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Über Angst

Kategorie: Gesundheit

Text:  Sabine Hurni

Kaum ein Gefühl ist momentan so allgegenwärtig, so blockierend und so ungesund wie die Angst.

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Sie zeigt sich in allen Färbungen: von leichter Unruhe, Herzklopfen, Klos im Hals, Magendruck bis zur Panikattacke mit flachem Atem, Herzrasen und kaltem Schweiss. In den wenigsten Fällen betrifft das Gefühl von Angst eine gegenwärtige Situation. Viel häufiger fürchten wir uns vor einem Ereignis, das in der Zukunft eintreffen könnte. Die Angst vor Jobverlust etwa ist bei vielen Leuten momentan sehr präsent. Oft vergessen wir jedoch, dass auf dem Weg zum schlimmstmöglichen Ausgang auch viele hilfreiche Abzweigungen auftauchen, die uns weiterhelfen und zu Lösungen führen, die man vorher noch gar nicht auf dem Radar hatte.

Doch statt auf Abzweigungen und Lösungen zu fokussieren, erschaffen wir in der gegenwärtigen Situation allzu oft ein Worst-Case-Szenario mit dem schlimmstmöglichen Ausgang. Dabei blenden wir vollkommen aus, dass dieses schlimme Ende jetzt in diesem Moment gar nicht real ist. Es ist lediglich ein Produkt unserer Fantasie – das jedoch eine reelle Reaktion auslöst: Etwa die Angst davor, dass man die Miete nicht mehr zahlen und unter der Brücke nächtigen muss; dass ein lieber Mensch sterben könnte und man danach einsam und allein auf sich gestellt ist; dass man sich vor versammeltem Publikum während einer Präsentation derart lächerlich macht, dass danach das halbe Dorf über einen lacht. Die Worst-Case-Szenarien – sie könnten noch ewig weiter aufgelistet werden – haben, wenn man sie so aufschreibt, auch etwas sehr Befreiendes.

Jeder Mensch geht anders um mit aufkeimender Angst. Angst zeigt sich zum Beispiel in einem verstärkten Schutzbedürfnis: Versicherungen profitieren davon, die Autoindustrie, das Gesundheitswesen und auch die Kirchen. Aus Angst vor einem tödlichen Autounfall kauft man sich das grössere und höhere Auto. Man sichert sich finanziell vor allen möglichen, allenfalls eintretenden Ereignissen ab und trägt zum Ski-, Fahrrad- und Trottinettfahren einen Helm. Und wenn alles nichts nützt, sind da noch Institutionen, die lehren, dass Gott alle Probleme für uns löst, wenn wir nur fest genug an ihn glauben.

Ein anderer Weg mit der Angst umzugehen, ist der Kampf. Mit grossem Aktivismus wird bekämpft, was Angst macht: alles Fremde, alles Quere, alles Abnormale. Indem man Schutz und Sicherheit hochfährt und allem, was das friedliche Leben bedrohen könnte, den Kampf erklärt, richtet sich der Mensch ein Leben ein, das er trotz innerer Ängste geniessen kann. Doch je mehr wir auf Schutz, Sicherheit und Kampf setzen, desto mehr Raum geben wir der Angst in unserem Leben. Sie vergrössert sich, weil wir die ganze Verantwortung für unser Leben auf äussere Faktoren stützen, die wir selber nicht beeinflussen können. Dabei verlieren wir jegliches Vertrauen in unsere eigene, gigantische Kraft.

Es lohnt sich, der aufkeimenden Angst neutral zu begegnen. Man kann sie aufschreiben und bis zum schlimmstmöglichen Ende durchspielen. So realisieren wir, dass, bevor das bittere Ende kommt, unzählige Kehrtwendungen eintreffen können. Beginnen Sie damit, dass Sie die Angst als Körperwahrnehmung beobachten. Oft spürt man sie im Bereich des Herzens, des Magens oder zwischen den Schultern, als beklemmendes Gefühl in der Brust, ein Zusammenziehen des Magens oder eine Last, die auf unseren Schultern wiegt. Insbesondere im Bereich des Oberbauchs, wo sich der Solarplexus befindet, kreuzt sich eine Vielzahl von Nerven. Diese Knotenpunkte, man nennt sie auch Chakren, sind enorm empfindlich auf Schlag und Druck. Generell sind Zwerchfell, Atmung und Solarplexus eng miteinander verbunden. Das langsame und tiefe Ein- und Ausatmen ist deshalb oft die erste Massnahme, um der aufkeimenden Angst entgegenzutreten. Doch wirklich aus der Angst aussteigen können wir nur, wenn wir die Angst vor der Angst verlieren.

«Je mehr wir auf Schutz, Sicherheit und Kampf setzen, desto mehr Raum geben wir der Angst in unserem Leben.»

Angst macht uns verletzlich und manipulierbar. Angst schwächt das Immunsystem und führt zu unüberlegten Entscheidungen. Angst nährt Machtsysteme und politische Parteien, die davon profitieren, die Menschen kleinzuhalten. Doch Angst kann man nicht «wegmachen». Sie ist eng mit unserem Leben verknüpft und schützt uns in akuten Situationen auch tatsächlich vor schädlichen Einflüssen. Angst kann man auch nicht schönreden durch positives Denken. Doch wir können Angst als etwas betrachten, das genauso wie die Liebe, die Wut und der Neid zwischendurch in unserem Kopf aufflackert. In diesem Moment kann man die Angst symbolisch an der Hand nehmen und sich sagen: «Hey, Angst, ich weiss, dass du da bist. Ich nehme dich wahr.» Hört sich einfach an, braucht aber ziemlich viel Übung, denn der grösste Angstmacher des Menschen befindet sich zwischen seinen Ohren. Mit nicht endenden Gedankenschlaufen reiten wir uns gedanklich immer tiefer ins Desaster. Setzen Sie sich in solchen Situationen hin und atmen Sie tief; singen Sie ein Lied oder tanzen Sie wild durch die Wohnung. Machen Sie irgendetwas, das Ihnen Distanz zu Ihren Gedanken verschafft. Und dann setzen Sie sich in Ruhe hin und sagen der Angst, dass es okay ist, dass sie hier ist. Geniessen Sie diesen versöhnlichen Moment der Stille, die sich daraufhin einstellt. Dieses: «Ah ja, stimmt eigentlich!»

Wenn wir das schaffen, können wir auch künftig, wenn eine schwierige Situation auftritt, einen inneren Raum der Stille und des Vertrauens kreieren. Auf diese Weise lernen wir, dass schwierige Situationen immer auch ein Weg sind, dem eigenen Wesen auf die Spur zu kommen. Nutzen wir also unsere Energie, um uns jetzt, in der dunkleren Jahreszeit mit den langen Nächten, auf uns selbst zurückzubesinnen. Was gibt es Wichtigeres?! Für den Weg dorthin ist Eckhart Tolles Buch «Jetzt! Die Kraft der Gegenwart» eine wertvolle Begleitlektüre. Lohnend ist sie allein schon wegen des Vorworts von der genialen, 2011 verstorbenen Managementtrainerin und Querdenkerin Vera F. Birkenbihl und ihrem Kernsatz: «Wir neigen dazu, uns auf die ‹Zwänge› des täglichen Tuns einzulassen, das wir mit Leben verwechseln.»


* Sabine Hurni
ist dipl. Drogistin HF und Naturheilpraktikerin, betreibt eine eigene Gesundheitspraxis, schreibt als freie Autorin für «natürlich», gibt Lu-Jong-Kurse und setzt sich kritisch mit Alltagsthemen, Schulmedizin, Pharmaindustrie und Functional Food auseinander.

Fotos: sebastiano bucca | iStock.com

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