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Ayurveda

Kategorie: Gesundheit

Text:  Erik Brühlmann

Ayurveda ist das vielleicht älteste Medizinsystem der Welt. Die in Indien entstandenen Prinzipien und Therapien haben längst den Weg in die westliche Welt gefunden – und erfreuen sich auch bei uns grosser Beliebtheit.

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Die Hände der Frau, die in einem Sprechzimmer der Universitätsklinik in Varanasi sitzt, sind steif und verkrampft. Sie hat seit 25 Jahren rheumatische Arthritis. Schulmedizinische Massnahmen hätten zwar stets die Schmerzen eine Zeit lang gelindert, nicht aber die Beschwerden geheilt, erzählt sie dem Arzt. Deswegen will sie es jetzt mit einer ayurvedischen Behandlung im indischen Bundesstaat Uttar Pradesh versuchen. Diese wird zwei Wochen dauern und einige Massnahmen beinhalten, die für das europäische Verständnis gewöhnungsbedürftig sind – zum Beispiel eine umfassende Darm- und Zellreinigung. Diese sei die Grundvoraussetzung für eine Heilung, erklärt der behandelnde Arzt.

Die GEO-Reportage «Indien, heilendes Ayurveda» gibt einen faszinierenden Einblick in die Welt der ayurvedischen Medizin, die in Indien ein anerkanntes medizinisches Fachgebiet ist. Viele Universitäten im Land haben eigene Ayurveda-Abteilungen und bilden ganzheitliche Ayurveda-Mediziner aus: Ärzte, die ein Grundwissen an Schulmedizin mit den traditionellen ayurvedischen Heilmethoden verbinden.

5 Elemente, 3 Dosha
Diese Methoden haben ihre Wurzeln in der vedischen Hochkultur Altindiens. In der ayurvedischen Philosophie wird das Leben als ganzheitliche Einheit aus Geist, Körper und Seele betrachtet. Der Mensch ist das Ebenbild des Universums, beide bestehen aus den fünf Elementen Äther, Luft, Feuer, Wasser und Erde. Aus diesen Elementen gehen drei Regelsysteme hervor, die Dosha (siehe Box). Sie sind für die Steuerung sämtlicher Abläufe im menschlichen Körper verantwortlich.

Die Dosha sind bei jedem Menschen verschieden gewichtet, bilden jedoch gesamthaft ein Gleichgewicht. Ist dieses Gleichgewicht gestört, wird der Mensch krank. Die ayurvedische Medizin versucht, das Gleichgewicht der Dosha mit Jahrtausende alten Therapien und Mitteln wieder herzustellen. Mit welchen exakten Massnahmen hängt von der individuellen Gewichtung der Dosha ab.

Die drei Dosha



Vata ist die Kombination aus Raum und Luft. Dieses Dosha ist verantwortlich für jede Bewegung in und mit unserem Körper, also zum Beispiel den Herzschlag, aber auch das Gehen, Atmen, Sprechen oder Denken. Ist Vata zu wenig vertreten, erkranken die Nerven, was zu Nervenschwäche oder Alzheimer führen kann.

Pita ist die Kombination aus Feuer und Wasser. Sie ist der Wärmehaushalt des Körpers und zuständig für den Stoffwechsel und den Verdauungsprozess. Auf psychischer Ebene steht sie für Temperament und starke Emotionen. Typische Erkrankungen bei Pita-Mangel sind Magen-Darm-Probleme.

Kapha ist die Kombination aus Wasser und Erde. Kapha ist zuständig für die Struktur, Form und Stabilität des Körpers, für seine geistige und körperliche Stärke. Dazu gehören zum Beispiel die Knochen, Haare und Nägel, aber auch die geistige Ausdauer sowie das Immunsystem. Ein schwaches Kapha führt zu Muskelschäden und Osteoporose.

Zwar ist Ayurveda – analog der traditionellen chinesischen Medizin (TCM) – von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als «traditionelles Medizinsystem» anerkannt. Dennoch zweifelt so mancher Schulmediziner das System an; nicht zuletzt deshalb, weil es sich über die Jahrtausende einen kultischen Charakter bewahrt hat und mit Methoden arbeitet, deren Wirksamkeit mit wissenschaftlichen Mitteln kaum zu verifizieren oder widerlegen sind. So beschreibt in der GEO-Reportage ein Vaidya, ein Ayurveda-Mediziner oder -Heiler, die Pulsdiagnose mit drei Fingern so: «Wenn du im Zeigefinger einen starken Puls fühlst, verweist das auf Probleme mit dem Blutdruck, dem Nervensystem und dem Schlaf. Wenn du etwas im Mittelfinger spürst, zeigt dir das Probleme bei der Verdauung und beim Stoffwechsel an. Der Ringfinger analysiert die Organe, erspürt Krämpfe und Probleme des Immunsystems.»

Darmreinigung mit Kuh-Urin
Ebenso schwer nachzuvollziehen sind für schulmedizinisch sozialisierte Menschen gewisse ayurvedische Heilmassnahmen. So kann einem Diabetiker vorgeschlagen werden, zur Vorbereitung auf die Therapie mehrere Tage lang flüssiges Ghee zu trinken – ein geklärtes Butterfett, das in der Schweiz vor allem zum Kochen verwendet wird. Ghee gilt in der Ayurveda-Medizin als Reinigungsmittel für die Körperzellen.

Die eingangs erwähnte Rheumapatientin erhält einen Einlauf mit einer Tinktur, die unter anderem Kuh-Urin erhält. Die Prozedur soll den Darm gründlich reinigen. Die Zürcher Ayurveda-Medizinerin Silvia Müller ist auch wegen solcher Methoden äusserst vorsichtig damit, Patienten zur Therapie nach Indien zu schicken. «So gut die Ärzte dort sind, viele haben keine Erfahrungen mit westlichen Menschen», erklärt sie. «Die braucht es aber, denn wir haben ganz andere Konstitutionen als die Menschen in Indien.» Auch das Lebensumfeld gehört eben zur ganzheitlichen Betrachtung eines Patienten und kann einen Einfluss auf dessen Behandlung haben.

Professionelle Ausbildung
Hans Rhyner, Ayurveda-Mediziner und Präsident des Verbands Schweizer Ayurveda-Mediziner und -Therapeuten (VSAMT), mahnt zur Objektivität. «Kuh-Urin mag auf den ersten Blick abstossend wirken», sagt er. «Aber in jeder Handcreme, die wir benutzen, steckt Urea, Harnstoff.» Ayurveda-Praktizierende seien keine Quacksalber, sondern hätten eine streng regulierte Ausbildung hinter sich, betont er. Naturheilpraktiker für Ayurveda durchlaufen bis zum eidgenössischen Diplom eine vier- bis sechsjährige Ausbildung. Komplementärtherapeutinnen für Ayurveda erhalten nach drei bis vier Jahren ihr eidgenössisches Diplom. Im Bereich Prävention gebe es, so Rhyner, zwar noch keine anerkannten Berufsbilder. «Doch Fachpersonen wie Ernährungs- und Lifestyle-Beraterinnen, Masseure und Köchinnen werden ebenfalls nach strengen Regeln ausgebildet.» Und sie seien im ayurvedischen Konzept ebenso wichtig wie unterschätzt. Denn während Mediziner und Therapeuten mit Gesunden und Kranken arbeiten, konzentrieren sich die präventiv Arbeitenden darauf, dass Menschen gar nicht erst krank werden: «‹Investiere in die Gesundheit, dann wirst du gar nicht erst krank und arm›, lautet die Ayurveda-Devise», sagt Rhyner. Und: «Der individuelle und gesellschaftliche Nutzen ist bei der Präventionsarbeit am grössten.»

Gefragt: Monika Lichtsteiner-Leimgruber*

«Die Klienten müssen mitziehen»

Komplementärtherapeutin Monika Lichtsteiner-Leimgruber erklärt, wie Schulmedizin und Ayurveda-Therapie Hand in Hand gehen und wieso sie im Zuge der Pandemie vermehrt Ernährungsberatungen durchführt.

Sie bieten vorwiegend Massagen und Beratungen an – also ein Wellnessangebot?
Monika Lichtsteiner-Leimgruber: Nein, ich biete ausschliesslich Therapien an. Menschen kommen mit Beschwerden, Erkrankungen oder Leistungsbeeinträchtigungen zu mir und mit dem Wunsch nach Unterstützung in Veränderungsprozessen. Sie buchen nicht wie in einem Wellness-Hotel eine einzelne Massage.

Wer sind Ihre Kundinnen und Kunden?
Fast alle sind aufgrund von Beschwerden bereits in schulmedizinischer Behandlung und suchen eine komplementärtherapeutische Ergänzung. Alle Altersgruppen und beide Geschlechter sind vertreten. Mein ältester Klient ist über 80, mein jüngster noch keine 15 Jahre alt.

Stehen Sie mit deren Hausärzten in Kontakt?
Ich arbeite mit Schulmedizinern, Psychologinnen und anderen Alternativmedizinern und Komplementärtherapeuten zusammen. Allerdings gilt auch für mich die therapeutische Schweigepflicht. Der Kontakt läuft deshalb meistens indirekt über die Klienten. Ist ein direkter Austausch nötig, müssen die Klienten ihr schriftliches Einverständnis geben.

Wie gehen Sie bei Ihrer Arbeit vor?
Ich erstelle zuerst eine Anamnese. Zusammen mit den Klienten formulieren wir dann einen Therapieplan und die Therapieziele. Es ist wichtig, dass die Patienten mitarbeiten, um mit in die Verantwortung für den Therapieerfolg genommen zu werden. Nach einigen Behandlungen nehmen wir eine Standortbestimmung vor, stellen fest, welche Veränderungen die Therapie bewirkt hat und wie und ob sie fortgesetzt werden soll. Man rechnet in der Regel mit mindestens acht Behandlungen.

Müssen Sie wissen, welche schulmedizinischen Befunde bereits vorliegen?
Das gehört dazu – wir haben die schulmedizinischen Grundlagen in der Ausbildung ja auch erhalten und wissen Befunde einzuordnen. Ich greife deshalb auch nie in laufende Behandlungen oder Therapien ein. Zudem muss ich wissen, welche Medikamente eingenommen werden, damit ich geeignete ayurvedische Produkte verwenden kann.

Also greifen Schulmedizin und Ayurveda ineinander?
Ich sage es ganz deutlich: Ich bin ein grosser Fan der Schulmedizin! Ohne deren Verdienste wäre der Mensch nicht da, wo er heute ist. Ayurveda-Therapien ergänzen die Schulmedizin, aber sie wollen sie nicht ersetzen.

Hat sich die Covid-19-Pandemie auf Ihre Arbeit ausgewirkt?
Die psychischen Belastungen und das Bedürfnis nach Berührung haben spürbar zugenommen. Weiter war der Wunsch nach Ernährungsberatungen noch nie so hoch wie jetzt. Offenbar wissen die Menschen den Wert gesunder Ernährung wieder mehr zu schätzen. Zum ersten Mal in meiner zwölfjährigen Berufserfahrung war auch ein Mann dabei!



* Monika Lichtsteiner-Leimgruber
ist eidgenössisch diplomierte Komplementärtherapeutin Methode Ayurveda-Therapie. In ihrer Praxis in Windisch (AG) bietet sie ayurvedische Therapien an.

«Ich bin ein grosser Fan der Schulmedizin! Ohne deren Verdienste wäre der Mensch nicht da, wo er heute ist.»

Die Grenzen anerkennen
Dass Ayurveda-Medizin ihre Grenzen hat, versteht sich, gilt das doch für alle medizinischen Systeme. «Jedes System hat seine Stärken und Schwächen», sagt Ayurveda-Medizinerin Silvia Müller. «Hat zum Beispiel jemand einen Notfall, schicke ich ihn sofort zum Schulmediziner. Bei chronischen Krankheiten, wenn es um Schmerztherapien oder Nervenschäden geht, ist hingegen Ayurveda sehr stark.» Hier ergänzten sich Schulmedizin und Ayurveda sehr gut.

Ähnlich sieht es VSAMT-Präsident Hans Rhyner: «Ayurveda-Medizinerinnen und -Therapeuten wissen genau, wo ihre Grenzen sind und wann Rücksprache mit einem Facharzt angezeigt ist oder ein Notfall besteht. Sehr oft überzeugen wir Patienten, die partout zu keinem Schulmediziner gehen wollen, dies mit unserer Unterstützung doch zu tun. Kürzlich konnte ich zum Beispiel eine Patientin nach mehreren Anläufen davon überzeugen, ihren Brusttumor entfernen zu lassen. Wir als Ayurveda-Fachleute haben keinerlei Berührungsängste mit der modernen Medizin.» Umgekehrt sei dies eher der Fall. Doch immerhin hat die Versicherungsbranche die Skepsis gegenüber Ayurveda weitgehend abgelegt: Über Zusatzversicherungen werden Behandlungskosten oft übernommen. «Allerdings sind die Vertragsbedingungen nicht einheitlich», sagt Hans Rhyner und rät, vor einer Behandlung beim jeweiligen Versicherer nachzufragen.

Elementenlehre und Heilpflanzen
Ein wichtiger Bestandteil von Ayurveda sind Heilpflanzen und die daraus hergestellten Salben, Öle und Pulver. «Die Elementenlehre von Ayurveda und die Grundlagen der Traditionellen Europäischen Naturheilkunde TEN – die Humoraltherapie – haben durchaus Gemeinsamkeiten», sagt Hans Rhyner. «Zudem sehen wir in der Kräuterheilkunde grosse Parallelen. Praktisch alle Heilpflanzen der TEN sind auch in der indischen Materia Medica zu finden.»

Immer umfangreicher wird auch das Sortiment an Produkten, die Ayurveda-Interessierte als Teil eines gesunden Lebenswandels oder zur Vorbeugung und Stärkung nutzen können. Von Tees über Gewürze bis hin zu Nahrungsergänzungsmitteln und Massageölen bleibt kaum ein Wunsch offen. «Der Trend für ayurvedische Produkte ist in den letzten Jahren ganz deutlich spürbar», sagt Andrea Guebey, Leiterin Marketing und Projekte bei AyurVeda. «Als wir 1986 begannen, vertrieben wir in einem kleinen Laden fünf Ayurveda-Produkte. Heute verfügen wir über ein Sortiment von fast Tausend Produkten.»

Ebenfalls im Trend ist Ayurveda im Wellness-Bereich. Kaum ein Resort oder Wellness-Hotel, das nicht in irgendeiner Form Ayurveda-Behandlungen anbietet, zumeist in Form von Massagen und Beratungen. «Jedes seriöse Wellness-Angebot mit gut geschulten Mitarbeitenden verbessert die Immunität und damit die Gesundheit», sagt Hans Rhyner. Für die Seriosität bürgen unter anderem das Qualitätslabel EMR, die Krankenversicherer und VSAMT. «Auch solche Angebote können ein Einstieg in eine gesündere Lebensweise sein.» Und diese ist nicht nur in der Philosophie des Ayurveda die Grundlage der Gesundheit.

Ayurveda mit Tradition

Schon seit über 30 Jahren bietet die AyurVeda AG Produkte von Räucherwaren über Tees bis zu Nahrungsergänzungsmitteln an. Hauseigene Ayurveda-Expertinnen stehen regelmässig für persönliche Konsultationen zur Verfügung, Kurse und Seminare behandeln einzelne Themen vertieft. Unter www.veda.ch können Interessierte auch einen Dosha-Test machen.

Photos: getty-images.com | ZVG

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