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Heilkunst aus dem Kloster

Kategorie: Gesundheit
 Ausgabe_06_08_20 - 25.05.2020

Text:  Lioba Schneemann

Einst lag das medizinische Wissen in den Händen von Nonnen und Mönchen. Was können wir heute lernen von der traditionellen Klostermedizin?

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«Auch die Ehre des Fenchels sei hier nicht verschwiegen; er hebt sich kräftig im Spross, und er streckt zur Seite die Arme der Zweige, sowohl sehr süssen Geschmacks als auch süssen Geruches. Nützen soll er den Augen, wenn sie Schatten trügend befallen, und sein Same, mit Milch einer Ziege getrunken, lockere, so sagt man, die Blähung des Magens und fördere lösend alsbald den zaudernden Gang der lange verstopften Verdauung. Ferner vertreibt die Wurzel des Fenchels, vermischt mit dem Weine getrunken, den keuchenden Husten.»

Walahfrid Strabo, Benediktiner, Dichter, Botaniker, Diplomat und von 838 bis 849 Abt des Klosters Reichenau, lobt in seinem Lehrgedicht «Hortulus» den Fenchel in den höchsten Tönen. Zu Recht! Fenchel wird heute noch in der Pflanzenheilkunde häufig und erfolgreich verwendet, sei es zur Förderung der Muttermilchbildung oder bei Magenproblemen und diversen anderen Beschwerden.
24 Gartengewächse hat Strabo in seinem bekannten Werk nach Form, Farbe, Duft, Geschmack und Ertrag aufgeführt und ihre jeweilige Heilkraft beschrieben. Zu den Heilpflanzen gehörten unter anderem heute noch bekannte Vertreter wie Salbei, Wermut, Schlafmohn, Liebstöckel, Kerbel, Flohkraut, Rettich und Minze. Strabos Werk – wie auch andere mittelalterliche Schriften – zeigen, dass das medizinische Wissen der Nonnen und Mönche sehr gut entwickelt war. «Die wesentliche Leistung von Autoren wie Hildegard von Bingen oder etwas früher Heinrich von Huntingdon in England, war es, Pflanzen zu beschreiben, die von den mediterranen Autoren der Antike noch nicht berücksichtigt worden waren», sagt Tobias Niedenthal von der Forschergruppe Klostermedizin der deutschen Universität Würzburg. So seien im Mittelalter erstmals die Ringelblume oder der Echte Lavendel medizinisch beschrieben worden.

Andorn hilft bei Lungenkrankheiten
Eine wichtige, aber heute fast vergessene Pflanze war von der Antike bis zur Neuzeit der Andorn. Zwar ist er noch als Arzneipflanze anerkannt, fristet jedoch ein Schattendasein. Aufgrund seiner historischen Bedeutung und der umfangreichen Dokumentation seiner Wirkungen hat ihn der «Studienkreis Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde» an der Universität Würzburg zur Arzneipflanze des Jahres 2018 gekürt. Der Andorn enthält kräftige Bitter- und Gerbstoffe und wurde vor allem bei Lungenerkrankungen und hartnäckigem Husten eingesetzt, aber auch bei Brüchen, Verstauchungen, Krämpfen und Erkrankungen der Sehnen. Hildegard von Bingen empfiehlt eine Abkochung von Andorn, Fenchel und Dill mit Wein gegen starken Husten.

In allen einschlägigen Werken bis ins 18. Jahrhundert hinein werden zudem auch Ohrenschmerzen und Probleme bei der Geburt sowie Menstruationsbeschwerden unter den Indikationen angeführt. Im 19. Jahrhundert konzentrierte sich die Anwendung auf die schleimlösende Wirkung in den Atemwegen und auf Verdauungsprobleme. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts diskutierte man in Frankreich sogar eine Wirkung bei Malaria. Tobias Niedenthal: «Erforscht wird heute auch die schmerzlindernde, genauer antinozizeptive Wirkung, etwa im Vergleich zu Diclofenac und Acetylsalicylsäure, kurz ASS.» Andornprodukte gibt es als Tropfen und Presssaft. Andorn ist übrigens auch eines der 13 Kräuter in den Ricola-Bonbons.

Heilziest, Galgant und Zitwer
Ein weiteres Beispiel von einst wichtigen Arzneipflanzen ist der Heilziest, auch Echte Betonie geheissen. Er ist heute als Heilmittel nicht mehr anerkannt, kann jedoch als Lebensmittel genutzt werden. «Die Betonie war die ‹Modedroge› im Mittelalter, ähnlich wie heute Kurkuma», weiss Niedenthal. Heilziest sei so etwas wie das «Aspirin des Mittelalters» gewesen und wurde als Mittel bei Kopfschmerzen verwendet. Aber auch bei Lungenverschleimungen, Sodbrennen, Gicht, Nervenschwäche, Katarrhen sowie Blasen- und Nierensteinen soll er geholfen haben. Denkbar, so Niedenthal, sei auch die Verwendung als Adstringens. «Der Heilziest könnte für viele Beschwerden potenziell genutzt werden», ist er überzeugt, «aber das wurde bisher nie wissenschaftlich untersucht.»

Die Ingwergewächse Galgant und der mit Kurkuma eng verwandte Zitwer, um weitere Beispiele zu nennen, waren im Mittelalter auch bei uns wichtige Arzneien. Galgant ist heute als Thai- oder Siam-Ingwer bekannt und wird oft und reichlich in der asiatischen Küche verwendet. Im 12. Jahrhundert soll die Wurzel auch in Europa so beliebt gewesen sein, dass ihre Fälschung ein lukratives Geschäft war.
Über den Zitwer schrieb Hildegard von Bingen, dass er mässig warm sei und eine grosse Wirkkraft in sich habe. Sie empfahl die scharfe Wurzel bei Zittern, übermässigem Speichelfluss, Kopfschmerzen und Magenleiden. Die allgemeine Klosterheilkunde empfahl Zitwer vor allem bei Magen-Darm-Beschwerden sowie bei Atemwegserkrankungen und Erkältungen. Unter vielen weiteren Indikationen fanden sich Pest, Leberleiden, Augentrübung, Zahnweh und, entsprechend seiner heissen Qualität, Impotenz.

Segensreiche Fülle an Heilpflanzen
Für pflanzliche Arzneimittel werden heute in Europa etwa 250 Pflanzen genutzt. Dabei gibt es sehr viel mehr teilweise äusserst wirksame Heilpflanzen. Doch viel Wissen darüber geriet in Vergessenheit. Die Gründe dafür sind laut Niedenthal vielfältig: «Nicht wenige Anwendungen gingen nach dem Aufkommen der Universitäten in das über, was man Volksheilkunde oder Hausmittel nennen könnte. Bei vielen Leiden gibt es inzwischen bessere Alternativen als Heilpflanzen. Und einige Pflanzen sind auch zu gefährlich für den Einsatz als Vielstoffgemisch.»

«Jede Krankheit ist heilbar – aber nicht jeder Patient.» Hildegard von Bingen, 1098–1179

Im Vergleich zu Einzelstoffen bieten Vielstoffgemische handkehrum auch wesentliche Vorteile. Das zeigt sich bei der eminent wichtigen Suche nach pflanzlichen Antiinfektiva, die bei leichteren Infektionskrankheiten eine Alternative zu den klassischen Antibiotika sein können. Gerade weil Antibiotika nur über einen einzelnen Wirkmechanismus verfügen, kommt es leicht zu Resistenzen. Die Gefahr sei bei Vielstoffgemischen deutlich weniger gross, betont Niedenthal. Und: «Pflanzliche Vielstoffgemische wirken in der Regel auch nicht nur singulär gegen bestimmte Bakterien wie Antibiotika, sondern auch gegen einige Pilze und Viren. Gerade das macht sie so interessant für die Behandlung leichter bis mittelschwerer Infektionen.»  

Klostergärten – die Wurzeln unserer Medizin
Mit der Klostermedizin ist eine medizinhistorische Epoche gemeint, deren Blütezeit in der Zeit vom 8. bis 12. Jahrhundert lag. In dieser Zeit lag die medizinische Versorgung in den Händen von Mönchen und Nonnen: Medizin war Handwerk und angewandte Theologie zugleich; ausserhalb der Klöster gab es keine medizinische Ausbildung. Benedikt von Nursia sowie Cassiodor, der Gründer des Benediktiner Ordens, und Isidor von Sevilla legten im 6. und 7. Jahrhundert die Basis der Klosterheilkunde. Eine weitere Grundlage war die Naturenzyklopädie des antiken Naturforschers Plinius des Älteren (23–79 n. Chr.).
Benedikts Regel, dass die «Sorge für die Kranken die wichtigste Aufgabe der Mönche» sei, etablierte sich. Die Caritas (Barmherzigkeit) legte den Boden für eine systematische Medizin, die Klosterheilkunde. Klostergärten wurden angelegt, spezifische Pflanzen erforscht. Berühmtestes Werk ist das Lehrgedicht «Hortulus» des Benediktinerabts und Beraters der karolingischen Könige Walahfrid Strabo (808–849 n. Chr.), der darin 24 Pflanzen von Ambrosia über Frauenminze bis Wermut und deren medizinische Anwendung beschreibt. Etwa zeitgleich wurde medizinisches Wissen im «Lorscher Arzneibuch» des Klosters Lorsch (Worms) niedergeschrieben. Im 11. Jahrhundert verfasst der Mönch Odo de Meung ein Standardwerk der Kräuterheilkunde, «Macer floridus», das in Europa Verbreitung fand. 
Die Klosterapotheken erlebten vor allem im Barock eine Blütezeit; nach der Säkularisation war es damit vorbei, unter anderem, weil im 12. Jahrhundert Geistlichen die Ausübung der Heilkunde verboten wurde und die Berufe des Arztes und des Apothekers getrennt wurden.

Foto: swiss-image.ch/ivoscholz 

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