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Die Kraft der Gedanken

Kategorie: Gesundheit

Text:  Eva Rosenfelder

Gedanken beeinflussen nicht nur unser Gefühlsleben, sondern auch die physiologischen Abläufe in unserem Körper. Sie bewusst wahrzunehmen und in eine gute Richtung zu lenken, kann Heilendes bewirken.

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Unser Gehirn: eine Knetmasse? Was für eine Vorstellung! Eine tägliche Einladung also zum Wandeln und Verwandeln, zum Neuerfinden unserer Lebensgeschichte? Vielleicht. Die moderne Neurowissenschaft zumindest interessiert sich immer mehr für die erstaunliche Plastizität unseres Gehirns, und bezeichnet die ehrwürdige graue Eminenz tatsächlich als «Knetmasse». Eine allerdings, die unsäglich viel – oder etwa alles? – in unserem Leben bestimmt, und dabei stets formbar bleibt wie Plastilin. Bis ins hohe Alter sei unser Gehirn in der Lage, neue Nervenzellen zu produzieren und zwischen diesen neue Verbindungen herzustellen.

Nicht nur unser Hirn, unsere gesamte Körpersubstanz erneuert sich alle sieben Jahre komplett. Und trotz dieser wunderbaren Wandlungsfähigkeit unseres Organismus: Wie formbar ist denn unser Ich, das sich so gerne krampfhaft an seine gewohnten Muster krallt und sie mit der Gebetsmühle oder fast schon suchtartig in immer subtileren Varianten wiederholt? Dieses wenig kreative Ego schreckt gemeinhin nicht einmal davor zurück, wenn die Gewohnheitsmuster krank machen – was je nachdem geschickt ins Unbewusste verdrängt wird. So ziehen wir mit schlafwandlerischer Sicherheit diese Muster selbst im Aussen an – geben sie uns doch immerhin eine gewisse Sicherheit in dieser mehr als unsicheren Welt –, egal wie schädlich und ausgeleiert sie sein mögen.

Die Macht der Gedanken
Buddha soll gesagt haben: «Wir sind, was wir denken. Alles, was wir sind, entsteht aus unseren Gedanken. Mit unseren Gedanken formen wir die Welt.» Später glaubten die Menschen mehr an das Substanzielle. Deshalb verkaufte um 1900 der französische Apotheker Emil Coué seine Arzneien mit der hochtrabenden Werbung: «Mit diesem Medikament werden Sie sicher ganz schnell gesund!» Und was stellte er fest? Dass das Medikament so besser wirkt, als wenn er nichts darüber sagte. Bereits der griechische Philosoph Platon (427–347 v. Chr.) beschrieb das Phänomen in seinen philosophischen Dialogen: «Dieses Blatt muss mit einem Zauber verbunden verabreicht werden. Wiederholt der Patient den Zauber bei der Einnahme, wird er geheilt. Ohne Zauberspruch hat die Medizin keine Wirkung.» Heute ist das Phänomen unter dem Namen Placeboeffekt bekannt – ein Paradebeispiel für die Kraft unserer Gedanken.

Joseph Murphy, der als Urvater des positiven Denkens bezeichnet wird, nahm solche Ideen auf. Sein Weltbestseller «Die Macht ihres Unterbewusstseins» vermittelte einfach anwendbare Patentrezepte, wie das Unterbewusstsein bis zu einem gewissen Grad programmierbar ist, und versprach Gesundheit, Reichtum und Glück.

Dass sich in der materiellen Welt verwirklicht, was wir visualisieren, propagierten auch Rhonda Byrnes («The Secret»), Bärbel Mohr («Bestellungen beim Universum») oder, etwas wissenschaftlicher gefärbt, Joe Dispenza («Du bist das Placebo»).

Wir haben die Wahl
Ganz einfach also: Wer fest genug daran glaubt, dass er sein Problem lösen, seine Krankheit heilen oder im nächsten Lotto die Million gewinnen kann, und dabei das Gefühl so intensiv erlebt, als sei das Gewünschte bereits Realität, wird seine Vorstellung bald auch in der Wirklichkeit erleben. Oder etwa nicht? Nun, die Menschen altern und siechen vor sich hin, leiden an Burn-out, Depressionen, Corona, Haarausfall und zu wenig Liebe. Und wo nur sind all die Lottogewinner? Offensichtlich ist es doch nicht ganz so einfach mit dem Visualisieren respektive mit der «Gedankenmedizin». Da kommt mir das Buch «Gedanken als Medizin» von Marcus Täuber (siehe Buchtipps) gerade recht, was immerhin meine Bereitschaft beweist, die Thematik weiterzuverfolgen und meine eigenen Muster zu «sezieren». Dabei plagt mich die grundsätzliche Frage: Wie weit lässt sich Neuroplastizität tatsächlich selbst steuern? Beisst sich hier nicht die Katze in den Schwanz? Kopf und Körper sind schliesslich aufs Engste miteinander verwoben. Wer oder was steuert hier wen? Die Frage ist nicht so leicht zu beantworten. Was wir aber mit Gewissheit wissen: Was wir denken, wirkt sich auf Immunabwehr, Entzündungsreaktionen, Hormonhaushalt und Muskelspannung aus. Dauerhafte Angstzustände zum Beispiel sind etwas vom Schlimmsten für die Körperabwehr. Zudem sinken Gedanken in unser Unbewusstes und wirken im Unterbewusstsein.

Das ist an sich so neu nicht: Längst kennt man dies aus der Psychosomatik. Doch in der Neurologie, der Wissenschaft und Lehre vom Nervensystem, seinen Erkrankungen und deren medizinischer Behandlung, geht man einen Schritt weiter: Der Inhalt unserer Gedanken, so Marcus Täuber, kann nicht nur Gefühle bezüglich Entspannung oder Stress beeinflussen, sondern er kann unseren Körper physiologisch verändern – und somit auch unseren Gesundheitszustand. «Das bedeutet, dass wir unsere Gedanken gezielt einsetzen können – zur Heilung psychischer Störungen, aber auch bei chronischen Erkrankungen wie Schmerzen, Allergien, Rückenschmerzen, Migräne, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder gar Krebs.» Folgende Erkenntnis aus der Hirnforschung ist für Täuber eine echte Sensation: «Wir können Selbstheilung zwar nicht erzwingen, aber wir sind es, die den Rahmen schaffen, in dem unser Gehirn den Körper so gut wie möglich bei der Selbstheilung unterstützt.» Dafür sei es nötig, den eigenen Körper besser zu verstehen, feinfühliger zu werden für seine Signale und ihn entsprechend immer wieder zu stärken. Auch wenn sich viele Abläufe im Alltag gänzlich unbewusst vollziehen: Unsere Aufmerksamkeit können wir willentlich lenken. Wir haben also die freie Wahl, auf welche Gedanken wir fokussieren und welche inneren Bilder wir auf uns wirken lassen.

Die Angst weist den Weg
Dabei geht es nicht wie bei Apotheker Coué darum, nur noch an Positives zu denken und alles Negative zu verdrängen (weg, weg, weg damit!). Vielmehr gilt es, sich der Angst, dem Schmerz oder dem Trauma zu stellen und dabei neu zu lernen, diese Situation auszuhalten.

Nur so kann sich gemäss Marcus Täuber die Amygdala beruhigen, jene mandelförmige Gruppe von Neuronen im medialen Teil des Temporallappens des Gehirns, die eine zentrale Rolle bei der Verarbeitung und Speicherung von Emotionen, vor allem von Angst, spielt. Oft, so Täuber, entspringe die Neigung zur mangelhaften Stressberuhigung frühkindlicher Prägung, die uns dauernd in den Überlebensmodus kippen liessen und immer wieder den Angstschalter anklickten. Der Körper werde überschwemmt mit dem Stresshormon Cortisol, gegen das wir mit der Zeit Toleranzen entwickeln. So stumpfe der körpereigene Entzündungshemmer ab und es könnten sich wahre Flächenbrände entwickeln.

Die Amygdala ist es auch, die den Hypothalamus aktiviert, unsere Hormonfabrik und Steuerzentrale des vegetativen Nervensystems. Über die Hirnanhangdrüse (Hypophyse) und Nervenimpulse werden dann in der Nebenniere Adrenalin und Noradrenalin produziert und in den Blutkreislauf abgegeben. Das hindert uns u. a. daran, uns zu erholen und zu regenerieren. In der Folge gerät auch das Immunsystem aus dem Gleichgewicht und wir werden zunehmend anfälliger für Infektionen und Autoimmunkrankheiten. Wenn die Amygdala aber lernt, dass bei der vermeintlichen Gefahr nichts passiert, stumpft die angelernte Überreaktion ab – und wir verlieren Schritt für Schritt die Angst.

Gedanken als Medizin in drei Schritten



1. Kontrastieren
● Fünf Momente aufschreiben, in denen man glücklich war.
● Dann für eine Minute die Bilder/Erinnerung an etwas Negatives heraufholen.
● Einen der fünf positiven Momente auswählen und für eine Minute in dieses Erlebnis respektive das Gefühl daran eintauchen.
● Abwechselnd in das negative und dann wieder in eines der fünf positiven Erlebnisse gehen.
● Das Denken an das negative Erlebnis jedes Mal um zehn Sekunden verkürzen, bei den positiven Erlebnissen jedes Mal zehn Sekunden länger verweilen – so lange, bis schliesslich nur noch das positive Erlebnis übrig bleibt.

2. Trainieren
Üben, anders über sich selbst und die Welt zu denken, positive Gefühle pflegen und entsprechend anders agieren. Hier sind dauerhaftes Training und immer wieder auch Gedankenhygiene angesagt. Möglichkeiten:
● Innere heilende Bilder visualisieren.
● Meditation, Achtsamkeitsübungen.
● Heilende Worte sprechen, Mantras chanten.

3. Entspannen
Ausgleich und Entspannung für den Körper bewusst und regelmässig fördern, damit sich Blockaden in Muskeln, Faszien und Sehnen lösen und sich Mimik und Körpersprache positiv ausrichten und stabilisieren können. Tiefe Entspannung kann nicht nur Stress abfedern, sondern sogar Schäden reparieren. Sie kann Körper und Geist erfassen, bringt Immunsystem und Hormonhaushalt wieder in Balance, z.B. so:
● Atmung kontrollieren: Doppelt so lange ausatmen wie einatmen – das aktiviert den Parasympathikus und wirkt entspannend.
● Glatte Muskulatur entspannen: Wahre Entspannung erfahren wir über die sogenannte glatte Muskulatur. Und so gehts: Sich da, wo Schmerz oder körperliche Beschwerden sitzen, eine heilende Farbe vorstellen – das löst die Anspannung der glatten Muskulatur.

Erfahrungen neutralisieren
Es gibt einen einfachen Grund, warum wir unsere Erinnerungen nicht einfach verdrängen sollten: Tauchen wir in alte Traumata ein, werden die entsprechenden Nervenzellen aktiv. Erst dann sind sie so richtig neuroplastisch und somit offen für Veränderungen und Neuverdrahtungen. Bingo!

Kontrastierung, also Gegenüberstellung, heisst das neurologische Zauberwort, das uns eine konkrete Handhabung schenkt: Ich denke an etwas für mich Negatives, Corona zum Beispiel, dieses noch immer allgegenwärtige Gespenst, und was es anrichten könnte. So aktiviere ich die eingespielten Nervennetze der Sorge und Ängste um mich und um andere, und schon beginnen verlässlich starkes Herzklopfen und innere Angst- und Panikfilme abzulaufen. Man könnte stattdessen auch an ein altes Trauma denken, das uns bis heute belastet. Dieser negativen Empfindung setzt man dann etwas Anderes, Neutrales oder besser noch Angenehmes, entgegen: So tauche ich gedanklich in einen frischen, klaren Bergsee und atme den Arvenduft der Bäume, fühle Freiheit und inneren Frieden. Dadurch können sich die Nervennetze, die mit Traumata oder anderen schrecklichen Erinnerungen zusammenhängen, neu formen. Dies übe ich, wann immer mich mein Trauma behindert oder ich neue Corona-Schreckensmeldungen vernehme. Tatsächlich haben sich bei mir die Panikgefühle so gemildert. «Der Kontrast wird mit solchen Übungen integriert und ein Teil des Ganzen – durch Neuroplastizität», erklärt Täuber (siehe oben).

Dasselbe passiert aber auch ohne aktives Dazutun, zumindest wenn man bereit ist, Erlebnisse neu zu bewerten, die Dinge in einem anderen Licht zu sehen und zu schauen, was man daraus lernen kann. «Durch das Kontrastieren werden die Nervennetze gelockert, es entsteht Raum für neue Ressourcen – sprich, neue Gedanken, die so ins Langzeitgedächtnis verlagert werden», schreibt Täuber. «Die Vergangenheit wird dabei nicht gelöscht, sie ist ja auch Teil unserer Erfahrung und Persönlichkeit. Vielmehr geht es darum, negative und damit hinderliche Emotionen aus Erfahrungen zu lösen: Erfahrungen minus negative Energie gleich Weisheit.» Wenn sich das Gefühl von Ohnmacht, Opferdenken und Ausweglosigkeit auflösen kann, ist man ermächtigt, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen. Das stärkt Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl, was sich nachhaltig positiv auf jeden Heilungsprozess auswirkt.

Alles ist miteinander verwoben
Wichtig dabei ist, dass, genau wie in der äusseren Natur, alles zusammen verwoben ist: Die Psyche braucht den Körper, so wie auch der Körper die Psyche, sonst gibt es keine Gesundung. Denn Körper und Geist sind eine Einheit. Der Körper wird von den Basalganglien, vom Kleinhirn und vom vegetativen Nervensystem gesteuert; positive Signale gelangen bis in den kleinen Zeh, in alle Muskeln, in jedes Organ. Auslösen können wir dies mittels Entspannungsübungen, allerdings nicht dauerhaft, zumindest nicht ohne weiteres mentales und körperliches Training. Entspannung aber ist grundlegend, denn sie kann nicht nur den Stress abfedern, sondern sogar Schäden reparieren. Tiefe Entspannung kann Körper und Geist erfassen und bringt Immunsystem und Hormonhaushalt wieder in Balance, verbunden mit dem guten Gefühl von: «Ich habe das Recht, zu sein, wer ich bin, wo ich bin und wie ich bin.»

Dass dabei gerade die Meditation eine besonders starke Wirkung entfaltet, mag Praktizierende erfreuen. Die Öffnung für ein grosses Ganzes, einen geistigen Raum, vermittelt eben ein starkes Gefühl von Vertrauen, Getragen-Sein und Sinn. Wo alles seinen Platz findet und sich stetig wandeln darf, entsteht Stille und Vertrauen. Dabei werden auch die sozialen Areale im Gehirn aktiviert, Gamma-Wellen können fliessen und ermöglichen unserer grauen Masse, sich in ihrem noch längst nicht ausgeschöpften Potenzial weiter und immer weiter zu entfalten. Es ist ein herausforderndes und spannendes Experiment bis ans Ende unseres Lebens, bei dem ich gerne mitspiele.

Buchtipps

Marcus Täuber «Gedanken als Medizin. Wie Sie mit den Erkenntnissen der Hirnforschung die mentale Selbstheilung aktivieren», Goldegg Verlag 2020, ca. Fr. 27.–

Trutz E. Podschun «Psychizin. Die neue Einheit von Körper und Geist», Tetcum Sachbuch 2019, ca. Fr. 39.–

Fotos: mauritius-images.com | iStock.com

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