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Osteopathie

Kategorie: Gesundheit, Therapien

Text:  Lioba Schneemann

Unser Körper ist ständig in Bewegung: Muskeln, Organe und Gewebe sind alles andere als statisch. Ist die Beweglichkeit eingeschränkt, hilft Osteopathie als ganzheitlicher Ansatz in der Medizin.

@ iStock

Jedes Körperteil, jedes Organ braucht eine gewisse Bewegungsfreiheit, um optimal zu funktionieren. Ist diese eingeschränkt, kommt es zu Gewebeveränderungen, die zu Störungen in der Funktion durch mangelnde Selbstregulation des vegetativen Nervensystems führen können. Spürbare Beschwerden entstehen gemäss der Vorstellung der Osteopathie dann, wenn der Körper diese Fehlfunktionen nicht mehr kompensieren kann. «Die Osteopathin sucht daher die Ursachen der Beschwerden im menschlichen Körper in einer Spannung im Gewebe und der daraus resultierenden Fehlfunktion. Diese sogenannten somatischen Dysfunktionen werden aufgespürt und gezielt behandelt», erklärt Barbara Tischhauser, Vizepräsidentin des Schweizerischen Verbands der Osteopathen (SVO-FVO).

Selbstregulationskräfte aktivieren
Die Osteopathie versteht unter Gesundheit das Gleichgewicht aller Körperstrukturen. Gesundheit ist demnach ein Ziel, das es immer wieder von Neuem zu erreichen gilt. Unser Körper hat folglich auch die Fähigkeit, sich selbst zu helfen und zu regulieren, so Tischhauser: «Bei der osteopathischen Behandlung werden auf natürliche Art und Weise gezielte Impulse zur Erhaltung der Selbstregulierung und des funktionellen Gleichgewichts gesetzt.» Etwa kann bei einer schmerzhaften Menstruation eine Spannung im Bereich des Unterbauchs vorliegen, die die Osteopathin feststellt. «Dann werden die Gebär- bzw. Eileiterzonen mit sanftem Druck mobilisiert, um die Durchblutung und den Informationsfluss des Nervensystems in diesem Bereich zu verbessern.»

Gesundheit leben statt Symptome bekämpfen



Grundlage der Osteopathie sind fundierte Kenntnisse der Anatomie, Biomechanik und Physiologie. Zu Beginn einer Behandlung testet die Osteopathin nach ausführlicher Anamnese den gesamten Körper und sucht nach verminderter Beweglichkeit, Elastizität und Biegsamkeit sowie erhöhten Spannungen. Mit Fingerspitzengefühl und exakten physiologischen und anatomischen Kenntnissen setzt sie manuelle Impulse (Druck, ziehen, dehnen), um die Beweglichkeit des jeweiligen Gewebes wiederherzustellen. Untersucht werden Gelenkkomplexe, Organe, Nerven und Gefässe sowie das Bindegewebe (Faszien). So wird die Funktion des ganzen Organismus verbessert. Zur Anwendung kommt eine Kombination manueller Techniken für den Bewegungsapparat, für innere Organe und den Schädel. Für jede Art von Gewebe gibt es unterschiedliche Behandlungsmöglichkeiten, wobei die Auswahl der Technik insbesondere vom Patienten abhängt.

Der Schweizerische Verband der Osteopathen (SVO-FSO) vertritt in der Schweiz 700 Mitglieder. Fast alle Krankenkassen vergüten osteopathische Behandlungen über die Zusatzversicherungen. Therapeuten findet man unter www.svo-fso.ch oder bei der Vereinigung akademischer OsteopathInnen www.vaos.ch 


Werden Knochen oder Muskeln nicht mehr gebraucht, verkümmern sie.

Ursachen liegen oft anderswo
In der Osteopathie ist die Kenntnis der Zusammenhänge von Strukturen und Funktionen wesentlich. Zu den Strukturen zählen Gelenke, Muskeln, Sehnen und Organe. Werden Knochen oder Muskeln nicht mehr gebraucht, verkümmern sie. Andererseits stärken wir unsere Muskeln und Knochen bis ins hohe Alter, indem wir sie nutzen. Mehr an Funktion führt in der Regel zu einem Mehr an Struktur – und umgekehrt.

Die Osteopathie ist eine vielfältige Therapieform, die es erlaubt, sehr individuell auf die Situation und Beschwerde des Patienten einzugehen.

Das Bindegewebe spielt ebenfalls eine wichtige Rolle. Die Faszien als Bindegewebshüllen umfassen alle Organe und Strukturen; sie verbinden vor allem auch solche Strukturen, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben. Faszien können somit jede Störung oder Veränderung von einem Körperteil auf ein anderes übertragen. Das erklärt, warum sich Ursachen an einer Stelle im Körper als Schmerz in einer ganz anderen Region des Körpers äussern können. Zum Beispiel können Kopfschmerzen durch verspannte Muskeln ausgelöst werden, die ihrerseits auf Gelenkblockaden im Nacken oder Kiefer zurückzuführen sind. Diese Blockaden wiederum stammen vielleicht von einem lange zurückliegenden Sturz oder sind auf schlechte ergonomische Sitzpositionen am Arbeitsplatz zurückzuführen.

Tischhauser verdeutlicht den funktionellen Zusammenhang zwischen Verdauungssystem und Bewegungsapparat an einem verblüffenden Beispiel: «Eine Verstopfung kann indirekt zu Hüftschmerzen oder gar zu einer Hüftentzündung führen. Denn durch die Verstopfung dehnt sich der Dickdarm aus, was die Durchblutung im Unterbauch beeinträchtigen kann. Die Durchblutung des Hüftgelenkkopfes wiederum ist von den Blutgefässen des kleinen Beckens abhängig.» Die verminderte Durchblutung von Knochen und Knorpel könne schliesslich zu verstärkter Abnutzung des Gelenks und sogar zu einer Arthrose führen. Was tun? Die Osteopathin wird das Hüftgelenk und die knöchernen Strukturen des Beckengürtels mobilisieren sowie die Innereien und das Bindegewebe mitbehandeln.

Patienten individuell behandeln
Auch präventiv wird die Osteopathie angewendet, etwa bei Säuglingen und Müttern nach einer schwierigen Geburt, nach Operationen, bei Sportlern und Tänzerinnen oder auch bei Berufsmusikerinnen (siehe Box). «Die Osteopathie ist eine vielfältige Therapieform, die es erlaubt, sehr individuell auf die Situation und Beschwerde des Patienten einzugehen», betont Tischhauser.

Durch diesen spezifisch auf den Patienten abgestimmten Behandlungsansatz und die wichtige Beziehung, die ein Osteopath zu seinem Patienten hat, ist es kaum möglich, sogenannte Doppelblindstudien zu erstellen, bei denen weder Patient noch Therapeut wissen, ob nun eine echte oder eine «Placebo»-Behandlung durchgeführt wird. Deshalb zielen neuere Studien im Bereich der Osteopathie auf die Verbesserung der Lebensqualität der Patienten ab oder auf das steigende Bedürfnis nach osteopathischen Konsultationen in der Bevölkerung, wie der Schweizer OsteoSurvey Bericht von 2018 zeigt. Die Osteopathie wolle Ärzte nicht ersetzen, sondern sehe sich als Komplementärmedizin, betont denn auch Tischhauser. In jedem Fall strebten Osteopathen eine interdisziplinäre Behandlung an. Der Vorteil der Osteopathie, so die Fachfrau, bestehe darin, dass sie die Gesundheit fördere, bevor die Beschwerde, wie etwa ein Bandscheibenvorfall, überhaupt erst eintritt. Im Gegensatz dazu würden in der Schulmedizin oft Symptome und Pathologien bekämpft, die durch Prävention hätten verhindert werden können.

Gefragt: Barbara Tischhauser*



«Wir behandeln schonend und sanft»

Frau Tischhauser, wie verläuft eine osteopathische Konsultation?
Wenn Sie in eine osteopathische Behandlung kommen, werden Ihnen in der Anamnese zuallererst viele Fragen gestellt zu Ihren Beschwerden und über Ihren allgemeinen Gesundheitszustand. Danach werden osteopathische und medizinische Tests durchgeführt, um eine Behandlungsachse aufzustellen. Deutet nichts auf eine gefährliche Krankheit hin, wird osteopathisch behandelt. Dazu gehören auch die Beratung zur Ernährung sowie Übungen, um den Rücken zu stärken.

Sie behandeln unter anderem Neugeborene und Säuglinge. Wieso haben die schon Osteopathie nötig?
Die Geburt ist eine grosse Herausforderung für den empfindsamen Körper des Säuglings. Und Osteopathie kann insbesondere Menschen, die keine Medikamente nehmen können, in vielen Bereichen schonend und sanft behandeln, etwa bei Bauchschmerzen verbunden mit nächtlichem Babyschreien, Schiefhals, Reflux oder Gleichgewichtsproblemen. Die Osteopathie ist aber auch für ältere Menschen gut geeignet.

Mit welchen Reaktionen muss man rechnen nach einer osteopathischen Behandlung?
40 Prozent der Patienten fühlen sich sofort besser nach einer Behandlung, 10 Prozent spüren im ersten Moment keine Reaktion, wie eine Umfrage aus England zeigte. Doch eine Behandlung kann auch in den ersten Stunden zu leichten neurovegetativen Reaktionen führen, wie Müdigkeit oder Muskelkater; auch der Eindruck einer Erstverschlimmerung kann entstehen, weil sich das Gewebe anpasst und repariert.



* Barbara Tischhauser ist Vizepräsidentin des Schweizerischen Verbands der Osteopathen (SVO-FVO). Die Osteopathin ist in einer Gruppenpraxis in Zürich tätig mit den Behandlungsschwerpunkten Beschwerden des Bewegungsapparats, Behandlung von Neugeborenen und Kindern, Schwangerschaftsbegleitung, Gynäkologie und Urologie sowie Kieferbeschwerden.

Fotos: mauritius-images.com, zvg, unsplash.com/joseph-gruenthal, iStock.com
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