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Zahnspangen: ja oder nein?

Kategorie: Gesundheit
 Ausgabe_04_20 - 29.04.2020

Text:  Anja Huber

Etwa jedes zweite Kind in der Schweiz trägt eine Zahnspange. Doch die Korrektur verläuft nicht immer problemlos. Dabei könnten in vielen Fällen auch sanftere Methoden helfen.

@ iStock.com

Von Natur aus haben nur die wenigsten Menschen ein perfektes Gebiss. Doch ebenmässige Zähne gelten in unserer Gesellschaft als Schönheitsideal und Statussymbol. Und so ist es heute Usus, Kindern eine Zahnspange zu verpassen – meist im Alter zwischen zehn und zwölf Jahren. Als Teenager soll dann das Lächeln perfekt sein.

Doch nicht allen (Ex-)Zahnspangen-Trägern ist zum Lachen zumute. Denn wenn die Zähne von Ober- und Unterkiefer ohne Rücksicht auf die Position der Kiefergelenke und muskuläre Funktionen neu ausgerichtet werden, kann dies zu Kiefergelenkbeschwerden führen – mit gesundheitlichen Auswirkungen auf den ganzen Körper. Darunter etwa die «Craniomandibuläre Dysfunktion» (CMD), die durch ein Missverhältnis zwischen dem Schädel (Cranium) und dem Unterkiefer (Mandibula) zu vielfältigen Symptomen führen kann.

CMD verursacht vor allem massive Verspannungen und dadurch Schmerzen: An den Zähnen, im Kiefergelenk-, Kopf-, Nacken- und Rückenbereich ausstrahlend bis hin zum Becken. Das kann Einfluss auf die Körperhaltung haben, was muskuläre Dysbalancen, Bewegungseinschränkungen und Fehlhaltungen begünstigt. Weitere Symptome können Schluckbeschwerden, nächtliches Zähneknirschen, Schnarchen, Sehfeldbeeinträchtigungen und Ohrgeräusche sein. Dass jedes dieser Symptome auf ein Missverhältnis zwischen dem Schädel und dem Unterkiefer sowie fehlenden Zahnkontakten zurückzuführen sein kann, ist in der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt; selbst von vielen Fachärzten wird dies oft nicht wahrgenommen oder erkannt.

Einen «falschen Biss» auszugleichen, ist deshalb wichtig. Doch viele Apparaturen, die bei unseren Kindern im Mund zum Einsatz kommen, sind zu invasiv: Das sogenannte «Herbst-Scharnier» etwa besteht aus zwei Metallstegen, die den Unter- und Oberkiefer links und rechts verbinden; befestigt sind sie in der Regel an den unteren Eck- und den oberen ersten grossen Backenzähnen. Es wird bei einem grossen Überbiss als Alternative zur OP propagiert. Der Druck durch das Gerät verändert die Stellung der Kiefergelenke und Zähne zueinander – innerhalb weniger Monate! Das sind massive Eingriffe in den Körper! Kommt es dabei zu Beschwerden, verschreiben die behandelnden Ärzte gerne Schmerzmittel.

Wenn der Biss fehlt
Die sogenannte «funktionelle Kieferorthopädie» hingegen beurteilt die korrekte Zahnstellung immer im Zusammenhang mit den physiologischen Bewegungsmustern der Kiefergelenke, den Funktionen der umliegenden Muskulatur sowie der Ruhelage der Zunge. Wichtig ist der korrekte Stand der Zähne von Ober- und Unterkiefer bei optimaler Kiefergelenkposition. Ist dieser durch schief oder zu eng stehende Zähne gestört, kommen in der funktionellen Kieferorthopädie sanfte Apparaturen zum Einsatz, etwa der «Bionator». Der Bionator wird, statt einer festsitzenden Zahnspange, locker im Mund platziert; über das Weichgewebe von Gesichts- und Mundmuskeln, insbesondere der Zunge, wirkt er auf Kieferknochen- und Zahnstellung ein. Statt Schmerzmittel setzt die funktionelle Kieferorthopädie auf interdisziplinäre Zusammenarbeit, etwa mit der Osteopathie oder Craniosacraltherapie. Diese helfen dem Schädel und den Weichteilen, die Veränderungen von Zähnen und Kiefer besser «mitzumachen». Besonders hohe Bedeutung kommt auch der sogenannten Myofunktions-Therapie (MFT) zu.

«Eine Zahnkorrektur kann langfristig nur erfolgreich sein, wenn auch fehlerhafte Mund- und Zungenbewegungen korrigiert werden.» Ivona Schwaiger, Myofunktions-Therapeutin

Augenmerk auf Zunge
Als myofunktionelle Störungen werden Probleme im Bewegungsmuster der inneren und äusseren Mundmuskulatur bezeichnet, durch die das Schlucken nicht mehr normal abläuft: Die Zunge wird beim Schluckvorgang gegen oder zwischen die Vorder- und/oder die Backenzähne gepresst, statt nach oben gegen den harten Gaumen. «Ein solch falscher Schluckvorgang kann weitreichende Folgen für die Muskulatur des Mundbereichs, des Kiefers und für die Zähne haben», warnt die Logopädin Sibylle Wyss-Oeri aus Bern. Denn die Zunge verfüge über sieben starke Muskeln mit einer Druckkraft von 1,5 bis 3 Kilogramm. Und wir schlucken viel und anhaltend: pro Minute tagsüber zwei-, nachts einmal; macht summa summarum rund 2400 Mal pro Tag. «Daher kann ein falsches Schluckmuster sowie eine unnatürliche Zungenruhelage zu Fehlstellungen der Zähne, Fehlbildungen des Kieferknochens, Kiefergelenkbeschwerden und CMD führen, aber auch zu Artikulationsstörungen, Fehlhaltungen und einer erhöhten Anfälligkeit für Atemwegsinfektionen. Letzteres, weil Betroffene ständig den Mund offen halten und so vermehrt durch ihn atmen», erklärt Wyss-Oeri.

Durch funktionsstimulierende Massagen von Kopf bis Fuss, gezieltem Lippen- und Zungenmuskelaufbau, Schlucktraining und anderen MFT-Methoden und Hilfsmitteln kann das richtige Schlucken und die natürliche Zungenruhelage – am oberen Gaumen hinter den Zähnen – (wieder) erlernt werden. «Liegt die Zunge bei geschlossenem Mund nicht am richtigen Ort, stimuliert sie auch nicht einen bestimmten Triggerpunkt, der Einfluss auf das Wachstum des Oberkiefers nimmt», fährt die Logopädin fort. «Ausserdem korrespondiert dieser Triggerpunkt mit dem limbischen System im Gehirn, das unter anderem an der Steuerung von Emotionen, Konzentration und der Verknüpfung von Lerninhalten massgeblich beteiligt ist. Ich habe schon erlebt, dass sich Konzentrationsprobleme durch die richtige Zungenlage abschwächen.»

Allerdings müssen Patienten sich aktiv an der Myofunktions-Therapie beteiligen: Sie dauert bis zu zwei Jahre und beinhaltet tägliche «Hausaufgaben». Diese nehmen jedoch nur ein bis fünf Minuten in Anspruch und lassen sich gut in den Alltag integrieren. Zur Therapie muss man anfangs etwa alle zwei, später nur noch alle vier bis sechs Wochen. «Die Compliance des Patienten ist unabdingbar», betont Wyss-Oeri. «Schliesslich müssen falsche Muster umgelernt werden.» Die Bezahlung einer MFT (ca. Fr. 150.– /h) erfolgt in der Regel durch die Zusatzversicherung der Krankenkassen.

Effektivere Zahnkorrektur
Wird die Kraft der Zunge bei falschen Schluckmustern während einer Zahnkorrektur nicht in ihre natürliche Richtung gebündelt, wirkt sich das auf den Patienten ungünstig aus: Jugendliche sind jahrelang in Behandlung und erhalten immer neue Apparaturen, durch die ihre Zähne hin- und hergeschoben werden. Solche Eingriffe können z. B. CMD nach sich ziehen. Verläuft eine Zahnkorrektur per «Spange» erfolgreich, kleben Kieferorthopäden routinemässig einen Erhaltungsdraht hinter die Zähne, um einen Rückfall in die alte, unschöne Kiefer- und Zahnstellung zu vermeiden. Wirken aber die alten Muskelkräfte weiter, verschiebt sich unter Umständen dennoch alles wieder. «Dann schauen wir, wie der Patient schluckt und was die Zunge macht», sagt Ivona Schwaiger, die in einer Baselbieter Zahnarztpraxis als MF-Therapeutin arbeitet. «Eine Zahnkorrektur kann langfristig nur erfolgreich sein, wenn auch fehlerhafte Mund- und Zungenbewegungen in geordnete Abläufe gebracht werden», betont sie. Viel besser als eine Nachbehandlung sei es oft jedoch, schon vor Beginn der Kieferorthopädie myofunktionell zu therapieren. «Die Zahnspange führt dann meist problemloser und oft auch schneller zum Ziel.»

« Die ersten zwei, drei Jahre sind Nuggis okay, aber bitte nur kurz zur Beruhigung. » Sibylle Wyss-Oeri, Logopädin

Nicht so viel nuckeln!
Damit Kinder sich das korrekte Schluckmuster angewöhnen, sodass sich Kiefer und Zähne physiologisch entwickeln und idealerweise eine spätere Zahnkorrektur vermieden wird, bieten einige Zahnarztpraxen, Schulzahnkliniken, Logopäden und MF-Therapeuten eine Frühberatung für Drei- bis Vierjährige an. Eltern können sich dort Rat für die Abgewöhnung des Schnullers, Daumen, Nuschis oder Schoppens holen. «Denn durch diese Verhaltensweisen werden Fehlstellungen von Kiefer und Zähnen provoziert. Auch die Sprachentwicklung kann dadurch beeinträchtigt werden», warnt Wyss-Oeri.

Ebenso sei das im Mund Behalten bzw. Spielen mit Schoppen, Schnabelbecher oder Sigg-Flasche nach dem Trinken nicht zu empfehlen. All dies verhindere die Anbahnung eines korrekten Schluckmusters und dass die Zunge ihre korrekte Ruheposition einnehmen kann. «Die ersten zwei, drei Jahre sind Nuggis okay, aber bitte nur kurz zur Beruhigung», meinen Schwaiger und Wyss-Oeri. Warnzeichen, dass Dreibis Vierjährige kein korrektes Schluckverhalten oder einen Fehlbiss entwickeln, sind fehlende Speichelkontrolle, eine offene Mundhaltung und viele Erkältungen. Möglichst langes Stillen trägt hingegen zur richtigen Ausformung von Kiefer, Zähnen und Schluckmuster bei. «Man kann viel prophylaktisch tun», appellieren die beiden MF-Therapeutinnen.

Buchtipps



Torsten Pfitzer «Kiefer gut, alles gut», Riva Verlag 2018, ca. Fr. 25.–
Anita Kittel «Myofunktionelle Therapie», Schulz-Kirchner Verlag 2014, ca. Fr. 30.–

Links
Myofunktions-Therapeuten findet man über den Berufsverband für Myofunktionelle Therapie: www.fksc-mft.ch

Informationen rund um ganzheitliche Zahnheilkunde bietet die Internationale Gesellschaft für Ganzheitliche ZahnMedizin e.V. (GZM) auf ihrer Homepage: www.gzm.org/patienten/ganzheitliche-zahnmedizin.html

Fotos: iStock.com | ZVG

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