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Sterben

Kategorie: Gesundheit

Text:  Irène Elder Zumsteg

Sterben ist die grosse letzte Reise – ein Abenteuer, auf das man sich zeitlebens vorbereiten sollte. Dabei darf es durchaus auch fröhlich zu- und hergehen. So wie beim Abschied auch.

Lina Hodel

«Schau», sagte das kleine Mädchen auf der Beerdigung zu mir, und zeigte in den Himmel, «schau: Opa ist jetzt dort oben, wartet eine Weile und sucht sich dann wieder einen neuen Bauch aus.» So natürlich erkennt eine Fünfjährige das ewige Kommen, Gehen und Wiederkehren!

Doch dieses Bewusstsein für die Zyklen des Lebens ist in unserer Gesellschaft unterdrückt worden. Das war nicht immer so. Unsere Vorfahren, die Kelten, waren immer bereit für den Tod, diesen unausweichlichen Besucher, der zu einer bestimmten und unbekannten Stunde an die Türe klopft. Es gehörte gar zu manchen Bräuchen, sich sein Grab während Lebzeiten rituell vorzubereiten, und sich immer mal wieder bei seinem Grab hineinzusetzen, um sich mit Mutter Erde zu verbinden und den Geist reisen zu lassen.

Unser physischer Körper ist nichts anderes als ausgeliehene, belebte Erde: Er kommt von Mutter Erde und geht zu Mutter Erde zurück. Animiert wird er gemäss natürlichen kosmischen und irdischen Gesetzen von unsichtbaren und lichtvollen Schwingungen. Dieses grössere Mystische tritt beim Tod – dem Moment der Erleuchtung – aus dem Körper hinaus und setzt seine Reise fort. Doch weit weg von diesen Gegebenheiten hat sich ein Medizinkult mit einem Milliardenmarkt entwickelt, der ein langes Leben verspricht...

Särge fürs Leben
Allein, der Tod bleibt die einzige Garantie im Leben. Es ist wichtig, ihm bewusst zu begegnen und ihm seinen Raum zurückzugeben. Die abenteuerliche Reise der Seele am Lebensende wird in vielen Bildern und von Kultur zu Kultur anders ausgedrückt. Bei den Angelsachsen etwa schicken sie jemanden «auf die grossen, weiten Wasser». Wie schön, den Strom des Lebens mit dem kosmischen Ozean zu verbinden; dem Boot gar einen Stoss zu geben für die Überfahrt oder eine Fährfrau zu bitten, die Abreisenden ans nächste Ufer der Existenz zu begleiten.

«Wer sich mit dem Tod beschäftigt, der stellt sich auch die entscheidenden Fragen des Lebens.» C. Juliane Vieregge in «Lass uns über den Tod reden»

Die Sargkultur auf den britischen Inseln gefällt mir: Die Kreationen für den Übergang sind oft sehr bunt; da gibt es «Särge» in Form von Autos, Loks oder High Heels, andere sind aus Weide oder Seegras geflochten oder aus Recyclingpapier hergestellt. So manche haben den Sarg auch zeitlebens zu Hause stehen, zum Beispiel in Form eines Bücherregals, das nach dem Tod leicht zum Sarg umgebaut werden kann. Schlichtere Holzsärge sind oft bemalt von Angehörigen oder auch von dem, der die Überfahrt antritt, also vom Verstorbenen selbst. Es gibt in Britannien zahlreiche «coffin clubs», Sargclubs, die eine persönliche Vorbereitung für den eigenen Abschied ermöglichen.

Schmunzelnd sage ich manchmal, ich würde gerne auf den britischen Inseln sterben, weil die dortigen Särge so lebendig wirken. Ich habe zwar auch schon hier in der Schweiz einen Prototypen in Form eines Bootes getestet, den Freunde ausgeklügelt hatten. Dieser konnte bisher wegen der strikten Gesetzgebung jedoch nicht seriell hergestellt werden. Doch langsam machen sich auch in der Schweiz beschwingtere Ansätze bemerkbar – und Sargateliers öffnen ihre Türen.

Der letzte Wille
Nicht nur die Frage nach der Barke braucht Aufmerksamkeit. Es bleibt weiteres zu klären für die bald abreisende Seele wie auch für diejenigen, die noch länger hierbleiben: Wie verabschiedet man sich, so gut es eben geht? Wie kann man auch ohne passendes Boot in die grossen Gewässer der Ewigkeit kommen? Wer begleitet, wer singt und wiegt mich in die neue Dimension? Wie die Abschiedszeremonie gestalten? Was ist zu tun, wenn der Tod schmerzvoll, verwirrend oder plötzlich kommt? Es braucht wie bei der Geburt auch beim Sterben «Hebammen»: Fährfrauen, Seelenbegleiterinnen und Zeremonienmeisterinnen. Anleitungen für die verschiedenen Geschehen gibt es in vielen Überlieferungen, Schriften sowie Toten- und Lebensbüchern.

Letztwillige Verfügungen sind ein wichtiges Instrument für viele Aspekte des Sterbens. Wer sich mit ihnen befasst, kann vieles klären und gefasster in eine allfällige Hospitalisierung oder schwierige Durchgänge gehen. Wer sich nicht damit auseinandersetzt, kann in eine seltsame Dynamik hineinkommen in unserer extremen Machbarkeits-Kultur. So erleben in der Schweiz etwa 75 Prozent der älteren Bevölkerung ein langsames und medizinisch verwaltetes Sterben über Jahre hinweg in einer Institution, worauf der unerschrockene italienische Professor für Palliativmedizin Gian Domenico Borasio seit langem hinweist. Mit seinem Buch «Über das Sterben» möchte er die Angst vor dem Tod nehmen. Ich habe es schon vielen Menschen in die Hand gedrückt. Borasio macht auch klar, wie wichtig die Seelenpflege ist. Wer sein Lebensende selbstbestimmt leben möchte, tut gut daran, sich mit den seelischen, zyklischen, rhythmischen, medizinischen, rechtlichen, materiellen und rituellen Aspekten vertraut zu machen. So wird würdevolles Sterben wieder möglich. Dazu braucht es intensives Hören und Zuhören. Werden wir also wieder still. Lassen wir zu, nicht alles zu wissen, sondern so manches nur zu erahnen. Erkennen wir unsere eigene Geschichte und nehmen wir unser Schicksal in die Hand. Und: Sitzen wir bei den Sterbenden, ohne sie auf ihrer Reise aufhalten zu wollen.

«Nicht weniger wichtig als die Vorbereitung auf unseren eigenen Tod ist es, anderen zu helfen, gut zu sterben.» XIV. Dalai Lama

Fastend «den Löffel abgeben»
Eine alte Frau, die mich bat, bei ihr zu sitzen und sie auf der grossen Reise zu begleiten, ist eine meiner grössten Lehrmeisterinnen geworden. Sie sagte: «Ich habe den Rückruf gehört. Die Erde hat gebebt! Das ist das Zeichen für mich. Ich gehe. Ich gebe meinen Löffel ab.» Die Frau hörte auf zu essen, um sich vom Element Erde zu befreien; sie hörte auf zu trinken, um sich von der Essenz Wasser zu trennen; ihr Körper kühlte ab, als sie sich vom Element Feuer verabschiedete; schliesslich atmete sie ein letztes Mal aus, um das Element Luft loszulassen. So wie sie ihr irdisches Leben mit einem ersten Atemzug begonnen hatte, beendete sie es mit einem letzten Atemzug. Ihr Kreis hat sich über Wochen sehr langsam und behutsam geschlossen, manchmal unter Tränen und manchmal mit Gelächter. Einige Male, zusammen mit ihren Angehörigen, mussten wir ihr helfen, Fütterungsversuche des medizinischen Personals abzuwehren. Als sie sich schliesslich, wie wir es ausgemacht hatten, hinüberrudern lassen liess, hob sie ihre Hand und winkte nochmals sanft. Dann flutete Licht den Raum.

Es ist spannend, sich vorzustellen, dass wir unseren Körper in Frieden ablegen können. Was hält uns davon ab, den Sarg für das Ende des Lebens und eine Geburt in eine andere Existenz vorzubereiten, so wie uns eine Wiege für das Ankommen auf dieser Erde bereitgestellt worden war? Haben wir vergessen, dass «gebären» und «Bahre» die gleiche Herkunft haben? Was hindert uns daran, ein Totenhemd zu nähen, als wäre es ein Geburtskleid? Solche Beschäftigungen führen zum Wesentlichen. Sie helfen uns, bewusst zu verwirklichen, was in diesem Leben keinesfalls fehlen darf: beispielsweise eine Nacht unter der Milchstrasse oder einen Tag am Ufer eines smaragdfarbenen Flusses zu verbringen. Sie ermuntern, seine Wahrheiten auszudrücken: «Meine Tochter, ich möchte nicht sterben, ohne dir zu sagen, dass...» oder: «Mein Herzensschatz, ich möchte dir noch etwas zeigen, bevor ich gehe.»

Hand aufs Herz: Die besten Fragen in meinem Leben habe ich mir immer im Angesicht des Todes gestellt. Worauf warten wir also noch?

Sterben und Tod
44 Künstlerinnen und Künstler
stellen ihre Werke zum Thema in drei Galerien* aus – von Allerheiligen bis Totensonntag.
Vernissagen Sonntag, 1. November, 14 Uhr
Finissagen Sonntag, 22. November

* «Büni Galerie Dotzige», Dotzigen
«Kultur Mühle», Lyss
«Galerie de Grandcour», Grandcour

Mehr Infos unter www.exposition-sterben-tod.ch

 

Buchtipps

Phyllida Anam-Aire «Keltisches Totenbuch: Wachen mit den Sterbenden, die Toten auf ihrem Weg begleiten», Ennsthaler 2019, ca. Fr. 29.–

Gian Domenico Borasio «Über das Sterben», C.H. Beck 2013, ca. Fr. 14.–

Gian Domenico Borasio: «Selbstbestimmt sterben», C.H. Beck 2014, ca. Fr. 16.–

C. Juliane Vieregge «Lass uns über den Tod reden», Ch. Links Verlag 2019, ca. Fr. 33.–

Die Autorin



Irène Elder Zumsteg wird als zeitgenössische Schamanin betrachtet, als Schwellenhüterin und Seelenbegleiterin. Mit uralten Heilkünsten erleichtert sie Durchgänge und Wandlungen im Leben, von der Wiege bis zur Bahre. Sie lebt mit den Rhythmen der Natur im Waadtländer Jura und führt Ateliers durch zum Thema Sterben und Tod. www.scriptame.net

Illustrationen: Lina Hodel

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