Wissen der Natur. Ob Heilen mit Kräutern, Körperübungen oder feinstoffliche, energetische Heilimpulse – stets beruhen solche Methoden auf einer tiefen Verbundenheit von Körper, Geist, Seele und Umgebung. Welch ein Unterschied zur modernen, westlichen Medizin, die vorwiegend Symptome behandelt – und zwar häufig bei allen Menschen gleich, egal welcher Konstitution oder welchen Geschlechts und Alters sie sind. Heilmethoden der traditionellen Naturvölker – seien es Tibetische Medizin (TTM), Traditionelle Chinesische Medizin (TCM), Ayurveda oder Traditionelle Europäische Medizin (TEM) – hingegen stellen immer das Individuum in seinem Wesen und seiner Art zu sein ins Zentrum ihrer Betrachtung.

Älteste medizinische Wissenschaft
«Die tibetische Medizin ist bei uns im Gegensatz zum boomenden Ayurveda oder der weitherum geschätzten Akupunktur sehr wenig bekannt», bedauert Dönckie Emchi, tibetische Ärztin in 9. Generation (!) mit eigener Praxis in Zürich. «Und dies, obwohl gerade das tibetische Heilsystem mit seiner 3-Basis-Konstitutionslehre, den sieben Misch-Typen und der daraus entstandenen Drei-Säfte-Lehre der westlichen Kultur mit ihren griechischen Wissenszweigen ähnlich ist.»

Die Ursprünge der Tibetischen Medizin lassen sich bis ins Jahr 2000 v.Chr. zurückverfolgen, somit ist sie eine der ältesten medizinischen Wissenschaften der Welt. Die TTM ist eine wahre Schatztruhe an pflanzlichen Zubereitungen, die feinstoffliche Impulse setzen können. «Die Grundsätze dieser Heilmethode sind heute noch ebenso wahr und wichtig wie damals», betont Emchi: «Die moderne Welt will zwar den Fortschritt, der Mensch und sein Körpersystem aber ist immer noch gleich wie seit Anbeginn.» Und so habe die TTM auch heute viel zu bieten: Zentral bei dieser Heilmethode seien nämlich die direkten Auswirkungen der Emotionen auf unser Körpersystem – hoch aktuell für eine dauergestresste Gesellschaft.

Der Schlüssel zur Heilung
Dönckie Emchi arbeitet mittels Puls- und Zungendiagnose und Urin-Analyse. Dabei verlässt sie sich auf alle ihre fünf Sinne, die sie über viele Jahre entwickelt und geschult hat. Das Gesamtbild eines Menschen – Körperbau, Bewegung, Stimmung, Ausdruck der Sprache, Beschaffenheit der Haut und Haare, gewisse Merkmale der Augen usw. – geben ihr Hinweise, ob jemand sich in Gleich- oder Ungleichgewicht befindet.

«Zur TTM-Analyse gehört immer auch ein Gespräch über die Vorgeschichte des Betroffenen, sein aktuelles psychisches Befinden, Ess- und Lebensgewohnheiten, soziales Umfeld usw.» Das alles spiele eine wichtige Rolle bei ihrer Arbeit. «Wir haben eine ganz andere Sichtweise auf Krankheiten als Schulmediziner», erklärt Emchi: «Im Zentrum stehen nicht die Symptome und deren Bekämpfung. Vielmehr geht es darum, die Ursachen der Krankheit zu erkennen und ihnen auf den Grund zu gehen.» Gleichgewicht der Körperenergien Nach Auffassung der TTM wird jeder Mensch mit einer Grundkonstitution geboren, die sich aus den drei Körpersäften Lung (Wind), Tripa (Galle) und Beken (Schleim) zusammensetzt. Aus Sicht der TTM ist ein Mensch nur dann gesund, wenn diese drei Körperenergien in einem harmonischen Gleichgewicht sind. So führt z.B. ein Zuviel an Gallenenergie zu Infektionskrankheiten; psychosomatische Störungen können entstehen durch zu viel Wind, während ein Überfluss an Schleim Probleme mit dem Stoffwechsel verursachen kann.

5-Elemente-Lehre



Die Tibetische Medizin basiert auf der Lehre der fünf Elemente: Erde, Wasser, Feuer, Wind und Raum. Alle Erscheinungen der Existenz, ob im Mikrokosmos oder Makrokosmos, sind aus diesen fünf Elementen zusammengesetzt und stehen miteinander in Verbindung. Über die fünf Elemente steht auch der Mensch in Kontakt mit der Welt und dem ganzen beseelten Universum. Gleichzeitig bestimmten die Elemente die Eigenschaften des Geistes.

Bei den fünf Elementen handelt es sich um energetische Eigenschaften, die – in verdichtetem Zustand – die bereits vorhandenen Formen annehmen: So hat Wind die Eigenschaft von Bewegung. Feuer beinhaltet Hitze und Transformation. Erde vermittelt Festigkeit und Stabilität. Und Raum verkörpert den Ausgleich der anderen Elemente. Er ist verantwortlich für die Trennung, den Raum, zwischen den Dingen.

Die Elemente zeigen sich äusserlich und innerlich. Erde, Wind, Wasser, Luft, Atmosphäre usw. sind offensichtliche äussere Elemente. Diese wirken gemäss tibetischer Lehre aber auch in unserem Körper: So findet sich das Erdelement in unseren Muskeln und Knochen, das Wasser in den Körperflüssigkeiten. Das Feuerelement symbolisiert unsere Körpertemperatur, den Stoffwechsel und die chemischen Reaktionen. Die Luft, unseren Lebensatem und der Raum sorgt dafür, dass alles an seinem Platz bleibt. Diese fünf Elemente und deren Gleichgewicht verändert sich in einem 24-Std.-Rhythmus, was Einfluss hat auf die Qualität unseres Atems – und damit auf unser Wohlbefinden. So ermöglicht der Atem u. a. den Abstand zwischen den Zellen, die Hohlheit der Eingeweide usw.

Die 5 Elemente manifestieren sich im Menschen durch die drei dynamischen Prinzipien Lung (Wind), Tripa (Galle) und Beken (Schleim). Lung steht für das Bewegende, Tripa für das Wärmende und Beken widerspiegelt den stabilisierenden und kühlenden Aspekt im Organismus. Die drei Körpersäfte verbinden nahtlos die grobe, physische Ebene des Körpers und die subtile geistige Ebene miteinander.

Die Eigenschaften unseres Geistes bezeichnet man in der tibetischen Medizin als die «geheimen» Elemente: Es gibt 80 verschiedene Gefühle, die der Einfachheit halber in fünf Emotionen zusammengefasst werden: egoistischer Stolz, Anhaftung, Wut, Eifersucht, Unwissenheit. Diese Zustände werden durch «unreine» Zustände der fünf Elemente Erde, Wasser, Feuer, Wind und Raum verursacht.

Wenn diese gereinigt und ausbalanciert sind, werden die Emotionen immer reiner. Sie zeigen sich dann als Hingabe und innerer Frieden, Altruismus, Selbstlosigkeit, Geduld und Mitgefühl, Wertschätzung und Liebe, sowie Grosszügigkeit und Gelassenheit. Kurz: in einem gesunden Leben.

«Der Schlüssel aller Heilung ist im Geist zu finden.» Dönckie Emchi, tibetische Ärztin in 9. Generation

84 000 verschiedene Krankheitsbilder werden in der Tibetischen Medizin beschrieben. «Das therapeutische Ziel ist es, aus dem Gleichgewicht geratenen Körperenergien wieder ins Lot zu bringen», erklärt Emchi, was meist zuallererst Ernährungs- und Verhaltensänderungen bedinge. Erst in einem weiteren Schritt kommen Tee- und traditionelle Kräutermischungen, sowie äussere Anwendungen wie z. B. Massage, Moxibustion, Aderlass usw. zum Einsatz. Auch Körperübungen spielen eine bedeutende Rolle. Lange war die älteste tibetische Bewegungslehre Lu Jong geheim, doch heute werden die Yoga-ähnlichen Übungen auch von Therapeuten in der Schweiz eingesetzt zur Heilung von Körper und Geist, so auch von Dönckie Emchi. Sie sagt: «Bei der TTM gehen wir schrittweise von ‹feinen› zu ‹groben› Therapien über.»

Mehr als 2300 Rezepte aus Kräutern, Früchten, Wurzeln und Mineralien sind in der Tibetischen Medizin überliefert. «Leider sind in der Schweiz erst ein paar wenige tibetische Arzneimittel zugelassen», sagt Emchi. Um die Möglichkeiten meines Berufs voll ausschöpfen zu können, würde die tibetische Ärztin um die 50 Kräutermischungen benötigen. «Es bleibt zu hoffen, dass sich für diese über Jahrtausende am Menschen erprobte Medizin bald auch für die Schweiz bessere Zulassungsbedingungen ergeben.»

Disharmonische Geisteszustände
Damit die Körpersäfte ins Lot kommen, muss der Geist des beseelten Menschen in einem ausgeglichenen Zustand sein. Das hat direkten Einfluss auf unsere Gesundheit, was vielen Menschen nicht genug bewusst ist. Ein Leben permanent auf der Überholspur wird deshalb früher oder später gesundheitliche Folgen zeigen.

Ist zum Beispiel die Galle im Ungleichgewicht, erzeugt dies Wut. Tobt der Wind zu sehr in einem, bewirkt dies Anhaftung. Ist der Schleim in Kakophonie führt dies zu einem «verblendeten Geist». «Ein geistiges und emotionales Ungleichgewicht bewirkt ein körperliches Ungleichgewicht, was zu Krankheit führt», erklärt Dönckie Emchi. Gemäss tibetischer Medizin basieren also alle körperlichen Krankheiten auf dem Geist. «Krankheiten entstehen nicht nur durch falsche Ernährung und unpassende Lebensweise. Auch die drei ‹Geistesgifte› Anhaftung, Hass, Verblendung, bringen uns aus der Balance und verursachen Krankheit. Es sind sogar vor allem unsere geistigen Einstellungen, die uns krank machen. Deshalb ist der Schlüssel aller Heilung im Geist zu finden.»

Doch wie können wir uns gut und liebevoll um unseren Geist kümmern? Ganz einfach: Indem wir unser Leben entschleunigen. Mal wieder ein Buch lesen. Eine Blume betrachten. Indem wir bescheidener werden und uns von Ballast befreien, etwa indem wir den Keller oder Estrich aufräumen. Und indem wir zur Ruhe kommen. Spazieren. Meditieren. Oder Lu Jong ausüben. Wer es noch nicht kennt, kann es ja mal ausprobieren – und sich auf diese Weise der tibetischen Heilkunst öffnen.

«Das tibetische Heilsystem mit seiner Drei-Säfte- und Fünf-Elemente-Lehre ist der westlichen Kultur mit ihren griechischen Wissenszweigen ähnlich.» Dönckie Emchi

Bücher
Thomas Dunkenberger
«Das tibetische Heilbuch», Windpferd Verlag 2020, ca. Fr. 23.–

Franz Reichle
«Das Wissen vom Heilen. Die Geheimnisse der Tibetischen Medizin », AT Verlag 2012, ca. Fr. 28.–

Graham Coleman (Hg.)
«Das tibetische Totenbuch», Arkana 2008, ca. Fr. 44.-

● Links
www.tibetmedizin.org 
Website von Dönckie Emchi.

www.tulkulobsang.org 
Verein mit Sitz in Österreich, der sich der Förderung der Tibetischen Medizin und der Buddhistischen Philosophie widmet.

www.padma.ch 
Tibetische Arzneimittel aus der Schweiz.

Fotos: unsplash.com/bundo kim | zvg | getty-images.com

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