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Heileurhythmie

Kategorie: Gesundheit

Text:  Lioba Schneemann

Heileurythmie ist ein Medikament, das man nicht schlucken kann, sondern tun muss. Unbefangen sich einlassen, aktiv mitmachen und sich Neues aneignen sind die Schlüssel zum Erfolg.

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Manchmal sind wir aus dem Lot geraten. Das zeigt sich oft in einer Erschöpfung, in hartnäckigen Beschwerden oder einer chronischen Erkrankung. Um wieder die Balance zu finden, kann die Heileurythmie wertvolle Dienste leisten. Als «lebendige Äusserung der Anthroposophie» will sie den Menschen unterstützen, die selbstregulierenden Kräfte anzuregen und den Weg zur Gesundung aus eigener Kraft zu finden.

«In jedem Organ wirken andere Kräfte und der ganze Kosmos ist beteiligt», sagt Theodor Hundhammer, Heileurythmist in Bern. «In den Organen wirken nicht nur die chemischen Kräfte der Substanzen und die Informationen der Hormone, sondern auch prinzipielle Lebens- und Gestaltungskräfte. Beim Sprechen wirken diese Kräfte wie Urbilder im Hintergrund, um die Laute der Sprache hervorzubringen. Diese Kräfte sprechen wir an, wenn der Mensch in der Heileurythmie die Laute bewegt, die er zur Heilung braucht.»

Ohne Wille keine Heilung

Die Heileurythmie kommt seit fast hundert Jahren in der Behandlung akuter und chronischer Erkrankungen sowie im Rahmen der Entwicklungsförderung zum Einsatz. Sie rechnet und arbeitet mit der Wirksamkeit von Bildekräften, die den Einzelorganismus in beweglichen Formen und Rhythmen durchziehen und gestalten und dafür sorgen, dass die Organformen erhalten bleiben, obwohl Substanzen und Zellen kontinuierlich ausgetauscht werden. «Die Heileurythmie ist eine Begleittherapie, welche die medikamentöse Behandlung nicht ersetzt, aber wesentlich ergänzen kann», sagt Theodor Hundhammer, Therapeut in Bern. «Die Heileurythmie regt Prozesse an, wie jedes andere Heilmittel auch. Wichtig ist, dass der Patient selbst aktiv an der Gesundung teilnimmt.» Kontraindikationen einer Behandlung sind etwa akute Entzündungen, akute Knochenbrüche, Fieber oder auch, je nach Fall, eine Schwangerschaft.

Die Heileurythmie ist eine eidgenössisch anerkannte Methode der Komplementärtherapie. Die Kosten einer Behandlung werden von der Zusatzversicherung übernommen (siehe auch www.oda-kt.ch). Heileurythmie wird in Spitälern, Schulen, Kindergärten, Seniorenheimen und freien Praxen angeboten. Beim Berufsverband HEBV findet man ein Verzeichnis mit Therapeuten: www.heileurythmie.ch.


Krankheiten, so Hundhammer, seien nie nur lokal zu finden. Sie betreffen immer den ganzen fühlenden Menschen und sein Bewusstsein. Mit der Heileurythmie könne die Gesundheit von innen heraus gestärkt werden, indem das Gleichgewicht der Kräfte durch Bewegung nach dem Prinzip der Laute wiederhergestellt werde. «Denken, Fühlen und Wollen werden harmonisch aufeinander abgestimmt, Körper, Seele und Geist wieder in ein neues Gleichgewicht gebracht.»

„In meinem Herzen strahlt die Kraft der Sonne In meiner Seele wirkt die Wärme der Welt Ich will atmen die Kraft der Sonne Ich will fühlen die Wärme der Welt Sonnenkraft erfüllt mich, Wärme der Welt durchdringt mich.“ - Rudolf Steiner

Sprache in Bewegung umsetzen
Vor gut hundert Jahren entwickelte Rudolf Steiner (1861– 1925), der Begründer der Anthroposophie, die Eurythmie. Der Begriff bedeutet, der «menschliche Rhythmus» (griechisch Eu = schön im Sinne von im menschlichen Mass). Eurythmie ist sichtbar gemachte Sprache und Gesang, bei der die Elemente der Sprache, Vokale und Konsonanten, die im Kehlkopf entstehen, in Bewegung umgesetzt werden. Die Laute der Sprache und die musikalischen Gesetzmässigkeiten tragen gemäss Steiner eine schöpferische Kraft in sich, die spezifisch therapeutisch als Bewegung eingesetzt werden kann. Daraus ist die Heileurythmie als ganzheitliche Bewegungstherapie entstanden.

Wie unser Mund eine bestimmte Geste macht, wenn wir einen Vokal wie «A» und «O» oder Konsonanten wie «M» oder «P» aussprechen, so gibt es die bestimmten, gesetzmässigen heileurythmischen Bewegungen, die zum jeweiligen Laut gehören und ihn spezifisch ausdrücken können. Diese «Lautbewegungen» werden je nach Erkrankung oder therapeutischer Zielsetzung als «Helfer» und «Vermittler» eingesetzt. Der Berner Heileurythmist Hundhammer präzisiert: «Die Lautbewegung regt die Lebendigkeit auf körperlicher, seelischer und geistiger Ebene an. So wie wenn man einen Stein in den Brunnen wirft – das ist das Üben – und sich dann fortlaufend Ringe im Wasser bilden.»

Gefragt: Susanne Böttcher*

«Bewegung führt zu neuen Gewohnheiten»

Frau Böttcher, wie läuft eine Heileurythmie-Sitzung ab? Gibt es eine lange Anamnese, wie es etwa bei der Homöopathie üblich ist?
Wir erhalten vom Arzt oder von der Ärztin eine Diagnose und oft auch Hinweise auf das Ziel der Therapie. Trotzdem findet in der Erstbegegnung natürlich ein Gespräch statt, um das Befinden des Patienten zu erfragen. Jeder Therapeut hat seine Parameter, um Anhaltspunkte für den therapeutischen Weg zu finden, wie etwa Fragen nach dem Schlaf, der Wärme, der Verdauung etc. Auch fragen wir direkt: «Was wollen Sie verbessern? Was wünschen Sie sich?» Das kann richtungsweisend für die ersten therapeutischen Schritte sein. Da höre ich oft von Nöten, die bisher noch nirgends beschrieben wurden. Aber letztlich nehmen wir in der Bewegung mehr wahr, als der Patient erzählen kann.

Wie viele Sitzungen sind in der Regel nötig und wie oft sollte der Patient selbstständig üben?

Das kann man pauschal nicht angeben, weil es vom Menschen mit seiner individuellen Problematik und der Fähigkeit und Kraft, selbstständig zu üben abhängt. Dies fällt oft schwer. Wünschenswert ist tägliches Üben, manchmal sogar mehrmals am Tag. Dazu sind Ruhephasen wichtig. Menschen, die unter erhöhtem Leidensdruck stehen, üben meistens gern, weil sie die Erleichterung spüren. Die Wiederholungen der Bewegungen prägen sich heilend in den Lebens-Kräfteleib – neue Gewohnheiten entstehen. Manche Übungen zeigen ihre bleibende, heilende Wirkung erst, wenn man sie mehrere Wochen lang durchführt. Aber jedes Üben bewirkt eine Kräftigung und Stärkung der Gesamtverfassung. Wichtig bei den Übungen ist, dass sie mit Achtsamkeit und innerer Anteilnahme gemacht werden, damit die gewünschte Wirkung eintritt.

Können Sie ein Beispiel aus Ihrer Praxis nennen?
Eine 79-jährige Patientin kam nach einer OP am Darm mit starkem Durchfall zu mir. Ausserdem konnte sie ihren Kopf beim Gehen nicht wenden und fühlte sich daher sehr unsicher. Die Patientin kam zweimal wöchentlich zur Heileurythmie. Sie übte täglich sehr engagiert, und sie konnte ihr Befinden ausserordentlich klar und detailliert beschreiben. Nach der ersten Lektion berichtete sie von einer Verschlechterung, was mir deutlich machte, dass die Übungen richtig – da sie am gewünschten Ort wirkten –, aber zu stark waren. Ich änderte die «Dosis» und erhöhte die Anzahl der Pausen, ganz rhythmisch. Schliesslich normalisierte sich der Stuhlgang der Patientin und alle anderen Symptome waren behoben. Auch hat sich eine Lebensfreude und Zuversicht in Bezug auf ihren weiteren Lebensweg eingestellt.


Natürliche Prozesse
«Heileurythmie ist ein Medikament, das man tun muss», bringt es die Heileurythmie-Therapeutin Susanne Böttcher aus Ascona auf dem Punkt. «Richtig angeleitet kann der Mensch Einfluss auf jede Krankheit nehmen.» Durch das Betätigen der Glieder wirke die Heileurythmie über den Willen auf das Innere des Menschen; sie sei so aktiv verbunden mit seinem Fühlen und dem Bewusstsein. Mit der Zeit, so Böttcher weiter, komme man durch die heileurythmischen Übungen zu neuen Erfahrungen, die einen Zugang zu einem tieferen Wissen ermöglichen.

In der Heileurythmie und anthroposophischen Medizin werden Krankheiten sehr differenziert unterschieden. Es gibt «warme», eher entzündliche Tendenzen, wie bei einer Polyarthritis oder Pneumonie. Diese Krankheiten sind polar zu den «erkaltenden», verdichtenden Krankheiten wie Arthrose oder Karzinome. «In der Jahreszeit vor Ostern kann man die Dramatik dieser Polaritäten von ‹Verdichtung› und ‹Auflösung› empfinden lernen: Aus dem winterlich kalten Erdgestein entsteht dann die sich verströmende Blütenkraft. Alles verwandelt sich in neues Leben.» Zu diesen äusseren Vorgängen in der Natur kann man eine Analogie zur inneren Natur des Menschen beobachten. Und so wie die Heilmittel, die in der Natur gefunden werden, wirken auch eurythmische Bewegungen lindernd-beruhigend oder anregend-erwärmend. «Dies stärkt den Menschen und hilft ihm, anwesend und in seiner Mitte präsent zu sein», sagt die Fachfrau.

Ein wesentlicher Punkt bei der Therapie ist, dass der Patient mit seinem Denken, Fühlen und Wollen am Prozess beteiligt ist. «Die Ärztin oder der Therapeut klärt zuerst ab, ob der Patient bereit ist, aktiv zu seiner Gesundung beizutragen», erläutert Theodor Hundhammer. Ist jemand gewillt und fähig, die Verantwortung mitzutragen oder nicht? Kann der Patient daheim regelmässig üben? Das seien wesentliche Punkte, die vorab geklärt werden müssten. «Heute nehmen immer mehr Menschen die Eigenverantwortung ernst und sind bereit, ihre Ressourcen zu entdecken», betont Hundhammer. Dass einfache Bewegungen so tiefgreifende, ganzheitliche Wirkungen auslösen können, sei für jeden, der dies erlebe, immer wieder erstaunlich.

Wesentlich für den Erfolg des Heilungsprozesses sind zudem die Ruhepausen nach der Therapieeinheit. «Nach den heileurythmischen Bewegungen sollte möglichst nicht gesprochen werden, damit sich die Wirkung der Bewegungen über die Gliedmassen auf den inneren Menschen entfalten kann», betont Susanne Böttcher. In der Regel werde die Ruhezeit von den Patienten sehr wohltuend erlebt und dankbar angenommen.


*Susanne Böttcher
ist Heileurythmistin im Kurhaus Casa Andrea Cristoforo in Ascona (TI). Es ist das einzige anthroposophische Kurhaus der Schweiz mit breitem Therapieangebot zur Aktivierung der Selbstheilungskräfte: www.casa-andrea-cristoforo.ch 

Buchtipps

Rudolf Steiner «Geisteswissenschaftliche Gesichtspunkte zur Therapie. Heileurythmie», Steiner 2016, ca. Fr. 20.–

Sivan Karnieli «Wer sich bewegt, kommt zu sich selbst. Eurythmie für jeden Tag», Futurum 2016, ca. 18.–

Maren Nissen-Schnürer «Der bewegte Weg zur Gesundheit: Heil-Eurythmie», Verlag Christoph Möllmann 2001, ca. Fr. 15.–

Sivan Karnieli «Herzkräfte stärken durch Eurythmie. Ein Übungsbuch», erscheint im November im Verlag Urachhaus, ca. Fr. 24.–

Fotos: Lina Hodel, zvg, iStock.com
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