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Leben ohne Stress

Kategorie: Gesundheit

Text:  Sabine Hurni

«In der Ruhe liegt die Kraft» ist wohl eine der populärsten Redewendungen überhaupt. Ursprünge dieser Aussage finden sich in uralten fernöstlichen Weisheitslehren – und doch ist der Spruch so aktuell wie nie: Ruhe ist zum Luxusgut geworden.

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Wo findet man denn heutzutage noch absolute Ruhe? Vielleicht in einer Kirche oder in der Bibliothek; um vier Uhr morgens, wenn alles schläft; oder während peinlichen Momenten des betretenen Schweigens.

Abwesenheit von Lärm ist aber nur ein Aspekt des Begriffs Ruhe. Ruhe ist auch Bewegungslosigkeit sowie erholsame Untätigkeit. Als letzte Ruhe bezeichnet man den Tod. Indem wir Ruhe bewahren, üben wir uns in Gelassenheit und einen Zustand von friedlicher Ruhe erleben wir im traumlosen Schlaf. Der Zustand der Ruhe ist sozusagen ein Zustand zwischen Aktivität und Gleichgültigkeit, Eifer und Hektik, Enthusiasmus und Apathie. Es ist oft schwierig, im Alltag zur Ruhe zu kommen. Aktivismus, Beunruhigung, Sorgen, Gedanken, Anspannung und Ungeduld prägen unser Leben und hindern uns daran, still zu werden. Selbst am Feierabend und in der Nacht bleibt der Puls hoch; der Atem geht schnell und Körper und Geist sind derart aktiviert, dass an Schlafen nicht zu denken ist.

Im Ayurveda zählt dieser Zustand zu Vata, der Energie des Windes und des Raumes. Bildschirmarbeit, Reisen, ständiges Unterbrochenwerden, Ablenkungen, Schlafmangel und viel Reden erhöhen die Windenergie. Der Zustand der Ruhe hingegen gehört zu Kapha, der Energie der Erde und des Wassers. Zum Glück sorgen viele vorweihnächtliche Gaumenfreuden für eine Zunahme von Kapha: Würzige Spezialitäten wie Lebkuchen, Glühwein und Chai, schwere Käsegerichte oder über dem Feuer geröstete Marroni zählen dazu. Alles was warm, süss, feucht, fettig und schwer ist, erhöht die Kapha-Energie und wirkt deshalb eher erdend. Das muss nicht zwingend ein süsses Gebäck sein. Kürbis, Süsskartoffeln, Nüsse oder Pastinaken schmecken ebenfalls süsslich und sorgen im Körper für Ruheenergie. Genauso wie ein warmes Fussbad, eine Ölmassage und in strikter Regelmässigkeit durchgeführte Alltagsrituale, zum Beispiel fixe Arbeits-, Schlafens- und Essenszeiten.

Im Strudel der Hektik kommt die Ruhe zwar oft viel zu kurz. Wer sich jedoch für die Ruhe entscheidet, merkt bald, dass es gar nicht so schwierig ist, sie im Alltag zu kultivieren. Was es jedoch braucht, ist ein klares Ja zu diesem Entscheid. Ein Ja zur Ruhe. Ein Ja zum Durchatmen. Ein Ja zu sich selbst. Nicht für den Rest des Lebens. Nur für einen kurzen Moment, einen Tag oder eine Woche. Das geht ungefähr so:

1. Treffen Sie heute den Entschluss, während den nächsten sieben Tagen die Ruhe in sich gedeihen zu lassen. Freuen Sie sich darauf, in einer Woche ein ruhigerer Mensch zu sein.

2. Nehmen Sie sich vor, jeden Tag eine Handlung auszuführen, die für Sie mit Ruhe verbunden ist. Vielleicht auch etwas, das Sie sonst nicht tun würden. Vielleicht schweigen Sie einen Nachmittag lang oder chanten Sie ein Mantra.

3. Wenn Sie morgens aufwachen, sagen Sie sich: «Ich entwickle Ruhe» oder «Ruhe breitet sich in mir aus» oder «ich werde von Tag zu Tag ruhiger». Solche positiven Sätze nennt man Affirmationen.

4. Wiederholen Sie Ihre persönliche Affirmation jeden Tag mehrmals.

In der Vorweihnachtszeit, die schon bald beginnt, gibt es unzählige besinnliche Möglichkeiten, um Ruhe zu finden. Das hiesse aber, den Blick abzuwenden von all den lockenden Lichtern der Weihnachtsmärkte und einlullenden, mit Weihnachtsliedern dauerbeschallten Kaufhäusern. Es hiesse auch, nicht jeden Gang des tollen Weihnachtsessens zu fotografieren und mit seinen virtuellen Freunden zu teilen, sondern das Handy wegzulegen und den Moment mit allen Sinnen zu geniessen. Vielleicht heisst es auch, statt Facebook-Posts zu liken, einem lieben Menschen mal wieder eine analoge Karte zu schicken oder einer fremden Person ein herzliches Kompliment zu machen.

Im digitalen Zeitalter ist die innere Unruhe weit verbreitet. Eltern von Teenagern können ein Lied davon singen, wie stark Smartphones den Alltag von Jugendlichen prägen. Die Erwachsenen sind aber genauso wenig davor gefeit, zu digitalen Knechten zu werden. Die meisten (a-) sozialen Medien halten uns davon ab, in Ruhe mit jemandem zusammenzusitzen und vertiefte Gespräche zu führen. Jedes Klingeln, Surren, Pfeifen und Pupen des Handys setzt das Gehirn in eine Art Alarmbereitschaft, die weit weg vom Zustand der Ruhe ist. Wenn Sie sich also für die Ruhe entscheiden, dann stellen Sie um Himmels willen ihr Handy ab! Legen Sie es im Flugmodus in einen anderen Raum. Denn sonst ist die Verlockung gross, doch immer wieder aufs Display zu schielen. Es ist beängstigend, wie schnell wir uns durch das Tablet und das Smartphone ablenken lassen, wie oft wir Gespräche unterbrechen, um angekommene Kurznachrichten zu checken. In freien Minuten lesen oder schreiben wir Nachrichten, scrollen durch Facebook, tweeten, tindern, gamen. Kurz – das kleine Spielzeug ist zum idealen Begleiter geworden, um «langweilige» Wartezeiten zu überbrücken.

Dabei wäre Langweile wichtig, um Ruhe in den Kopf zu bringen. Wer sich langweilt, schafft Platz für Neues, weil die Gedanken durch Hirnwindungen wandern, die sie sonst nie betreten würden. Auch scheinbar stumpfsinnige Tätigkeiten wie das Zählen aller roten Autos auf der Strasse, der Astlöcher im Parkett oder aller Kommas in einem Text reduziert die Hirnaktivität – ähnlich wie es das Meditieren tut. Nach einer Meditation ist das Hirn wieder wesentlich leistungsfähiger, als wenn es sich nicht gelangweilt oder gar angestrengt hätte. Um sich per sofort Zeit und Ruhe zu verschaffen, gibt es deshalb nur dies: Fixe Zeiten festlegen, wann man das Smartphone benutzt und, vor allem zu Hause, Smartphone-freie Zonen einrichten, etwa das Schlafzimmer. Das sind gute Voraussetzungen, um zur Ruhe zu kommen. So gewinnt man nicht nur Ruhe, sondern auch Zeit, die man für andere Dinge nutzen kann. Die Beziehung und Freundschaften pflegen zum Beispiel, Zeit mit den Kindern verbringen oder das Haus wieder mal entrümpeln. Und das in aller Ruhe.

Buchtipp: Astrid Göpfrich «Herr Fliegenbein und die Suche nach der Stille», Pendo 2019, ca. Fr. 21.90

* Sabine Hurni ist dipl. Drogistin HF und Naturheilpraktikerin, betreibt eine eigene Gesundheitspraxis, schreibt als freie Autorin für «natürlich», gibt Lu-Jong-Kurse und setzt sich kritisch mit Alltagsthemen, Schulmedizin, Pharmaindustrie und Functional Food auseinander.

Fotos: iStock.com | sebastiano bucca
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