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Liebe und Streit

Kategorie: Gesundheit

Text:  Leila Dregger

Warum sind Beziehungsstreits so ätzend? Für Freunde unerträglich, für Kinder lebensbedrohlich?

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Mit meinen besten Freunden streite ich leidenschaftlich – und bin sofort wieder versöhnt, wenn der Grund des Streits ausgeräumt ist. Wie nach einem Sommergewitter sieht man sich wieder neu an, manchmal sind Nähe und Tiefe der Freundschaft sogar gewachsen.

Warum ist das in einer Liebesbeziehung so oft anders? Weil der geliebte Mensch nicht einfach nur eine Person ist. In unserer Seelenwelt ist er noch so viel anderes, von dem er meistens gar nichts weiss: Über-Vater respektive Über-Mutter, der Inbegriff aller Sehnsucht, Fels in der Brandung und manchmal auch der grösste Feind – was immer wir gerade brauchen, projizieren wir auf den Partner. So entsteht ein unsichtbares Minenfeld. Eben war noch alles harmonisch, plötzlich löst ein unbedachtes Wort eine Explosion aus.

Sie bittet ihn, aufzuräumen. Er hört darin die Vorwürfe seiner Mutter. Er ist nicht ganz so begeistert von ihrem Auftritt. Sie hört die Leistungsforderung ihres Vaters. Sie sagt, dass der Kellner ein schönes Lächeln hat. Er hört darin das erste Signal des Verlassenwerdens. Er findet ihren Lieblingsfilm langweilig. Sie hört das vernichtende Urteil der ganzen Männerwelt gegen das, was sie liebt. (PS: Bei homosexuellen Paaren sind die Projektionen wohl kaum kleiner.)

In einer Liebesbeziehung streiten wir nicht nur mit dem jeweiligen Gegenüber. Wir kämpfen mit Dämonen, die uns schon immer gequält haben. Und diese Scheinwelt hat uns im Griff. Jede Partnerschaft kommt früher oder später an diesen Punkt. Viele zerbrechen daran. Aber eine gereifte Partnerschaft bietet die Chance, die alten Dämonen zu entmachten. Dazu müssen wir «richtig» streiten lernen.

Zunächst einmal sollten wir verstehen, wann es einfach nur Zank aufgrund unserer Scheinwelten ist und wo ein echter Konflikt vorliegt. Und da wird es spannend: Denn jeder Konflikt zwischen zwei Menschen ist in Wirklichkeit ein Konflikt in uns selbst. Der «Gegner», der mich gerade so wütend macht, tut mir in Wirklichkeit den Gefallen, die andere Seite sichtbar zu machen. Wir lösen einen Konflikt nicht, indem wir ausdauernder oder besser argumentieren; wir lösen einen Konflikt, indem wir durch Zuhören und Mitfühlen die andere Seite wirklich kennenlernen, uns tief in das Gegenüber hineinversetzen und auch andere Meinungen akzeptieren lernen. Dann heisst es nicht nur: Der Klügere gibt nach! Sondern: Nachgeben macht uns klüger.

Zu zweit gelingt das nicht. Nur Heilige und Erleuchtete widerstehen dem Zwang zu Reaktion und Gegenreaktion. Alle anderen brauchen vertrauenswürdige Menschen, die den Raum halten. Sie sollten zu keinem der beiden halten, zuhören, ohne zu (ver)urteilen oder gute Ratschläge zu geben. Sie sollten die Situation entzerren, sodass wir einander zuhören können. Was sagt der andere wirklich? Was spricht durch ihn – und was verletzt oder berührt mich so? Da, wo wir in einem Konflikt wahrnehmend werden, wenn wir den anderen, über alle Projektionen hinweg, richtig sehen lernen, können wir nicht anders, als zu lieben. Wir nennen es Versöhnung. Aber im Grunde betreten wir dabei eine neue Ebene der Partnerschaft.

In Burkina Faso soll es folgendes Streitritual geben: Die beiden Streithähne, umringt vom ganzen Stamm, beschimpfen sich abwechselnd mit ihren Vorwürfen. Sie kommen dabei immer näher und bespritzen den anderen mit etwas Wasser. Die Umstehenden feuern sie an. Schliesslich entsteht eine regelrechte Wasserschlacht. Erst wenn beide klatschnass voreinander stehen, gilt alles als ausgesprochen – und die beiden dürfen sich, meist lachend, in die Arme fallen.



● Leila Dregger
ist Journalistin und Buchautorin (u. a. «Frau-Sein allein genügt nicht», Edition Zeitpunkt). Sie begeistert sich für gemeinschaftliche Lebensformen und lebt seit 16 Jahren in Tamera, Portugal, wo sie beim Verlag Meiga und der Globalen Liebesschule mitarbeitet.

Fotos: zvg

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