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Nahtod

Kategorie: Gesundheit

Text:  Andreas Walker

Viele Menschen berichten von Nahtoderfahrungen. Für die Betroffenen sind es Blicke ins Jenseits, für die Wissenschaftler neurologische Gewitter im Gehirn. Eine entscheidende Frage bleibt offen: Wann sind wir wirklich tot?

@ Lina Hodel

Oft geschieht es bei einer schweren Operation oder nach einem Unfall: Der Mensch sieht sich plötzlich von aussen, sieht seinen leblosen Körper, und realisiert, dass er «tot» ist. Manche von ihnen passieren dabei einen Tunnel und gelangen zu einem Lichtwesen, das eine unendliche Liebe ausstrahlt. Der holländische Maler Hieronimus Bosch (1450–1516) hat eine solche Szene im Bild «Der Aufstieg in das himmlische Paradies» eindrücklich dargestellt: Menschen gehen durch einen Tunnel dem Licht entgegen.

Ein Drittel der Betroffenen sieht während der Nahtoderfahrung das ganze Leben in einer Art Bilder-Panorama mit verschiedensten Situationen. Sie berichten davon, dass sie dabei starke Gefühle erlebten, die mit ihren damaligen Handlungen verbunden waren. Gleichzeitig konnten sie wahrnehmen, wie das Gegenüber diese Handlungen empfunden hatte. Einige Betroffene können auch einen Blick in die Zukunft werfen. Manchmal teilt das Lichtwesen den Betroffenen mit, dass ihre Zeit noch nicht gekommen ist; oder sie kehren infolge Wiederbelebungsmassnahmen wieder in ihren physischen Körper zurück. Diese Rückkehr geschieht meistens sehr schnell und ist oft verbunden mit den starken Schmerzen der erlittenen Verletzungen. Es ist deshalb kaum verwunderlich, dass viele Menschen zunächst nicht glücklich sind, wieder in ihrem physischen Körper zurückzukehren.

«Nahtoderfahrungen treten unabhängig von der Weltanschauung in fast allen Kulturen auf.»

Das wichtigste Merkmal der Nahtoderfahrung ist aber weder der Tunnel noch das Licht an seinem Ende, sondern die Wahrnehmung eines bewussten Seins ohne physischen Körper. Viele dieser Erfahrungen sind von Liebe, Frieden, Geborgenheit und Schmerzlosigkeit geprägt, in einigen Fällen jedoch auch von Angst und Bedrängnis. Oft berichten die Betroffenen auch von Begegnungen mit fremdartigen Wesen und verstorbenen Angehörigen, die mit ihnen kommunizierten. Offenbar treten Nahtoderfahrungen unabhängig von der Weltanschauung in fast allen Kulturen der Menschheit auf. .

Stirbt mit dem Gehirn auch der Geist?
Für Menschen, die ein Nahtoderlebnis hatten, ist diese Erfahrung sehr real. Der amerikanische Psychiater und Philosoph Raymond A. Moody beschäftigte sich bereits in den 70er-Jahren mit Nahtoderfahrungen. Seine ersten Untersuchungsergebnisse über 150 derartige Fälle veröffentlichte er 1975 unter dem Titel «Life After Life» (deutsche Version: «Leben nach dem Tod»). Schon zu dieser Zeit wurde Moody mit der Tatsache konfrontiert, dass die meisten Menschen mit Nahtoderfahrungen aufgehört hatten, über ihre Erlebnisse zu sprechen – weil man sie gemeinhin für verrückt hielt. Das Schweigen über ihre Erlebnisse – oft für Jahrzehnte – war und ist für die Betroffenen oft belastend.

Für die Wissenschaftler ist klar: Wenn das Gehirn nicht mehr funktioniert, dann erlöscht auch unser Geist. Nahtoderfahrungen werden somit auch dementsprechend klassifiziert: Als neurologisches Gewitter im Gehirn, das schöne Bilder produziert und dem Sterbenden einen angenehmen Übergang zum Tod bereitet. Diese Annahme basiert auf Experimenten mit Ratten, die zeigen, dass etwa zehn Sekunden nach dem Herzstillstand die Intensität einiger Gamma-Wellen im Gehirn plötzlich stark ansteigen. Einige Hirnsignale waren in dieser Nahtodphase sogar aktiver als im wachen Zustand. Erst nach diesem Aktivitätsschub ebbten dann die Hirnströme endgültig ab und hörten schliesslich ganz auf. Ob allerdings das Gehirn nach einem Herzstillstand überhaupt noch dazu fähig ist, bewusste Sinneseindrücke zu erzeugen, darüber sind sich die Forscher nicht einig.

Für viele Menschen gelten Nahtoderfahrungen als Beweis für eine andere, höhere Realität. Die Wissenschaft indes kann weder die eine noch die andere Theorie wirklich beweisen. Trotzdem – oder vielleicht gerade deswegen – werden Nahtoderfahrungen wissenschaftlich untersucht.

Ausserkörperliche Erfahrungen
Sam Parnia vom Stony Brook Medical Center in New York startete 2008 eine gross angelegte Studie, an der 2060 Patienten in fünf Krankenhäusern in Grossbritannien, Österreich und den USA teilnahmen. Für diese AWARE (AWAreness during REsuscitation) genannte Studie präparierten die Forscher mehrere Räume in den Kliniken, indem sie verschiedene Bilder auf Wandregale legten, sodass sie nur von oben erkennbar waren. Wenn ein Mensch also ein Ausserkörperliches Erlebnis hätte und von oben seinen Körper sehen würde, müsste er auch diese Bilder sehen können. Von den 330 Patienten, die einen Herzstillstand erlitten und überlebten, wurden 140 kurz danach von den Forschern befragt. 55 Patienten sagten, dass sie sich an Erlebnisse und Gedanken erinnern können, die sich während der Zeit ihres Herzstillstands und ihrer Wiederbelebung ereigneten. Knapp die Hälfte dieser Patienten beschrieb Gefühle des Friedens und ihrer scheinbar geschärften Sinne.

Nach näherer Befragung blieben schliesslich nur neun Patienten übrig, deren Berichte auf echte Nahtoderfahrungen hinwiesen – wie etwa das Gefühl, sich ausserhalb des Körpers zu befinden. Ausgerechnet die Patienten, die endlich Klarheit hätten schaffen können, mussten jedoch ausserhalb der Räume reanimiert werden, die für diese Studie extra mit den Bilderregalen ausgerüstet waren. Zwei Patienten erinnerten sich zusätzlich an Wahrnehmungen von audio-visuellen Eindrücken im Behandlungszimmer und Erlebnisse, die Ähnlichkeiten mit ausserkörperlichen Erfahrungen aufwiesen. Bei einem der beiden Patienten machte der ungünstige Krankheitsverlauf eine weitergehende Befragung unmöglich. Mit dem anderen konnte jedoch ein Vertiefungsinterview geführt und seine Aussagen über den ihn behandelnden Arzt und den Verlauf der Reanimation überprüft und verifiziert werden.

Das Problem der Beweisbarkeit
Der holländische Kardiologe Pim van Lommel arbeitete von 1977 bis 2003 als Kardiologe am Rijnstate-Krankenhaus in Arnheim. Ab 2003 widmete er sich der wissenschaftlichen Bewusstseinsforschung und der Erforschung von Nahtoderfahrungen. Seine im Jahre 2001 in der medizinischen Fachzeitschrift «The Lancet» veröffentlichte prospektive Studie über die Nahtoderfahrungen von Überlebenden, die einen Herzstillstand erlitten hatten und reanimiert werden mussten, fand internationale Beachtung. Van Lommel zog aus dieser Studie den Schluss, dass die bis zu diesem Zeitpunkt bestehenden Interpretationen zur Entstehung von Nahtoderfahrungen und Bewusstsein einer tiefgreifenden Neubewertung unterzogen werden müssen. Er vertritt die These, dass es mit der heutigen materiellen Wissenschaft nicht möglich ist, subjektive Erfahrungen im Bewusstsein zu beweisen, zu objektivieren oder zu reproduzieren.

Van Lommel dokumentierte einen spektakulären Fall eines 44-jährigen Patienten, der mit einem Herzstillstand ins Spital eingeliefert wurde. Während die Ärzte ihn reanimierten, nahm ein Pfleger ihm sein künstliches Gebiss aus dem Mund, um einen Beatmungsschlauch einzuführen. Der Mann überlebte. Als er nach einer Woche den Pfleger wiedersah, war er in der Lage, genau zu beschreiben, in welcher Schublade dieser sein Gebiss versorgt hatte. Zu jenem Zeitpunkt aber war der Mann in einem tiefen Koma gewesen und die Wiederbelebung war in vollem Gang. Der Patient hatte sich selbst im Bett liegen sehen und hatte klar wahrgenommen, was im Raum passierte.

Was ist Bewusstsein?
Wir gehen heute selbstverständlich davon aus, dass unser Bewusstsein an das Gehirn gekoppelt ist. Pim van Lommel spricht jedoch von einem «nicht lokalen Bewusstsein», das Menschen mit Nahtoderfahrungen wahrnehmen, nachdem die Monitore eine Nulllinie der Gehirnströme anzeigen. Er stellt die berechtigte Frage: Wie soll ein Gehirn, das gar nicht mehr funktioniert, Nahtoderfahrungen erzeugen? Obwohl bei einer Nahtoderfahrung das Gehirn nicht mehr mit Sauerstoff versorgt wird, haben Patienten solche aussergewöhnlichen Erlebnisse. Daraus folgert van Lommel, dass unser Bewusstsein nicht im Gehirn entsteht. Nach seiner Vorstellung funktioniert das Gehirn wie ein «Transceiver», eine Kombination aus Sender und Empfänger. Somit produziert das Gehirn nicht die Bewusstseinserfahrungen, sondern ermöglicht sie. Diese Hypothese passt jedoch nicht in das derzeit gängige wissenschaftliche Konzept.

Die Frage, was denn Bewusstsein überhaupt ist, bleibt auch heute noch ungeklärt. Bei einer Narkose wird zwar das Bewusstsein für eine gewisse Zeit ausgeschaltet; doch was dabei passiert, weiss niemand genau. Reicht ein halbwegs funktionierendes Gehirn, um ein Bewusstsein zu produzieren? Sind wir wirklich tot, wenn wir «klinisch tot» sind? Die Antworten auf diese Fragen sind äusserst wichtig, unter anderem im Zusammenhang mit Organtransplantationen. So kann die weitere Erforschung des Nahtodes also auch wichtige Erkenntnisse für das Leben liefern.

Es bleibt aber immer noch die Frage: Was sind Nahtoderfahrungen wirklich? Ein Blick ins Jenseits oder doch bloss eine Entladung des Gehirns, das uns etwas vorgaukelt? Definitiv Gewissheit erlangen werden wir wohl erst, wenn wir selber unsere letzte grosse Reise antreten.

Wann sind wir tot?

Wenn ein Mensch
eines natürlichen Todes stirbt, ist dies in der Regel ein Sterbevorgang, der eine gewisse Zeit dauert. Dabei ist die genaue Grenze zwischen Leben und Tod nicht einfach zu definieren. So können Menschen, die z.B. einen Herzstillstand erleiden, manchmal erfolgreich wiederbelebt werden. War früher der Tod etwas Endgültiges, sind die Ärzte heute immer mehr in der Lage, das unvermeidbare Ende immer weiter hinauszuzögern, etwa indem sie durch Kühlung, Maschinen und Medikamente die Zeit, in der eine Wiederbelebung gelingen kann, verlängern können.
Nach unserem heutigen Verständnis laufen folgende Vorgänge zwischen Leben und Tod ab: Wenn das Herz nicht mehr mit genug Sauerstoff versorgt wird, hört es auf zu schlagen und der Kreislauf bricht zusammen. Erfolgen keine Massnahmen zur Wiederbelebung, können die Organe nicht mehr arbeiten. Der Mensch verliert das Bewusstsein und das Gehirn funktioniert nicht mehr. Bereits nach fünf Minuten entstehen im Gehirn irreparable Schäden. Nach 25 Minuten sterben Zellen des Herzens, nach 30 Minuten, die Zellen der Nieren und der Leber; das Lungengewebe stirbt nach ein bis zwei Stunden. Nach zwei bis vier Stunden setzt die Totenstarre ein.

Illustration: Lina Hodel

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