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Drogen für den Alltag

Kategorie: Gesundheit
 Ausgabe_09_19  - 06.08.2019

Text:  Markus Berger

Eine neue Art des Alltagsdopings etabliert sich: Statt mit Kaffee oder Zigaretten stimulieren sich immer mehr Menschen mit einer Microdosis LSD, Psylocibin oder anderen psychoaktiven Substanzen.

@ iStock.com

Dieser Tage ist immer häufiger von einem Trend die Rede, der sich Microdosing nennt. Zeitungen, Magazine und Fernsehsender berichten darüber, und die Gesellschaft scheint zunehmend interessiert zu sein an dieser Methode, die sich des Einsatzes von «verbotenen Drogen» bedient. 

Dabei meint Microdosing die Verwendung psychedelischer Substanzen, die in kleinsten, unterhalb der psychoaktiven Schwelle liegenden Mengen eingenommen werden, um bestimmte Effekte herbeizuführen. Diese Effekte haben jedoch nichts mit der originären Wirkung von psychedelischen Drogen zu tun, sondern sollen im Grunde genau das Gegenteil bewirken. Psychedelika, also Moleküle, die unsere Psyche offenbaren und manifestieren – z. B. LSD, Zauberpilze und das Kaktusalkaloid Meskalin – bewirken normalerweise eine veränderte Wahrnehmung, die mit der des Alltagsbewusstseins nicht viel gemein hat. Psychedelisch wirksame Dosierungen dieser Stoffe erweitern die Sinneswahrnehmung, induzieren Pseudohalluzinationen und ermöglichen die innere Schau eigener Seeleninhalte, ob biografisch, transpersonal oder spirituell. Beim Microdosing ist das allerdings anders, denn hier ist das Ziel, ebenjenes alltägliche Bewusstsein, das auf absoluter Nüchternheit beruht, für die Anforderungen der Leistungsgesellschaft zu optimieren oder einfach «gut drauf» zu sein.

Psychedelische Therapie und Psycholyse

Wir kennen zwei klassische therapeutische Methoden der Behandlung mit psychedelischen und/oder entaktogenen Substanzen (entaktogen = «das Innere berührend», herzöffnende Wirkung von z. B. MDMA, also Ecstasy, und verwandten Substanzen): zum einen die psychedelische Therapie, die eine Form substanzgestützter Psychotherapie mit hohen Dosierungen der Moleküle darstellt. Eine spirituelle Erfahrung soll tief in die Persönlichkeit eingreifen und dem Patienten Einblicke in sein eigenes und auch in das kollektive Seelenleben gewähren, damit er eine Umstrukturierung seiner inneren Beziehungen, seiner Problemwelten und seiner Persönlichkeit erreichen kann.

Die psycholytische Therapie ist eine Form substanz-gestützter Psychotherapie, bei der mit moderaten Dosierungen psychoaktiver Moleküle gearbeitet wird. Die Substanzen dienen hier als Öffner zum Unterbewusstsein sowie als Herzöffner und Angstlöser. Man kann in diesem Setting seine Probleme bestenfalls aus der Sicht eines Aussenstehenden betrachten, was für Betroffene extrem hilfreich sein kann. Die Substanzen bieten dem  Patienten damit eine effektive Unterstützung zur Bewältigung der zu verarbeitenden Seeleninhalte.


LSD wird salonfähig

Damit vollzieht sich, was Psychedelika betrifft, eine Statusänderung in der Gesellschaft. Waren diese Stoffe bis vor Kurzem noch verrucht und mit Abhängigkeit und Sucht und Kriminalität assoziiert (was freilich in keiner Weise zutrifft, denn diese Stoffe führen weder zu Abhängigkeiten, noch treiben sie deren Konsumenten in die Kriminalität), werden LSD, DMT, Psilocybin, MDMA, Ketamin und Verwandte durch Microdosing gesellschaftskompatibel.

Beim Microdosing werden therapeutische Effekte nicht über verändertes Wachbewusstsein und spirituelle Einsichten erzielt (siehe Box oben), sondern über kaum spürbare Wirkungen, die verschiedene Reize triggern und gesellschaftlich notwendige psychophysische Eigenschaften verbessern sollen, z. B. die Konzentrationsfähigkeit, das Durchhaltevermögen, das Schlafbedürfnis, den Zugang zu Gefühlen usw. So stimulieren sich z. B. Schüler und Studenten anstatt mit Amphetaminen oder Koffeindrogen neuerdings mit mikrodosierten Psychedelika, um effizienter zu lernen und sich auf Prüfungen vorzubereiten. Und auch in der Geschäftswelt ist das Microdosing angekommen. Anwender berichten, dass eine morgendliche Mikrodosis LSD statt des gewohnten Kaffees sowohl die Müdigkeit vertreibt wie auch die Aufmerksamkeit steigert. Microdosing von psychoaktiven Substanzen ist die neue Art des Alltagsdopings!

Ausserdem kann Microdosing bei verschiedenen Anwendern Kopfschmerz, Menstruationsprobleme, neurologische Symptome (ADHS, Tourette etc.) und psychische Leiden (Depressionen, Angststörungen) lindern oder gar heilen. Die Wissenschaft steckt hier allerdings in den Kinderschuhen und muss die möglichen pharmakologischen Zusammenhänge erst noch erforschen.

Und wie funktioniert es?
Die wirkmächtigen Substanzen werden also meist in Mikrodosen eingenommen, um zwei primäre Ziele zu verfolgen:
1. Eine Optimierung des Alltagsbewusstseins und damit der Alltagstauglichkeit.
2. Eine Verbesserung von Leiden und Erkrankungen, die konventionell nur schwer oder gar nicht therapierbar sind.

Dabei verwenden Nutzer etwa 10 bis 20 Prozent der psychedelisch wirksamen Dosierung. Wenn also 50 bis 150 Mikrogramm LSD als visionäre Dosis gelten, nimmt der Microdoser alle drei bis vier Tage – nicht täglich, da sich sonst eine Toleranz ausprägen kann – 5 bis 15 Mikrogramm der Substanz ein, um die gewünschten Effekte zu erlangen. Als Faustregel gilt, dass die Wirkungen immer unterhalb der psychotropen Schwelle liegen sollen. Fühlt sich der Microdoser also in irgendeiner Art berauscht, so ist die Grenze des Microdosings bereits überschritten. Dies bewirkt dann in der Regel das genaue Gegenteil der anvisierten Effekte – eine optimierte Alltagstauglichkeit ist dann nicht mehr gegeben.

Die fürs Microdosing hauptsächlich verwendeten Substanzen sind das halbsynthetische LSD (aus Molekülen des Mutterkorns gewonnen), die Zauberpilze (Pilze der Gattung Psilocybe und andere) und das Meskalin (das in diversen Kakteenarten vorkommt) sowie diesen verwandte Stoffe, derer es eine Vielzahl gibt. Grundsätzlich lassen sich aber alle psychoaktiven Substanzen im Microdosing einsetzen. Ziel ist dabei nicht der Trip, sondern – wie erläutert – immer die Verbesserung des Alltagsbewusstseins.

«Wie sehr wollen wir uns denn noch optimieren?»

Gefragt: Peter Gasser



Mit Microdosing gelangen psychoaktive Substanzen breitenwirksam in den Mainstream. Immer mehr Menschen interessieren sich für den Gebrauch geringster Dosierungen psychedelischer Stoffe, um den Alltag zu optimieren oder Leiden zu lindern. Damit werden LSD, Psilocybin und Co. salonfähig. «natürlich» hat mit dem Mediziner, Psychiater und psycholytischen Therapeuten Dr. Peter Gasser aus Solothurn über das Thema gesprochen.

Psychedelika sind ursprünglich eher Werkzeuge spiritueller Revolution und persönlicher Transformation. Mit Microdosing werden sie nun verwendet, um noch besser in der Leistungsgesellschaft zu funktionieren. Was halten Sie davon?
Bei dieser Art Microdosing handelt es sich meiner Meinung nach nicht um medizinische Anwendungen, deshalb betrifft mich das als Arzt nicht. Ich denke aber, dass alle Versuche des sogenannten Neuro-Enhancements, also der geistigen Leistungssteigerung, in gewisser Weise dem entsprechen, was wir Doping nennen. Da stellt sich mir die Frage, wie sehr wir uns eigentlich noch mithilfe von Substanzen optimieren wollen, um auch noch den letzten Tropfen aus der Zitrone herauszudrücken?

Sie sprechen die medizinische Anwendung an. Neben der Verwendung mikrodosierter Substanzen zur Alltagsoptimierung nutzen manche diese Technologie zur Behandlung von Kopfschmerzen, Menstruationsproblemen und ADHS. Was denken Sie, inwiefern hier der Placeboeffekt eine Rolle spielt?
Ich bin sicher, dass der Placeboeffekt auch eine Rolle spielt. Die Frage ist nur, wie beträchtlich der Anteil von Placebo bei diesen Anwendungen ist. Sicherlich muss es da eine Wirksamkeit geben, wenn Menschen berichten, dass sie z.B. Clusterkopfschmerzen erfolgreich mit Microdosing therapieren. Mir sind Personen bekannt, die solche Anfälle initial mit höheren Dosierungen LSD behandelten und anschliessend mit kleinen Dosierungen gegen die Attacken vorgehen konnten. Andererseits schaffen die verschiedenen positiven Berichte bei anderen auch eine gewisse Erwartungshaltung, die wiederum einen Placeboeffekt begünstigen könnte. Alles in allem denke ich, gibt es sicher medizinische Anwendungen des Microdosings. Die müssen aber erst noch erforscht werden.

Einige Anwender sagen, dass sie mit Microdosing auch Depressionen und Angststörungen in den Griff bekommen. Wie sehen Sie das als Therapeut: Können mikrodosierte Psychedelika psychologisch wertvoll oder nutzbringend sein?
Das könnte schon sein, aber es fehlen derzeit Erfahrungswerte und wissenschaftliche Studien, die dies ausreichend belegen. Allerdings haben wir es beim Microdosing mit LSD mit einer Dosierung zu tun, die keinerlei Nebenwirkungen herbeiführt und daher sehr sicher ist. Wenn also Patienten mit gering dosiertem LSD z.B. Depressionen erfolgreich behandeln, dann muss das unbedingt untersucht werden! Ich finde das alles höchst interessant und bin auf die Forschungsergebnisse der Zukunft gespannt.

* Es gibt nur zwei Ärzte weltweit, die – dank Ausnahmebewilligungen des Bundesamts für Gesundheit – Patienten legal mit LSD behandeln dürfen: Peter Gasser und sein Kollege Peter Oehen, beide mit Praxis im Kanton Solothurn. Gasser behandelt mit LSD zum Beispiel Krebspatienten, aber auch Patienten mit extremen Kopfschmerzen, Zwangsstörungen, Alkoholproblemen und MS. In einer meditativen Atmosphäre machen die Patienten mithilfe von LSD eine tiefe Selbsterfahrung, was zur Heilung beitragen respektive die Lebensqualität verbessern kann.

 

Buchtipp



Markus Berger «Microdosing. Niedrig dosierte Psychedelika im Alltag», Nachtschatten Verlag 2019, ca. Fr.19.–

Fotos: iStock.com | zvg

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