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Demut und innere Stärke

Kategorie: Gesundheit
 Ausgabe_09_19  - 06.08.2019

Text:  Fabrice Müller

Der heilige Benedikt von Nursia, Ordensbegründer der Benediktiner und Patron Europas, hat vor über 1500 Jahren östliches Gedankengut in die westlichen Klöster gebracht. Seine Regel mit ihren 73 Kapiteln, geschrieben in der Zeit der grossen Völkerwanderung, hat überraschend viel Aussagekraft für unser Globalisierungszeitalter. Die Benediktsregel befasst sich vor allem mit dem Zusammenleben und Führen von Menschen und kann uns auch heute noch Richtschnur für ein gutes Leben sein.

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Wenn Sandra Ottenbacher in ihrem beruflichen oder auch privaten Umfeld Menschen auf die Regel des heiligen Benedikt von Nursia (um 480–547) anspricht, stösst sie nicht überall auf offene Ohren. «Manche wollen nichts davon wissen, weil es ihnen zu stark ins Religiöse geht», erzählt die Inhaberin von Ottenbacher Consulting in Horw, einem Dienstleistungsunternehmen rund um Personal und Unternehmensführung. Diese ablehnende Haltung sei schade, findet Ottenbacher, denn: «Die Regel des Benedikts beinhaltet Führungsgrundsätze, die unabhängig von Religionen ihre Gültigkeit haben.» Zudem hätten die Werte des heiligen Benedikts auch in der modernen (Unternehmens-)Führung durchaus ihre Berechtigung. Jedoch seien Glaubensthemen gerade im Personalbereich tabu. «Dabei war der heilige Benedikt nicht nur ein Pionier im Geistlichen, sondern auch ein Manager, der wertvolle Impulse im Umgang mit Gütern und Menschen vermittelt», erläutert Ottenbacher. Natürlich müsse man die Regel des Benedikts, die im Frühmittelalter für das Klosterleben verfasst wurde, in die heutige Zeit übersetzen. «Dann aber hat sie nichts von ihrer Brisanz verloren», findet die Unternehmensberaterin. 


Prägend für das Abendland

Mit seiner Regel, bei der unter anderem Mitgefühl und Demut, aber auch Disziplin und Verantwortung im Zentrum stehen, stiess Benedikt zu seiner Zeit als Ordensgründer und Abt nicht überall auf Gegenliebe. Mehrmals hat man in seinen eigenen Reihen offenbar versucht, ihn zu vergiften. Allerdings vergeblich. Einer, der sich intensiv mit dem Heiligen und seinem Geistesgut beschäftigte, ist Baldur Kirchner. Der Psychologe und Dozent hält in seinem Seminarhaus im schwäbischen Kammeltal-Ettenbeuren regelmässig Vorträge und gibt Seminare zu den Führungsgrundsätzen des heiligen Benedikts; ausserdem setzt er sich in seinem Buch «Benedikt für Manager» mit den geistigen Grundlagen des Führens auseinander. «Durch seine vorbildliche Lebensweise und die Regel, die er für seine Mönchsgemeinschaft zusammenstellte, wurde Benedikt zu einer Leitfigur. Das Geistesgut des Benediktinischen ist für das abendländische Kulturleben prägend geworden», umschreibt Baldur Kirchner die Relevanz des heiligen Benedikt.

Bei sich beginnen

Im Gegensatz zu vielen Führungs- und Lebensratgebern verliert sich Benedikt nicht in Äusserlichkeiten. Er setzt dort an, wo der Ursprung unseres Denkens und Handelns ist: in unserem Innern. Diese kontemplative Fokussierung sei es denn auch, was ihn am heiligen Benedikt so fasziniere, sagt Kirchner. «Wer sich und andere Menschen leitet, soll bei sich selber, im Innern, beginnen. Wer indes nur eine Methode praktiziert, verehrt die Vase, aber nicht den Inhalt. Die ‹Regula Benedicti› schenkt Orientierung und führt zu innerer Festigkeit», so der Psychologe.

Sandra Ottenbacher versucht, die Benediktregel in ihren Alltag einfliessen zu lassen – wenn auch nicht immer bewusst, wie sie betont. Einige Gedanken und Kapitel des Heiligen haben es ihr besonders angetan. Dazu gehört zum Beispiel der Satz: «Auch wenn man einem Mönch nichts geben kann, kann man ihm ein gutes Wort geben.»
Das heisst für die Personalfachfrau: «Man kann nicht alle Forderungen der Mitarbeitenden erfüllen. Doch man kann ihnen Wertschätzung in Form von Worten schenken.» Der heilige Benedikt forderte von seinen Mitbrüdern Gehorsam. Damit sei jedoch – so Ottenbacher – nicht nur jener der Mitarbeitenden gemeint. «Im Mittelteil des Wortes ‹Gehorsam› steckt das Wort ‹Horchen›. Die Führungskraft muss zuhorchen, was ihre Mitarbeitenden oder Mitmenschen bewegt. Nur so ist man in der Lage, veränderte Stimmungen schnell und zuverlässig zu erkennen und entsprechend zu handeln.» Und schliesslich nennt Ottenbacher die Demut, die Benedikt von den Menschen, insbesondere von Führenden fordert. «Das mag jetzt ziemlich altmodisch klingen. Aber gerade eine Führungskraft muss dienen können – den Mitarbeitenden und dem Unternehmen gegenüber.»

Verantwortung und Selbstwert
Baldur Kirchner interpretiert die Regel des heiligen Benedikts als ein Angebot von Werten. In vielen der 73 Kapitel gehe es um das Führen von Seelen, sagt er. Dies bedeute, den seelischen Wert in der Persönlichkeit des Geführten zu erkennen. «Wer dies nicht gelernt hat, greift nach Methoden. Empathie setzt voraus, dass man selber Leid erfahren hat. Man kann Empathie nicht befehlen.»

Auch das Übernehmen von Verantwortung – sei es im Privat- oder im Berufsleben – wird von Benedikt als wichtige Führungsqualität beschrieben: «Der Abt muss wissen: Für jeden Verlust, den der Hausherr bei seinen Schafen feststellt, trifft den Hirten die Verantwortung . . . » Ein Mensch, der Verantwortung übernimmt, sehe – so Kirchner – in seiner privaten oder beruflichen Erlebniswelt die Chance, an den Herausforderungen des Lebens in seiner Persönlichkeit zu reifen und wachsen. Dazu zähle auch der Umgang mit Ängsten und Risiken. Diese wiederum stehen laut Kirchner in engem Zusammenhang mit dem Selbstwertgefühl: «Die meisten Menschen nehmen ihren Selbstwert erst nach schweren persönlichen Krisen und Schicksalsschlägen wahr. Das Wissen um den Selbstwert verleiht der eigenen Persönlichkeit ein Grundgefühl, die eigene Unbedeutendheit nicht negativ zu bewerten.» Nur wer sich wirklich für unbedeutend halte, könne glaubwürdig gestaltend wirken. Ein Narzisst mit seinem gestörten Selbstwertgefühl hingegen sei dazu nicht in der Lage – und finde folglich auch nicht zu seiner inneren Kraftquelle.

Ausgesuchte Regeln des Heiligen Benedikts
mit Interpretationen von Abt Urban

1. Höre mein Sohn, auf die Weisungen des Meisters, neige das Ohr deines Herzens, nimm den Zuspruch des gütigen Vaters willig an und erfülle ihn durch die Tat!
Interpretation: Aus dem Hören kommt die Offenheit zu lernen und das eigene Leben neu anzuschauen.

2. Öffnen wir unsere Augen dem göttlichen Licht und hören wir mit aufgeschrecktem Ohr, wozu uns die Stimme Gottes täglich mahnt und aufruft.
Interpretation:
Der Mensch kann auf seinem Lebensweg träge und lebensmüde werden. In der Konfrontation unseres Alltags mit dem Wort Gottes können wir wache und hörende Menschen bleiben.

3. Lauft, solange ihr das Licht des Lebens habt, damit die Schatten des Todes euch nicht überwältigen!
Interpretation:
Der Mensch braucht Hoffnung. Dem Mönch ist Jesus Christus Hoffnung. Darum darf der Mönch laufen, damit nicht die Hoffnungslosigkeit überhandnimmt.

4. Willst du wahres und unvergängliches Leben, bewahre deine Zungen vor Bösem und deine Lippen vor falscher Rede! Meide das Böse und tu das Gute; suche Frieden und jage ihm nach!
Interpretation:
Oft lassen wir Menschen uns von unserem Drang nach Harmonie leiten. Friede ist aber mehr als Harmonie. Friede kostet etwas, dem Frieden sollen wir nachjagen.

5. Wer sich rühmen will, der rühme sich im Herrn.
Interpretation:
Diesen Ausspruch soll den Mönch von der Abhängigkeit vom eigenen Ego befreien: Nicht ich muss mich um jeden Preis in den Mittelpunkt stellen. Dort ist Gott und er gibt mir Würde und Freiheit.

6. Für alles, was uns von Natur aus kaum möglich ist, sollen wir die Gnade und Hilfe des Herrn erbitten.
Interpretation:
Benedikt weiss, dass auch das Kloster nicht einfach eine heile Welt ist. Vieles im Leben übersteigt unsere Kraft. Im Gebet dürfen wir aber immer auf die Hilfe Gottes vertrauen.

7. Jetzt müssen wir laufen und tun, was uns für die Ewigkeit nützt.
Interpretation:
Das Leben ist kostbar und einmalig. Wir sollen unsere Lebenszeit nützen. Dazu hilft, dass unser Leben nicht sinnlos ist, sondern ein Ziel hat: das Leben in Fülle in Gott.

Quelle: Prolog

Gefragt: Urban Federer

«Die innere Freiheit ist zentral, um als Mensch weiterzukommen»

Ein Gespräch über den heiligen Benedikt und seine Regel mit Urban Federer, Abt des Benediktinerklosters von Einsiedeln.

Interview: Fabrice Müller

Abt Urban Federer, warum ist der heilige Benedikt auch für Nichtkatholiken und Nichtgläubige interessant?
Der heilige Benedikt übertrug das Mönchstum aus den östlichen Kulturen in die westliche Welt. Er prägte dadurch – ohne es zu wissen – die hiesige Kultur sehr stark. Kultur passiert dort, wo Menschen etwas zusammen aufbauen und erreichen wollen. So brachte Benedikt etwa die Arbeit in unsere Kultur ein. Das war revolutionär, denn vorher arbeiteten nur die Sklaven.

Welches sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten Botschaften, die der heilige Benedikt den Menschen mitgegeben hat?
Das erste Wort seiner Regel ist «höre». Das ist auch eine zentrale Botschaft an die heutige Gesellschaft. Wir leben in einer Zeit, in der die Stille immer öfter abwesend ist bzw. keinen Platz mehr hat. Wir werden dauernd berieselt und hören die Natur nicht mehr. Ich würde dies als eine Krise der westlichen Gesellschaft bezeichnen. Dabei kommen die guten Ideen aus der Stille. Die grossen Denker haben sich stets die Zeit genommen, neue Ideen zu entwickeln.

Seine Aufforderung, als Menschen unterwegs zu bleiben, das Leben zu lieben und am Leben dran zu bleiben, scheint mir ebenfalls von grosser Bedeutung zu sein. Benedikt spricht dabei die innere Freiheit der Menschen an. Sie ist zentral, um als Mensch weiterzukommen.

Verlust der Artenvielfalt, Klimawandel, Migration – heute sorgen viele Themen für Unsicherheit und Ängste bei den Menschen. Geht Benedikt in seiner Regel auf solche Ängste ein?
Eine Haltung im Werk des heiligen Benedikt besagt, dass man nicht vor seinen Ängsten fliehen soll. Man kann die persönlichen Ängste und Sorgen ins Gebet nehmen. Man soll sie dem geistlichen Begleiter anvertrauen und man kann sie in der Gemeinschaft diskutieren. Doch wenn man den Ängsten zu viel Raum schenkt, entwickeln sie eine Eigendynamik. Als eine der grossen Herausforderungen heutzutage scheint mir, Gemeinschaft zu bilden und zu pflegen. Viele Menschen vereinsamen. Wer sich in die Gesellschaft einbringt und sich zum Beispiel sozial ehrenamtlich engagiert, erhält viel mehr zurück, als er von sich aus investiert. So finden auch unsere Ängste im grösseren Ganzen der Gemeinschaft ihren Platz. Doch viele Menschen vereinsamen. Es ist deshalb eine der grossen Herausforderungen unserer Zeit, Gemeinschaft zu bilden und zu pflegen.

Derzeit besonders aktuell sind die Sorgen der Menschen um das Klima und die Natur. Wie hat sich Benedikt zum Thema Umwelt geäussert?
Zu seiner Zeit musste den Menschen Umweltschutz nicht im heutigen Sinne beigebracht werden. Er betont jedoch, wie wichtig es ist, dass der Mensch die Erde spürt, ja mit den Händen in der Erde arbeitet. Benedikt betrachtet den Menschen als Mitschöpfer Gottes. Und er plädierte für ein ausgeglichenes Leben im Einklang mit der Natur. Die Klostergemeinschaft als Lebensform ist darauf ausgerichtet, das zu nutzen, was uns die Natur vor Ort zur Verfügung stellt. Dadurch entsteht ein Kreislauf im Kleinen, der schlussendlich einen minimalen ökologischen Fussabdruck hinterlässt.

www.benediktiner.ch 
www.kloster-einsiedeln.ch 

Links

www.kirchner-seminare.ch | www.ottenbacher-consulting.ch 

Buchtipps

Baldur Kirchner «Benedikt für Manager. Die geistigen Grundlagen des Führens», Gabler Verlag 2012, ca. Fr. 50.–

Anselm Grün «Benedikt von Nursia: Meister des Masses – geerdete Spiritualität», Herder 2017, ca. Fr. 14.–

Salzburger Äbtekonferenz (Hg.) «Die Regel des heiligen Benedikt – Sonderausgabe Beuron», Beuroner Kunstverlag 2006, ca. Fr. 16.–

Fotos: iStock.com | ZVG

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