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Psychische Erkrankungen

Kategorie: Gesundheit

Text:  Andreas Walker

Psychische Erkrankungen sind weltweit auf dem Vormarsch. Mit der Coronakrise wird diese Tendenz noch verstärkt. Was hilft?

unsplash.com/noah buscher

Wenn sich jemand ein Bein bricht oder ständig Bauchweh hat, geht er zum Arzt. Die moderne Medizin kann Unfälle und Krankheiten dieser Art oft vollständig heilen, sodass der betreffende Mensch nach einer gewissen Zeit wieder beschwerdefrei ist und wieder gehen, laufen und tanzen kann. Während die Medizin bei körperlichen Leiden immer bessere Erfolge verbuchen kann, sieht es in Sachen Psyche anders aus. Zwar gewinnen Ärzte laufend neue Erkenntnisse in diesem Bereich – trotzdem sind die psychischen Erkrankungen weltweit auf dem Vormarsch. Aktuell führen Depressionen, Angstzustände, Epilepsie, Demenz, Schizophrenie, Alkoholabhängigkeit und weitere psychiatrische, neurologische und Suchterkrankungen mit 13 Prozent die Liste der weltweiten Erkrankungen an. Ihre Verbreitung wächst stetig und mittlerweile haben sie in einigen Nationen sogar die Krebs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen überholt.

Vor dem Welttag der seelischen Gesundheit am 10. Oktober 2020 wies die Weltgesundheitsorganisation WHO auf eine drastische Zunahme der psychischen Erkrankungen bis 2030 hin. Dabei haben vor allem Depressionen, Angststörungen und Suchterkrankungen global in den letzten Jahrzehnten am meisten zugenommen.

Nach der Prognose der WHO werden in den Industrieländern generell depressive Erkrankungen noch vor Herzkrankheiten auf den vordersten Plätzen der häufigsten gesundheitlichen Einschränkungen der Bevölkerung stehen. Weltweit leiden derzeit rund 250 Millionen Menschen unter einer Depression. In der Schweiz sind Jahr für Jahr etwa neun Prozent der Bevölkerung von einer depressiven Störung betroffen.

Fast jeder Zweite erlebt eine Depression
Als psychische Störungen werden Abweichungen im Denken, Fühlen und Handeln von der Norm bezeichnet. Jeder Mensch ist ein einzigartiges Individuum, deshalb sind kleinere Abweichungen in diesen Lebensaspekten absolut üblich. Wenn jedoch solche Abweichungen einen Menschen stark belasten und das tägliche Leben beeinträchtigen, werden sie als psychische Krankheit oder psychische Gesundheitsstörung angesehen. Die psychischen Störungen sind mit einem persönlichen Leidensdruck oder Belastungen und Problemen in mehreren Lebensbereichen verbunden. Die Auswirkungen einer psychischen Erkrankung können langfristig oder vorübergehend sein. Nahezu 50 Prozent aller Erwachsenen leiden irgendwann in ihrem Leben an einer psychischen Erkrankung. Dabei zeigen mehr als die Hälfte von ihnen mittelschwere bis schwere Symptome.

Bei den psychischen Störungen stehen in Europa an erster Stelle Angststörungen, gefolgt von Schlafstörungen, Depressionen, sogenannten Somatoformen Störungen (körperliche Beschwerden, die sich nicht auf eine organische Erkrankung zurückführen lassen), Substanzabhängigkeiten sowie Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) bei jüngeren und Demenz bei älteren Menschen.

Gesundheit braucht inneres Gleichgewicht
Das innere Gleichgewicht ist eine wichtige Voraussetzung für unsere Gesundheit. Auch für die Weltgesundheitsorganisation WHO bedeutet der Begriff Gesundheit viel mehr als «nicht krank» sein. So steht in der Verfassung der WHO: «Die Gesundheit ist ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen.» Dabei bilden Körper und Seele eine Gesamtheit und stehen miteinander in direkter Wechselwirkung.

Wenn der Körper krank wird, hat dies einen bedeutenden Einfluss auf unsere psychische Verfassung. Und anders rum: Ist die Psyche angeschlagen, wirkt sich dies auf den Körper aus. So ist es nicht erstaunlich, dass wir aufgrund von Leistungsdruck, Stress und Sorgen z. B. Rücken- und Bauchschmerzen oder Verdauungsstörungen entwickeln. Und so führen auch die Corona-Massnahmen bei vielen Menschen zu zusätzlichem Stress, der das Wohlbefinden der Psyche beeinträchtigt. Mit der Isolierung von alten Menschen in den Altersheimen wollte man diese vor der Krankheit schützen. Doch was passiert, wenn die Massnahmen, die den Körper schützen sollen, die Seele verletzen? Wir haben bei Sebastian Olbrich, Leiter des Zentrums für Soziale Psychiatrie der Universitätsklinik Zürich, nachgefragt (siehe Interview unten).

Holen Sie sich Hilfe!

Für Menschen in persönlichen Krisen gibt es rund um die Uhr Anlaufstellen. Das sind die wichtigsten:

Beratungstelefon der Dargebotenen Hand: Nummer 143
Beratungstelefon Pro Juventute: Nummer 147

Weitere Infos: www.reden-kann-retten.ch Adressen für Menschen, die einen geliebten Menschen verloren haben: www.verein-refugium.ch

Unterstützung nach Verlust eines Elternteils: www.nebelmeer.net 

Was Krankheiten kosten

An erster Stelle der teuersten Leiden in der Schweiz rangieren die Herz-Kreislauf-Erkrankungen mit über 10 Mrd. Franken oder einem Anteil von 15,6 Prozent an den gesamten Gesundheitskosten. Sie stellen mit über 20 000 Todesfälle im Jahr auch die häufigste Todesursache von Männern und Frauen dar.

An zweiter Stelle folgen mit Kosten von 8,7 Mrd. Franken (13,4 Prozent) entzündliche und degenerative Erkrankungen des Bewegungsapparats wie Arthrose, Rheuma und Rückenschmerzen. Die psychischen Krankheiten belegen den dritten Platz mit 6,9 Milliarden (10,6 Prozent). Die Krebserkrankungen belegen mit 3,9 Mrd. Franken (6 Prozent) erst Rang 7, noch nach Verletzungen (5,2 Mrd. bzw. 8,1 Prozent), urogenitalen Blut- und Hormonerkrankungen (4,4 Mrd. bzw. 6,8 Prozent) und Erkrankungen der Mundhöhle (4 Mrd. bzw. 6,1 Prozent der Gesamtkosten).

Bei psychisch Erkrankten fallen einerseits direkte Kosten an wie Ausgaben für die Therapie, Medikamente oder Spitalaufenthalt. Die indirekten Kosten setzen sich z.B. aus der verlorenen Arbeitskraft durch Arbeitsunfähigkeit und den fehlenden Gehältern zusammen. Bei psychischen Störungen sind diese Kosten häufig wesentlich höher als bei anderen Erkrankungen. Der Grund: Eine Depression benötigt viele Wochen oder Monate, manchmal sogar Jahre, bis zur teilweisen oder vollständigen Besserung respektive Genesung; und sie bedeutet oft eine vollständige oder teilweise Arbeitsunfähigkeit für lange Zeit.

«Wir sollten Ruhe und Besonnenheit bewahren»

Die Coronakrise ist für viele eine enorme psychische Belastung, sagt Sebastian Olbrich von der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich. Der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie erklärt, warum Angst und Panik selten gute Ratgeber sind und wie wir psychisch gesund durch die Krise kommen.

Beim Lockdown wollte man um jeden Preis Neuinfektionen mit Covid-19 verhindern. Hat man dabei den Aspekt der psychischen Gesundheit unterschätzt?
Sebastian Olbrich: Der Lockdown in der ersten Jahreshälfte hat enorme psychische Belastungen für viele Menschen mit sich gebracht. Neben den Einschränkungen des Lebens, wie wir es kannten, sind aber auch die direkten Folgen der Covid-Erkrankungen zu bedenken. Menschen waren besorgt um ihre erkrankten Angehörigen und Freunde, manche mussten auch den Verlust von nahestehenden Menschen verkraften. Allerdings hat sich auch ein grosser sozialer Zusammenhalt gezeigt und die wirtschaftlichen Folgen wurden in der ersten Welle durch viele Massnahmen gut abgefangen.

Leider ist es sehr schwer, den gesamten Umfang der Konsequenzen für die psychische Gesundheit der Bevölkerung abzuschätzen in einer globalen Pandemiesituation. Die nun erfolgte Verlängerung und teilweise Verschärfung der Massnahmen gegen Covid-19 werden den Druck auf die Menschen weiter erhöhen. Die Sorge, den Arbeitsplatz zu verlieren, und die Unsicherheit, nicht zu wissen, wie es weitergeht, resultiert häufig in einer Hoffnungslosigkeit. Dies sind auch Risikofaktoren für Suizidalität. Inwiefern diese tatsächlich zunehmen wird, lässt sich aktuell noch nicht abschliessend sagen.

Wie wirkt sich die Quarantäne auf die Psyche der Menschen aus?
Vor allem eine unfreiwillige Quarantäne hat gemäss einer Studie der renommierten Fachzeitschrift «The Lancet» über vorangegangene Epidemien und Pandemien sehr starke Konsequenzen auf das psychische Befinden. Es kommt vor allem zu einer Zunahme von Erschöpfungszuständen, Ängsten, Irritierbarkeit und einer Abnahme der Konzentrationsfähigkeit. Eine transparente Kommunikation und Begründung der Quarantänemassnahmen können helfen, diese Symptome zu mildern. Ausserdem gibt es Anzeichen dafür, dass die psychologischen Belastungen, die mit einer Quarantäne einhergehen, auch aggressives und impulsives Verhalten erhöhen, was sich in einer Zunahme der häuslichen Gewalt zeigen könnte. Auch der Konsum von Alkohol könnte zunehmen, da viele andere Freizeitaktivitäten nicht mehr möglich sind.

Was sind die Langzeitwirkungen der Pandemie und der Massnahmen dagegen auf die Psyche?
Es gibt bisher nur wenige Studien zu den Langzeitwirkungen von Pandemien. Erste Übersichtsarbeiten zur aktuellen Pandemie und auch die Swiss Corona Stress Study der Universität Basel deuten aber darauf hin, dass das psychologische Wohlbefinden der Allgemeinbevölkerung sinkt und Angstsymptome und depressive Symptome zunehmen. Bei bereits vorbelasteten Menschen mit psychischen Erkrankungen kann sich eine Verschlechterung der vorbestehenden Erkrankung zeigen. Inwiefern die Anzahl der psychischen Erkrankungen im Langzeitverlauf ansteigen wird, ist Gegenstand der aktuellen Forschung, auch bei uns an der Universitätsklinik Zürich. Dies ist wichtig, um rechtzeitig präventive, also vorbeugende Massnahmen einleiten und Behandlungen anpassen zu können.

Viele Menschen in Altersheimen empfanden die Quarantäne als Gefängnis, da sie nicht mehr hinaus an die frische Luft durften und der Besuch von Angehörigen unterbunden wurde. Menschen mit Demenz haben oft die Pflegerinnen nicht mehr erkannt, weil diese Masken trugen. Hätte man die Situation in den Altersheimen besser bewältigen können?
Es sind sehr schwere Entscheidungen, die in solchen Situationen getroffen werden müssen. Auf der einen Seite ist der Schutz vor einer möglicherweise tödlichen Infektion gerade bei den Risikopatienten in Altersheimen mit sehr grosser Priorität zu sehen. Andererseits muss man immer abwägen, inwiefern das Leid, das bei den Betroffenen verursacht wird, abgemildert werden kann, beispielsweise wenn die Angehörigen die Eltern oder Grosseltern nicht mehr sehen dürfen. Nachdem in der ersten Welle viele Massnahmen flächendeckend durchgeführt worden waren, sehen wir jetzt ein etwas bedachteres Vorgehen. So werden Massnahmen teilweise auf Risikogebiete, einzelne Kantone oder Hotspots beschränkt. Dies kann helfen, dass Menschen auch in den Altersheimen weiterhin in Kontakt mit den Angehörigen bleiben können. Auch hat sich der Umgang mit neuen Medien, beispielsweise der Videotelefonie, auch bei den Älteren im Laufe der Pandemie bereits verbessert, sodass Angehörige sich weiterhin sehen können. Auch angepasste Massnahmen, wie z.B. Einzelbesuche, Contact Tracing oder durchsichtige Face Shields können helfen, die Einschränkungen auf das notwendige Mass zu minimieren, um weiterhin soziale Kontakte auch der älteren Menschen möglich zu machen.

Welche Wirkungen auf die Psyche erwarten Sie, wenn die Einschränkungen länger andauern?
Das längere Andauern der Beschränkungen und ein möglicher Lockdown oder Lockdown light wird von vielen Menschen als Bedrohung erlebt. Existenzängste mit Sorge um den Arbeitsplatz, die Ausbildung und die sozialen Beziehungen setzen vielen stark zu. Gepaart mit der Hoffnungslosigkeit ergibt das eine gefährliche Mischung. Diese Faktoren können zu einer Zunahme manifester psychischer Erkrankungen führen und stellen auch bekannte Risikofaktoren für Suizidalität dar.

Was raten Sie den Menschen, um diese schwierige Zeit gut zu überstehen?
Gerade jetzt, da klar wird, dass die Beschränkungen uns noch eine ganze Weile, vielleicht viele Monate, weiter betreffen werden, sollten wir alle Ruhe und Besonnenheit bewahren. Panik und Angst sind selten gute Ratgeber und erhöhen die psychische Belastung. Jeder persönlich sollte nun dafür sorgen, genügend Ausgleich zu haben und im Falle von z. B. Homeoffice Sport zu treiben oder angenehmen Tätigkeiten nachzugehen, auch unter Einhaltung der BAG-Regeln. Spaziergänge, Sport oder die Zubereitung und das Geniessen eines guten Essens können helfen, die psychische Balance zu wahren. Auch sollte man nicht vergessen, den eigenen Tag weiterhin zu strukturieren und feste Zeiten festzulegen, wann man was erledigen möchte und welche Zeiten für Freizeit und Familie reserviert sind. Eine weitere Ressource kann der soziale Zusammenhalt sein. Neben regelmässigen Telefonaten mit Freunden, Bekannten oder Angehörigen kann auch ein empathisches Gespräch mit den Nachbarn helfen, besser durch schwierige Zeiten zu kommen. Schliesslich betrifft die Situation uns alle.

Und wie gehen Sie selbst damit um?
Ich versuche, neben regelmässigem Radfahren bewusst mehr Zeit mit meinen Kindern und meiner Frau zu verbringen. Dabei haben Handy, Zeitung oder Videokonferenzen keinen Raum und ich bleibe medial bewusst abstinent. Das hilft mir sehr, zur Ruhe zu kommen, um neue Kraft zu tanken. Daneben geben mir aber auch die wissenschaftliche Arbeit und der Austausch mit Kollegen Gelegenheit, die Situation zu reflektieren und besser damit zurechtzukommen.

Zur Person



PD Dr. med. Sebastian Olbrich ist Leitender Arzt und stellvertretender Leiter des Zentrums für Soziale Psychiatrie der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich.

Fotos: unsplash.com/noah buscher

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