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Fluchen ist gesund

Kategorie: Gesundheit

Text:  Angela Bernetta

Schimpfen und Fluchen sind zwar verpönt. Gleichwohl erleichtert ein «Gopferdeckel!» im richtigen Moment ungemein. Wer flucht, sollte allerdings auf die Wortwahl achten.

@ Lina Hodel

Von der «Zwätschge» bis zum «Arsch mit Ohren»: Geschimpft und geflucht wird nicht nur heutzutage in der Schweiz, sondern in allen Kulturen seit Menschengedenken. Vermutlich zeterten bereits die Neandertaler vor 100 000 Jahren drauf los, auch wenn es dafür keine schriftlichen Belege gibt. «Das erste bekannte Schimpfwort ist ‹Hund›, hielt der 2019 verstorbene, deutsche Sprachforscher Reinhold Aman fest: Man findet es in 3000 Jahre alten indischen Sanskrit-Schriften.» Aman war Gründer und Herausgeber der Zeitschrift «Maledicta» (lat. maledicere für schlechtreden), die sich ausschliesslich mit Fluchen und Schimpfen befasst. Er machte aus der Schimpfkultur (Malediktologie) ein ernsthaftes Forschungsgebiet und öffnete damit tiefe Einsichten in die menschliche Seele – lange vor der Aggressionseruption in den sogenannten sozialen Medien. «Gott», schrieb er, «gehört wohl zu den ersten Fluchern. Bereits im Alten Testament verflucht er die Schlange und Kain, der seinen jüngeren Bruder erschlagen hatte. Die Bibel ist ohnehin voll von Schimpfwörtern, die von ‹Giftschlangenbrut› bis ‹Otterngezücht› reichen.»

«Lappi», «Löli», «Baabe», «Gigu», «Pajass» und «Tubel» sind gängige Schweizer Schimpfwörter. Doch was unterscheidet Schimpfen von Fluchen, und wieso fluchen und schimpfen wir überhaupt? «Schimpfen richtet sich immer gegen eine Person, während Fluchen eine Situation betrifft», erklärt der Berner Fluchforscher Roland Ris. Der 81-jährige Germanist ist emeritierter Professor und einer der wenigen Malediktologen im deutschsprachigen Raum. «Verflucht wiederum werden nur Menschen», sagt er. Schriftlichen Überlieferungen zufolge wünschten bereits die alten Ägypter ihren Nachbarn Böses an den Hals: krank und impotent sollen sie werden und kinderlos bleiben! Ähnliches kennt man bis heute, etwa aus Italien, wo der Böse Blick (il malocchio) für Unbehagen sorgt.

«Fluchen lernt sich leichter als lesen.» Deutsches Sprichwort

Segnen statt fluchen

Das positive Gegenstück zum Fluchen ist das Segnen. Die Kraft spendenden Worte sind allerdings weitgehend aus unserem Alltag verschwunden. Viele Eltern dürften noch das «Heile, heile Segen . . . » anwenden, wenn ein Kind sich wehgetan hat; dieser Segen wird zusätzlich magisch verstärkt, indem man dreimal pustend den Schmerz wegbläst. Sind die Kinder dieses Ritual gewohnt, wirkt es fast immer, und zwar nicht erst nach drei Tagen Regen und drei Tagen Schnee, sondern sofort.

Gelegentlich erinnert
in unserem Alltag auch ein «Ich drück dir die Daumen», «Toi, toi, toi» oder «Machs guet» an die ursprüngliche Bedeutung des Segnens. «In unseren Breitengraden findet man das Segnen hauptsächlich noch ritualisiert in Gottesdiensten», sagt der Sprachforscher Roland Ris. Als junger Germanist habe er über das Segnen geschrieben, was allerdings nur wenig Resonanz ausgelöst habe. Kaum habe er sich dem Fluchen zugewendet, seien seine Ausführungen auf viel Interesse gestossen. «Unsere Gesellschaft orientiert sich mehr am Negativen», erklärt er dies. «Die Menschen mögen ‹Sex and Crime›, und da sind sie mit Schimpfen und Fluchen zweifelsohne besser bedient als mit segnen.»

Tabus im Visier
Beschimpfungen und Flüche zielen für gewöhnlich auf Tabus einer Gesellschaft. Diese unterscheiden sich nicht nur von Land zu Land, sondern sogar von Region zu Region – und sie verändern sich mit der Zeit. Beschimpfungen, die den Unterleib oder unsere Ausscheidungen im Visier haben, sind beispielsweise in prüden Gesellschaften üblich.

Reinhold Aman machte gängige Fluchthemen an drei Hauptgruppen fest: die Familienbeschimpfer in Asien und Afrika, die Prüden im angelsächsischen Raum und die Gotteslästerer in katholischen Gegenden. Da der Vater in erstgenannten Kulturen das höchste Ansehen geniesse, seien Beschimpfungen wie «Du Sohn einer Gurke» (Türkei) oder «Ich furze in den Bart deines Vaters» (Iran) nicht selten. «In unseren Breitengraden sind eher konfessionelle Unterschiede beim Fluchen üblich», weiss Roland Ris: «In katholisch geprägten Landstrichen greifen die Menschen gern auf die Heiligen zurück. Ausrufe wie ‹Madonna!› sind besonders verbreitet.» Oder man flucht gleich dem «Tüüfel es Ohr ab». Wer den Bogen beim Fluchen überspannt, geht dann halt zur Beichte . . . Allerdings ist das Fluchen bei den Protestanten nach wie vor verpönt. «Im Zuge der Reformation war es sogar verboten und wurde unter Strafe gestellt. Geflucht wurde trotzdem», weiss Ris: «Man vermied lediglich den Namen Gottes und wich auf ‹Gosch› oder ‹Potz› aus. Einige wandelten den Namen ‹Herrgott› in ‹Herrschaft› oder ‹Heiland in Mailand› ab, damit das Fluchen gemässigt bleibt.» Gopferdori, Demmi- oder Dorri-no-mol sind verkappte, respektive verkürzte Schweizerdeutsche Ausdrücke für das heftige «Gott verdamme mich!»

Die Globalisierung macht auch vor den Fluchwörtern nicht Halt. So sind «Shit», «Bitch» und «Fuck» hierzulande längst angekommen. Aber wieso so einfallslos? «Das grosse Schimpfwörterbuch» von Herbert Pfeiffer hat über 10 000 Einträge in deutscher Sprache. Und Schweizer Schimpfwortforscher zählen landesweit 3500 Fluchwörter, allein das Berndeutsche kennt 1500 Begriffe, von «Aupechaub» bis «Zirpegigu».

Fluchen als Ventil
Menschen fluchen und schimpfen, um Dampf abzulassen. Und das nicht zu knapp: Einer US-Studie zufolge lästern wir bei etwa fünf Prozent aller Gespräche am Arbeitsplatz über Mitmenschen; private Gespräche bestehen gar bis zu zehn Prozent aus Fluchtiraden.

Da muss doch mehr dahinterstecken. Tatsächlich wissen Psychologen nicht erst seit gestern, dass Fluchen und Schimpfen gut für die Psychohygiene ist. Denn wer den Frust in sich hineinfrisst, droht krank zu werden – oder plötzlich, wenn das Fass überläuft, verbal oder gar körperlich auf andere loszugehen. Aber auch Flüche sind nicht unproblematisch, mahnt Roland Ris: «Flüche sind nicht nur Worte. Sie haben eine Wirkung und sollten deshalb mit Bedacht gewählt werden.» Vielen sei beispielsweise nicht bewusst, dass sie sich mit einem heftigen «Gopfertammi!» (weitere Variante für «Gott verdamme mich!») selbst erniedrigen. «Das ist nicht gut.» Aber auch andere soll man nicht mit solch bösartigen Flüchen belasten.

Andererseits gibt es auch Flüche, die sich selber relativieren oder gar lustig (gemeint) sind: «»Gopfriedstutz Annelisi» oder «Himmel, Arsch und Zwirn» beispielsweise neutralisieren sich am Ende mit dem «Annelisi» und «Zwirn» selber.» Ris mag ohnehin kreative und lustige Flüche: «In Bayern sind Kettenflüche verbreitet, wie etwa ‹Kreizkruzefixhimmelherrgottsakramentmileckstiamarsch, du Pfannakuacha, du windiga!›. Da lachen am Schluss alle.»

Wie und wie oft jemand fluche, sage einiges über dessen Herkunft und Beruf aus, fährt Ris fort: «Je nach Hintergrund fallen Beschimpfungen und Fluchworte unterschiedlich heftig aus.» Fluchworte könnten ausserdem ein Machtgefälle innerhalb einer Bezugsgruppe festigen: «Im Militär oder auf dem Bau verschaffen sich nicht wenige Respekt mit deftigem Fluchen.» Auch habe es früher bei Frauen und Männern und bei Alt und Jung Unterschiede beim Fluchen gegeben. Diese hätten sich allerdings weitgehend relativiert. «Einzig das Repertoire von Jung und Alt variiert.»

« ‹Giftschlangenbrut› und ‹Otterngezücht› – die Bibel ist voll von Schimpfwörtern. » Reinhold Aman, Sprachforscher

Wer flucht, ist kreativ
Insbesondere junge Menschen fordern sprachliche Freiheiten ein, die sie von den Erwachsenen abgrenzen. Eine der Folgen: ein Wildwuchs an Schimpf- und Fluchworten. «Du Kevin» oder «Du Brot», was beides so viel bedeutet wie «Du Depp», sind zwei unter diesen Hunderten Wortschöpfungen. «In Bern machte vor ein paar Jahren das Schimpfwort ‹Du Tram› die Runde», ergänzt Ris. «Keiner weiss, woher der Ausdruck kam, der schnell wieder verschwunden war.» Offenbar eignet sich schier jedes Wort als Fluchwort. Ris: «Eine von den Gefühlen geleitete Sprache birgt einiges an Kreativität, die laufend Neues hervorbringt.»

Eine emotionale Sprache kann allerdings verletzen. «In den sozialen Netzwerken macht sich seit Längerem eine Verrohung der Sprache bemerkbar», stellt Ris fest: «Die Menschen schreiben, wie sie reden, und lassen ihrem Frust freien Lauf. Das ist nicht gut.» Der Sprachforscher erinnert sich an seine Zeit am Gymnasium, als er und seine Schulkollegen von einem Lehrer als «trübe Molchgesellschaft» beschimpft wurden. Oder als ein Korporal in der RS zu ihm sagte: «Sie tun ja dümmer als eine schwangere Bergente!» «Heute lache ich zwar darüber. Abwertung und Verletzung bleiben allerdings oft hängen.» Deshalb sollte man sich an das Wesen des Fluchens erinnern: Es hilft vor allem, wenn Sie an der eigentlichen Situation nichts ändern können. Und dazu muss man niemanden beleidigen, sondern kann auch leise vor sich hinfluchen oder seine Flüche laut in den Wald schreien. Bei Konflikten gilt: Jemanden mit Schimpfwörtern zu bombardieren, ist nicht empfehlenswert, egal wie gross der Ärger ist. Das verhärtet nur die Fronten – und bewirkt neue Stresszustände wie zum Beispiel Schuldgefühle. Es kann sogar Freundschaften kosten. Im direkten Umgang mit Menschen ist es also auf jeden Fall besser, ein konstruktives Gespräch zu führen, als laut drauflos zu fluchen.

Die Fluchlandschaft verkümmert
Natürlich wird nicht nur im wahren Leben drauflosgeschimpft, sondern auch in der Literatur. Wobei wohl kaum ein anderer eine so ausgeprägte Fluchkultur hat wie Tims cholerischer Freund Kapitän Haddock. Von ihm kann man die hohe Kunst des Fluchens, die zunehmend in Vergessenheit zu geraten scheint, (wieder) erlernen (siehe Buchtipps).

Roland Ris findet es schade, dass eine einst vielfältige Fluchlandschaft, wie sie gerade in der Schweiz mit ihren vielen Dialekten erblühte, zunehmend verkümmert. «Der Bruch kam nach dem Zweiten Weltkrieg», berichtet er. «Damals schwappte die amerikanische Massenkultur auf Europa über. Dies hatte zur Folge, dass kreative Flüche wie ‹Potz Mäntänneli›, ‹Stärnelatärne›, ‹Herrschaft nünevierzgi›, ‹Donnerlidonnerli›, ‹um Hinmelshärdöpfelswille› oder ‹S-eichhörnli›, die sich aus sich heraus weiterentwickelten und einst weit verbreitet waren, nach und nach verschwanden.» Sie machten globalen Obszönitäten wie «Fuck» oder «Hurensohn» und verbalen Fäkalien wie «Shit» oder «Scheisse» Platz. Seit der Globalisierung werde ohnehin zunehmend eine ordinäre Sprache kultiviert, findet Ris. «Wohl auch deshalb haben junge Menschen oft Mühe, den richtigen Ton zu finden und lassen gelegentlich eine der Gesprächssituation angepasste Sprachebene vermissen.» Spracherziehung funktioniere allerdings nicht mit Verboten, betont der Fluchexperte. «Vielmehr sollte man die Jungen darauf hinweisen, dass jede Gesprächssituation eine angemessene Ausdrucksweise verlangt. So können sie sich mit ihren Freunden anders unterhalten, als mit den Eltern oder anderen Autoritätspersonen.»

Fluchen und Schimpfen ist gut für die Psychohygiene.

«Potz Heilanddonner!»: Fluchen lindert Schmerzen und ist gesund

Jeder braucht ein Überdruckventil. Fluchen kann ein solches sein. Es kann sogar gesund und glücklich machen. Und: In einer neurologischen Studie der englischen Keele Universität fanden Wissenschaftler heraus, dass Flüche Schmerzen lindern können. Der mögliche Grund: Fluchen ruft eine psychische Stressreaktion hervor, viele Menschen fangen dabei sofort an zu schwitzen; der Körper scheint sich auf einen Kampf vorzubereiten, dabei werden neben Schweiss, Adrenalin und Cortisol auch Endorphine ausgeschüttet. Und die sorgen dafür, dass der Schmerz länger ertragen werden kann.

Beim Sport wiederum hilft Fluchen, besonders anstrengende Einheiten zu überstehen: Eine Studie fand heraus, dass durch Fluchen die Leistungsfähigkeit um 8 % steigt. Und: Im Auto andere Verkehrsteilnehmer zu beschimpfen, reduziert Stress und wirkt befreiend. Wenn wir dabei allerdings keine Schimpfwörter benutzen, bleiben wir im kontrollierten Modus und der Stressabbau funktioniert nicht.

Und sogar im therapeutischen Prozess kann das Fluchen hilfreich sein. Das zumindest behauptet der deutsche Psychologe und Psychotherapeut Werner Gross: «Wer Hass oder Wut verspürt, tut gut daran, diese Gefühle herauszulassen.» Allerdings gilt, wie bei vielem anderen, auch beim Schimpfen und Fluchen: nicht übertreiben! So zeigte sich bei der englischen Schmerzstudie, dass Probanden, die häufig fluchen, die Schmerzen nicht annähernd so stark reduzieren konnten, wie jene Probanden, die im Alltag so gut wie nie fluchen. «Fluchen als Charakterzug ist schädlich für die Gesundheit», schlussfolgert denn auch Gross, ein bekennender Gelegenheits-Flucher. Er betont: «Der eigene Stress darf nicht an andere Menschen delegiert werden.» krea

Leseraufruf
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Buchtipps
André Meinunger «Sie Vollpfosten! Gepflegte Beleidigungen für jeden und jede», Duden 2017, ca. Fr. 14.–

Albert Algoud «Hunderttausend Höllenhunde: Haddocks Einmaleins des Fluchens», Carlsen 1999, ca. Fr. 17.–

Foto: Lina Hodel

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