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Brustkrebs bei Männern

Kategorie: Gesundheit

Text:  Angela Bernetta

Brustkrebs ist nicht nur Frauensache. In der Schweiz erkranken jährlich gegen 50 Männer an einem Mammakarzinom. Da Brustkrebs bei Männern selten vorkommt, wird er oft spät erkannt.

@ iStock.com

Plötzlich fängt es an: Mit einem Knötchen neben der Brustwarze, das man während dem Duschen ertastet oder beim Blick in den Spiegel entdeckt. Während die meisten Frauen nun alarmiert sind, lassen sich viele Männer davon kaum beeindrucken. Dass die Verhärtung ein bösartiger Tumor sein könnte, damit rechnen sie nicht.

Achtsamkeitsbasierte Stressreduktion bei Brustkrebs

Deutsche Wissenschaftler analysierten Studien die zeigen, wie gut achtsamkeitsbasierte Stressreduktion Brustkrebspatientinnen helfen kann und die Lebensqualität verbessert. Es zeigten sich positive Effekte auf Schlaf, Ängste, Depressionen und chronische Erschöpfung – diese waren allerdings nur kurz- bis mittelfristig. Die Resultate dürften auf betroffene Männer übertragbar sein. Bei den meisten Studien befanden sich die Patientinnen in einem Frühstadium der Erkrankung. Ausserdem begannen die meisten Studien erst dann, wenn die Frauen ihre Brustkrebsbehandlung bereits abgeschlossen hatten. Was Betroffenen sonst noch hilft, lesen Sie im «natürlich» 03/2017 oder auf www.natuerlich-online.ch.
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Anders Fred Ferrer*. Auch er bemerkte beim Duschen einen Knoten unter der Brustwarze. «Er war plötzlich da.» Sofort meldete er sich zur Kontrolle bei Nik Hauser, dem klinischen Direktor des Brust Zentrums der Hirslanden Klinik in Aarau. Das war Ende 2017. «Zwei Wochen davor fuhr ich in Daytona in Florida ein Autorennen», erzählt der 53-Jährige. Der umtriebige Unternehmer handelt mit historischen Rennwagen und fährt mit ausgewählten Modellen an bekannten Autorennen weltweit mit. «Meine Lebenspartnerin und ich blieben noch ein paar Tage und schwammen im Meer mit den Delphinen», erzählt er. Da habe er beim Abtrocknen noch nichts bemerkt.

* Name geändert

Grosse Heilungschancen
In der Schweiz erkranken jährlich über 6000 Menschen an Brustkrebs; nur etwa 50 davon sind Männer. Jeder Zehnte stirbt daran, weil die Krankheit zu spät erkannt wird. «Männer jeden Alters können Brustkrebs bekommen», sagt Nik Hauser. Gleichwohl seien die meisten beim Befund zwischen 50 und 70 Jahre alt. «Die Behandlung ist in der Regel gleich wie bei den Frauen», weiss Hauser. Therapien, die für Männer geeignet wären, sind bislang kaum erforscht. «Da das Mammakarzinom bei Männern selten vorkommt, ist es schwierig, genügend Patienten für aussagekräftige Studien zu finden», begründet der klinische Direktor.

Merkmale einer Brustkrebserkrankung können Hautveränderungen, Veränderungen an der Brustwarze oder Blutstropfen, tastbare Knoten sowie geschwollene Lymphknoten in den Achselhöhlen sein. Die Prognose ist bei Männern und Frauen ähnlich. «Wird Brustkrebs rechtzeitig erkannt, stehen die Heilungschancen bei 95 Prozent», betont Hauser.

Medizinische Fortschritte
Ultraschall und Stanzbiopsie – Fred Ferrer durchlief das Standardprogramm bei Verdacht auf Brustkrebs. Der Befund: ein aggressiver und schnell wachsender Tumor unter der linken Brustwarze. «Die Diagnose Brustkrebs überraschte mich», sagt er rückblickend, «und veränderte mein Leben schlagartig.» Zum Glück reagierte er schnell. «Da ich den Tumor bald entdeckt hatte, konnte ich frühzeitig behandelt werden.» Ein Gentest bestätigte keine erblich bedingte Erkrankung. Dies obwohl bereits seine Mutter an Brustkrebs litt und der Bruder früh an Hodenkrebs erkrankte.

Die Recherche im Internet verunsicherte Ferrer. «Die Aussichten für meinen Befund standen laut meiner Recherche sehr schlecht.» Eingängige Gespräche mit den Ärzten relativieren das Gelesene: Vieles war längst überholt. «Die medizinischen Fortschritte auf diesem Gebiet sind enorm. Die Ärzte reagieren schnell und kompetent», so Ferrers Erfahrung. «Sie erklärten mir, was der Krebs mit meinem Körper macht und wie er behandelt werden muss. Das half mir, mit der Krankheit umzugehen.»

Die Risikofaktoren



● Das Alter
Ältere Männer erkranken häufiger als jüngere Männer.

● Familiäre Belastung
Wenn bereits mehrere Verwandte ersten Grades (Mutter, Schwester, Bruder) erkrankt sind, steigt das Krankheitsrisiko.

● Erbliche Veranlagung
Bei einigen kann eine Genveränderung, beispielsweise die sogenannte BRCA-Mutation, nachgewiesen werden.

● Strahlentherapie
Männer, deren Oberkörper beispielsweise wegen einer anderen Krebserkrankung bestrahlt wurde.

● Übergewicht
Da dann die eigene Hormonproduktion, auch die der weiblichen Hormone, erhöht ist.

● Alkohol und Rauchen

● Lebererkrankungen

● Einnahme von leistungssteigernden Hormonen
Einige Risikofaktoren für Brustkrebs lassen sich nicht beeinflussen. Andere sind eng mit dem Lebensstil verbunden – sie lassen sich vermeiden oder zumindest reduzieren. Abtasten, Ultraschall und Mammografie sind die wichtigsten Methoden, um Brustkrebs früh zu erkennen.


Individuelle Therapie
«Die Therapie bei Brustkrebs wird individuell abgestimmt und hängt von der Grösse und Lage des Tumors, von den Eigenschaften des Tumorgewebes und davon ab, ob Lymphknoten befallen oder Metastasen vorhanden sind», erklärt Nik Hauser. «Behandlungen wie Operation, Bestrahlung, Chemo-, antihormonelle und zielgerichtete Therapien werden individuell kombiniert durchgeführt.» Die Ärzte der Hirslanden-Klinik empfahlen Fred Ferrer, den Tumor mittels Mastektomie operativ zu entfernen. Sie entnahmen sechzehn auf siebzehn Zentimeter Brustgewebe samt Brustdrüsen und Brustwarze sowie einige Lymphknoten in der Achselhöhle.

Haben Männer Brustkrebs, versuchen Mediziner oft gar nicht, die Brust zu erhalten. «Über eine Wiederherstellungs-OP habe ich nie nachgedacht», sagt Ferrer. Das überrascht Hauser nicht: «Die ästhetische Komponente fällt bei Männern weit weniger ins Gewicht als bei Frauen», erklärt der Arzt. Man könne aber auch bei Männern die Brustwarze rekonstruieren oder Fett im Brustbereich unterspritzen lassen.

Heftige Reaktionen

Die Operation im Januar 2018 verlief gut. Nachuntersuchungen folgten. Der Tumor hatte nicht gestreut, also keine Metastasen gebildet. Um ein erneutes Wachstum der Krebszellen zu hemmen respektive abzutöten, empfahlen die Ärzte, mit einer Chemo- und Antikörpertherapie nachzubehandeln. «Da ich im Juli in Le Mans das Rennen fahren wollte, stand mir nach Rücksprache mit dem Onkologen eine straffe Chemo bevor», berichtet Ferrer. Mit einem Port-a-Cath implantierte man ihm auf der rechten Brustseite einen Zugang zu den Venen. Während zwei Monaten bekam er wöchentlich eine Infusion, über drei weitere Monate hinweg alle zwei Wochen weitere Chemotherapie-Infusionen, flankiert von einer kompakten Prämedikation gegen die Nebenwirkungen der Chemo. «Mein Körper reagierte heftig auf die Giftstoffe.» Sie setzten ihm mit Atemnot, Kopfschmerzen und Schüttelfrost zu, griffen die Nerven in Finger- und Zehenspitzen an und brachten den Verdauungstrakt durcheinander. «Die Haare habe ich mir abrasiert, bevor sie büschelweise ausfielen.» Nach zwei Monaten Chemotherapie stieg er in die Antikörpertherapie ein, die ein Jahr dauert.
«Wie die Chemo wirkt auch sie im ganzen Körper, greift allerdings die gesunden Zellen nicht an», erklärt Hauser. Diese Therapie bekämpfe kleinste Ableger, die man mit den gängigen Möglichkeiten (noch) nicht entdecken kann.

Wo Mann Hilfe findet



Wer an Brustkrebs erkrankt, ist nicht nur körperlich versehrt, sondern leidet in der Regel auch psychisch. Die Diagnose, die viele unmittelbar trifft, muss verarbeitet werden. Viele Männer können schlecht damit umgehen, dass sie an
 einer Frauenkrankheit leiden. Oft fehlt der Austausch unter den Betroffenen.

Wer psychologische Unterstützung sucht, findet sie via Onkologen in den Spitälern oder den Schweizer Brust Zentren. Auf der Website der Krebsliga Schweiz findet man eine Liste mit regional tätigen sogenannten Psychoonkologen:

www.krebsliga.ch/fachpersonen/weiterbildungen/psychoonkologie/regionale-plattform-psychoonkologie/


Was bei der Heilung hilft
Über ein Jahr ist es her, seit Ferrer die Chemotherapie abgeschlossen hat. Kürzlich endete auch die Antikörpertherapie. «In Le Mans bin ich im Sommer 2018 mitgefahren», sagt er. Es sei alles gut gegangen. «Es war von Vorteil, dass ich selbstständig bin», antwortet er auf die Frage, wie es ihm während der körperlich belastenden Phase der Therapie erging. «Unser Wohnhaus liegt neben der Firma. Ging es mir schlecht, konnte ich nach Hause und mich hinlegen.»

Die tauben Zehen werden Ferrer noch eine Weile begleiten. Gelegentlich plagen ihn Kopfweh und ein träger Darm. Alle drei Monate muss er zur Nachsorge. Zum einen warten ein Ultraschalluntersuch im Brust Zentrum, zum anderen ein Check-up beim Onkologen. Das Augenmerk der Ärzte liegt insbesondere auf dem operierten Bereich der linken Brustseite und der Leber. Sie überprüfen das Gewebe und die Zellen auf krankhafte Veränderungen. Vorsorglich hat man ihm das Antiöstrogen Tamoxifen verschrieben, das er während fünf Jahren einnehmen muss. Der Hormonblocker hindert Tumorzellen am Wachsen. «Ich bin jetzt ein Frauenversteher», sagt Ferrer lachend, denn das Präparat löse neben anderem gelegentlich Hitzewallungen aus.

«Positiv denken», antwortet Ferrer auf die Frage, was Betroffenen hilft, mit der Krankheit umzugehen. «Und offen kommunizieren.» Er habe sich nie Gedanken darüber gemacht, wieso gerade er an Brustkrebs erkrankt sei, sondern immer nach vorne geschaut. Er ist überzeugt: «Die Einstellung ist bei der Heilung enorm wichtig.»

Buchtipps

Florence Kunz-Gollut «Niemand muss müssen in der Krebstherapie», sokutec Verlag 2011, ca. Fr. 30.–

Florence Kunz-Gollut «Man kann Krebs nicht besiegen, man kann Krebs nur heilen», sokutec Verlag 2017, ca. Fr. 20.–

Fotos: unsplash.com/sophieunsplash.com/sergiu-nista | iStock.com
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Kategorie: Essen, Gesundheit

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